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Handwerkspräsident Bernd Ehinger. 

Handwerk in Frankfurt

Ehinger: „Wir könnten viel mehr Leute ausbilden“

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Handwerkspräsident Ehinger über den Fachkräftemangel, den schlechten Zustand der Berufsschulen und die Digitalisierung. 

Herr Ehinger, Projektentwickler behaupten, ein Grund für die hohen Wohnungspreise sei, dass Handwerker kaum zu kriegen und teuer seien. Ist das Handwerk schuld, dass die Wohnungen in Frankfurt so teuer sind? 
Mit Sicherheit nicht. Aufgrund der vielen Bauprojekte gibt es in Frankfurt und Umgebung eine gewisse Wartezeit. Wer ein Bauvorhaben angehen will, sollte sich zwei bis drei Monate vor Beginn der Arbeiten um Handwerker kümmern.

Handwerker sind knapp und sehr gesucht. Das müssen goldene Zeiten für das Handwerk sein. 
Richtig ist, dass wegen der niedrigen Zinsen sehr viel in Beton investiert wird. Privatleute sanieren ihre Häuser und Wohnungen, bauen neue Heizungen oder neue Fenster ein. Die wirtschaftliche Perspektive für die Handwerksbetriebe ist sehr gut.

Dann müssten Ihnen Bewerber für eine Ausbildung doch eigentlich die Bude einlaufen.
So ist es leider nicht. Früher haben 15 Prozent eines Jahrgangs Abitur gemacht, jetzt sind es im Rhein-Main-Gebiet mehr als 60 Prozent. Und in vielen Köpfen steckt immer noch: Wer Abitur hat, muss auch studieren. Dabei wären mindestens 20 bis 30 Prozent der Abiturienten in einer beruflichen Ausbildung besser aufgehoben, weil sie besser zu ihren Neigungen passt und ihnen tolle Perspektiven bietet. Die berufliche Ausbildung ist gleichwertig zur akademischen Bildung, dazu muss die Gesellschaft wieder stehen.

Industrie- und Handelskammern und Handwerkskammern werben seit Jahren bei Abiturienten für eine Ausbildung. Hat das nichts gebracht? 
Als Handwerkskammer haben wir zum Beispiel ein Programm für Studienzweifler gemeinsam mit der Goethe-Uni kreiert. Insgesamt haben wir mit der Initiative „Your Push“ in dieser Förderperiode schon 30 Menschen, die in und mit ihrem Studium unzufrieden waren, in eine berufliche Ausbildung gebracht. Wir haben im hessischen Handwerk das Ziel, immer etwa 10 000 neue Lehrlinge pro Jahr auszubilden. Diese Zahl halten wir, allerdings könnten unsere Unternehmen ohne Probleme Tausende weitere junge Leute ausbilden. Doch dafür gibt es zu wenige Bewerbungen.

Bei Unternehmensbefragungen heißt es oft, der Fachkräftemangel sei mittlerweile das größte Problem. 
Das ist im Handwerk genauso. Wir spüren ja einerseits die Akademisierung und andererseits den demografischen Wandel. Umso mehr sind wie froh und stolz zugleich, inzwischen mehr als 3000 Flüchtlinge in Ausbildung gebracht zu haben.

Nur mit Menschen, die hier aufgewachsen sind, werden die Betriebe ja auch die offenen Stellen nie besetzen können. 
Das ist richtig. Und das gilt für die Unternehmen im Bereich der Industrie- und Handelskammer oder Krankenhaus und Pflege genauso. Wer aus anderen Ländern hier arbeiten will, unsere Sprache spricht oder schnell lernt, ist in den Betrieben herzlich willkommen.

Welche Rolle für den Fachkräftemangel spielt die Situation auf dem Wohnungsmarkt? 
Eine große. Viele Beschäftigte im Handwerk können sich die Mieten in Frankfurt nicht mehr leisten. Dadurch steigt die Zahl der Pendler weiter. Viele fahren bis zu 100 Kilometer in die Stadt.

Was müsste man tun? 
Frankfurt ist zu klein, um das Wohnungsproblem im Stadtgebiet lösen zu können. Man muss versuchen, Kooperationen mit umliegenden Gemeinden zu schließen. Die neuen Wohngebiete brauchen die nötige Infrastruktur, etwa einen S-Bahn-Anschluss. Die Beschäftigten der Frankfurter Betriebe müssen ja in die Stadt gelangen können. An den Einfahrtsstraßen Pförtnerampeln zu installieren, kann schon deshalb nicht der richtige Weg sein. Vor allen Dingen: Wir brauchen einen Gesamtverkehrsplan, der von der Politik initiiert wird und an dem die Wirtschaft mitarbeiten kann.

Bringen neue Wohnheime für Ausbildende etwas? 
Wir würden deren Schaffung sehr begrüßen. Es muss allerdings eine Instanz geben, die die Einrichtungen betreibt.

Die Stadt prüft, Handwerkerhöfe zu schaffen, gemanagte Gebäude, in denen kleine und mittlere Betriebe Flächen anmieten können. Ist das ein richtiger Schritt? 
Ja, Immer mehr Handwerksbetriebe haben Schwierigkeiten, weil sie keine neuen Flächen finden oder diese nicht bezahlen können. In Wohnstraßen gibt es oft Probleme mit Parkplätzen. Letztlich drängt Frankfurt leider immer mehr Betriebe aus der Stadt. Doch dann kommen sie mit ihren Fahrzeugen jeden Tag wieder hinein, zum Beispiel, um Dienstleistungen zu erbringen. Das ist umweltpolitisch nicht sehr sinnvoll.

Mehrere neue Berufsschulen sollen in Frankfurt entstehen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Berufsschulentwicklungsplan, den der Magistrat eingebracht hat? 
Das etwas passiert, ist erst mal positiv. Die Berufsschulen in der Stadt sind viele Jahre leider stiefmütterlich behandelt worden. Es ist dringend notwendig, die Gebäude und die Ausstattung auf einen neuen Stand zu bringen, aber auch im Hinblick auf das pädagogische Konzept nachzusteuern. Das machen wir in den drei Bildungszentren der Handwerkskammer aktuell auch.

Das Handwerk hat sich durch die Digitalisierung stark verändert. Sind die Berufsschulen darauf vorbereitet? 
Ein Dachdecker fährt heute mit der Drohne übers Dach und schaut sich an, welche Reparaturen notwendig sind. Zahntechniker brauchen keinen Gipsabdruck mehr, sondern nur noch eine digitale Fotografie. Oder gehen sie mal in eine Großbäckerei. Da geht sehr viel vollautomatisch. Auf diese Veränderungen müssten sich die Berufsschulen einstellen, die Politik muss dafür den Rahmen schaffen.

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