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Die Frankfurter Spitzenkandidatin von Volt Eileen O’Sullivan auf einem Spielplatz unweit ihrer Nachbarschaft am Merianplatz. Foto: Peter Jülich
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Die Frankfurter Spitzenkandidatin von Volt Eileen O’Sullivan auf einem Spielplatz unweit ihrer Nachbarschaft am Merianplatz.

PORTRÄT DER WOCHE

Eileen O’Sullivan: „Wir wollen den anderen Parteien bissschen Feuer unterm Hintern machen“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Eileen O’Sullivan (25) ist Spitzenkandidatin der jungen, paneuropäischen Partei Volt. Die Frankfurterin mit irisch-türkischen Wurzeln mischt bald in der Stadtverordnetenversammlung mit.

Ein bisschen stehe sie immer noch neben sich, sagt Eileen O’Sullivan. Die Frankfurter Spitzenkandidatin der paneuropäischen Partei Volt läuft mit grünem Steppmantel und weißen Glitzersneakers wenige Tage nach der Kommunalwahl auf der Berger Straße an einem Wahlplakat mit ihrem Foto darauf vorbei. „Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, drei Leute in die Stadtverordnetenversammlung zu bekommen. Jetzt sind wir zu viert rein. Das ist megacool.“

Zwei Tage nach dem Wahlerfolg hat sie ihren 25. Geburtstag im Friseursalon an der Rezeption verbracht. „Ich hatte vergessen, mich aus meiner Schicht auszutragen. Aber es war toll, weil mir meine Kollegen zum Geburtstag und zur Wahl gratulierten.“

Die Tochter eines Iren und einer Türkin studiert im siebten Semester Politikwissenschaft und vergleichende Religionswissenschaften an der Goethe-Uni, außerdem jobbt sie eben im Ostend im Friseursalon. Sie plant, beides neben der Politik weiterzumachen.

Der Erfolg von Volt ist deshalb so besonders, weil die junge Partei in Frankfurt zum ersten Mal bei einer Kommunalwahl antrat und gleich 3,7 Prozent der Stimmen bekam. Nun hat Volt gute Chancen, mit den grünen Wahlsiegern in einem Dreierbündnis (CDU, Grüne, Volt) oder in einem Linksbündnis (Grüne, Linke, SPD und Volt) mitzuregieren. O’Sullivan sagt, verschiedene Parteien suchten gerade das Gespräch mit ihnen. Einen Favoriten nennen will sie noch nicht. „Für uns steht an allererster Stelle, dass in Frankfurt progressive Politik gemacht werden muss. Die Verkehrswende muss umgesetzt und sozial gerechter und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.“

Und sie betont: „Bei den Themen Bürgerbeteiligung und Digitalisierung muss Frankfurt viel fortschrittlicher werden.“ In Münster, Köln, Bonn und München regiert Volt bereits in unterschiedlichen Bündnissen mit.

Bereits 2018 tritt O’Sullivan für die Europawahl an, wird aber nicht reingewählt. Geboren und aufgewachsen ist sie in Bad Soden im Taunus. Sie hat einen vier Jahre älteren Bruder. „Er wird Arzt.“ Sie und ihr Bruder seien früh Halbwaisen geworden. „Meine Mama starb, als ich sieben Jahre alt war an Krebs.“ Ihr Vater, ihr Bruder und sie seien seitdem sehr zusammengewachsen. So früh die Mutter zu verlieren, habe sie sehr geprägt. „Ich möchte mich nicht zurückhalten. Ich habe den Drang, etwas Gutes im Leben zu erreichen.“ Für Politik habe sie sich zunächst gar nicht interessiert. „Aber mein Großvater war beim Auswärtigen Amt in Irland und das fand ich immer faszinierend. Er war so ein ruhiger, klassischer Staatsmann, wie man es sich vorstellt.“

Sie sei als Teenie relativ anstrengend gewesen, habe sich aufgelehnt. „Ich hatte kein Interesse an Schule.“ Als Teenie erlebt sie Rassismus. „Auf dem Gymnasium in Königstein waren ich, mein bester Freund, der südkoreanische Eltern hat, und eine schwarze Mitschülerin die absoluten Exoten. Es war eine sehr weiße, privilegierte Schule.“ Ihre Mitschüler hätten sich über ihren zweiten Vornamen Ayse lustig gemacht. „Dann kam immer dieses Klischee: ’Was wird man mal später machen? Man wird türkische Putzfrau.‘ Ich habe immer mitgelacht, weil mir damals noch nicht bewusst war, dass das offensichtlich rassistisch und nicht okay ist.“ Im Alltag sei sie „White passing“. „Also, mir sieht man auf der Straße nicht an, dass ich türkisch bin. Ich hatte auch das Glück, dass ich ein stabiles Umfeld habe. Aber wie müssen sich junge Menschen fühlen, die das nicht haben?“

Nach einem freiwilligen sozialen Jahr im Kindergarten macht sie eine Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement bei der Deutschen Bank. „Ich dachte, selbst wenn ich mich entschließe, später Blaue-Elefanten-Züchten zu studieren, habe ich noch eine Ausbildung, auf die ich zurückfallen kann.“

Die Flüchtlingskrise habe sie zutiefst geschockt. Ihr Vater habe sie mit einem sehr humanen Menschenbild erzogen. „Wie kann die EU darüber urteilen, wer vor dem Ertrinken gerettet wird abhängig davon, ob ein Mensch aus Syrien oder Libyen kommt?“ Sie entschließt sich, Politikwissenschaften zu studieren. Zwei Jahre sei sie „krass sauer“ auf die Politik gewesen, dann habe sie es besser machen wollen. Keine der etablierten Parteien habe sie aber überzeugt. 2018 entdeckt sie Volt. „Das war, als würde ein Knoten platzen mit der europäischen Identität.“ Sie selbst hat die irische Staatsbürgerschaft. „Ich beantrage jetzt die deutsche, damit ich bei der Bundestagswahl wählen kann.“

Ist sie als Politikneuling nicht auch ein wenig eingeschüchtert? „Zwei Wochen vor der Wahl hatte ich diesen Moment der Ehrfurcht, weil mir klar wurde, wie viel Verantwortung ich bald tragen könnte. Aber jetzt fühle ich mich bereit. Wir wollen den anderen Parteien bisschen Feuer unterm Hintern machen, ob als starke Opposition oder progressives Bündnis.“

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