hirschhausen_health_for_future
+
Eckart von Hirschhausen bei einer Fridays-for-Future-Demonstration 2019: „Bei 42 Grad würde man bei einem Menschen den Notarzt rufen.“ Und bei der Erde?

Interview

„Werden Sie politisch!“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Der Arzt und Entertainer Eckart von Hirschhausen spricht über unsere Chancen, die Menschheit doch noch zu retten - und was gegen den Klimawandel hilft.

Eckart von Hirschhausen, Jahrgang 1967, ist Doktor der Medizin und studierter Wissenschaftsjournalist. Er schreibt Bücher, moderiert große Wissensshows im Fernsehen („Frag doch mal die Maus“) und tourt als Bühnenkünstler mit seinem siebten Soloprogamm „Endlich!“ durch Deutschland. Auf der Nachhaltigkeitskonferenz erklärt er am Mittwoch, 25. November, um 19.30 Uhr, wie eng der abstrakte Klimawandel und unsere menschliche Gesundheit zusammenhängen, sowohl körperlich wie auch seelisch.

Herr Doktor, wie krank ist unser Klima?

Unsere Mutter Erde ist sehr krank. Sie hat hohes Fieber, das weiter steigt, sie liegt auf der Intensivstation, wenn Sie so wollen. Und zum ersten Mal wird uns unmissverständlich klar, dass wir nicht das Klima retten müssen, sondern uns. Die Erde kann gut ohne uns. Wir aber nicht ohne die Erde. Es gibt auch keine „Umwelt“, sondern eine Mitwelt. Oder haben Sie zu Hause Um-Bewohner? Als Kinder dieser Mutter Erde sind wir existenziell darauf angewiesen, dass wir sauberes Wasser haben, saubere Luft, gesundes Essen und eine erträgliche Außentemperatur. Alle diese Dinge, die wir bislang für selbstverständlich hielten, sind es nicht mehr. Und nichts davon kann man in Pillen pressen oder sich auf Dauer erkaufen.

Sie steuern als Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ einen Beitrag zur Frankfurter Nachhaltigkeitskonferenz bei. Was können solche Veranstaltungen allgemein, was können Sie speziell bewirken?

Als gelernter Arzt und Wissenschaftsjournalist bringe ich einen Aspekt in die Debatte, der bislang oft fehlt. Was haben die großen Krisen unserer Zeit miteinander zu tun, und was bedeuten sie für die Gesundheit von jedem Einzelnen? Die Klimakommunikation drehte sich viel zu lange um Atmosphärenchemie, Eisbären und Inselstaaten, wo man hierzulande denken konnte: Gott sei Dank hat das nichts mit uns zu tun. Dabei ist die Diagnose klar: Die Klimakatastrophe ist die größte Gesundheitsgefahr im 21. Jahrhundert. Und das ist nicht meine private Meinung, sondern wissenschaftlicher Konsens vom Weltärztebund, dem Lancet Climate Countdown bis zur Leopoldina, der Deutschen Akademie der Wissenschaft. Leider haben aber viele noch nicht verstanden, wie ernst das Problem ist und wie dringlich. Deshalb: keine Panik, aber Priorität!

O. k., keine Panik – aber ist die Menschheit denn noch zu retten?

Nur wenn wir in allen Bereichen sehr schnell umsteuern. Emissionen können wir sparen, wenn wir uns im Winter zu Hause einen Pulli anziehen, statt die Heizung aufzudrehen, möglichst viel mit dem Fahrrad fahren und wenig Fleisch essen. Aber individuelle Maßnahmen alleine werden nicht reichen. Deshalb ganz wichtig: Werden Sie politisch! Es ist falsch, alle Kraft auf die Vermeidung von Plastiktüten zu legen, wenn Flüge weiterhin in Deutschland billiger sind als Bahnfahrten. Und wenn Milliarden-Subventionen in der Landwirtschaft und in der Energieerzeugung genau die falsche Richtung befeuern. Jeder von uns hat nicht nur einen ökologischen Fußabdruck, sondern auch einen „Handabdruck“, also die Möglichkeit durch politisches Handeln aktiv zu lernen. Wir müssen uns also mit Hand und Fuß wehren.

Alles wartet auf den Impfstoff gegen Sars-Cov-2; wäre ein Serum gegen den Raubbau an der Natur ebenso wichtig?

Das Wundermittel heißt: den Wildtierhandel beenden! Bei Corona und Klima handelt es sich um Katastrophen mit Ansage. Und in beiden Fällen wäre die Prävention viel billiger als das notdürftige Reparieren der Folgeschäden. Die Fachleute der Biodiversität haben ganz konkrete Forderungen, wie man die nächste Pandemie verhindern kann, zum Beispiel große Gebiete auf dem Land und in den Meeren komplett in Ruhe lassen.

Sie werden häufig zu Klimafragen konsultiert. Wie können wir optimistisch bleiben?

Es ist nicht einfach, optimistisch zu bleiben, aber zwei Punkte geben mir Anlass zu Hoffnung: Erstens – wir können noch etwas ändern, bevor globale Kipppunkte erreicht werden.

Jene Kanten, an denen es kippt, an denen sich Klimaprozesse nicht mehr umkehren lassen.

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Und zweitens – wir sind viele: Das Thema ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen, Jugendliche gehen mit „Fridays For Future“ auf die Straße, Eltern und Großeltern unterstützen sie und auch die Politik kommt an dem Thema nicht mehr vorbei. Wenn ich mir jetzt noch ein drittens wünschen dürfte …

Sehr gern.

… dass die ganze Diskussion mit ein bisschen Humor geführt wird, damit das Ganze nicht so verbiestert rüberkommt. Ich liebe die Plakate mit Augenzwinkern: „Kurzstreckenflüge nur für Insekten“, „Wozu Bildung, wenn keiner auf die Wissenschaft hört?“ oder „Klima ist wie Bier – zu warm ist Scheiße!“

Wie schätzen Sie die Arbeit der Senckenberg-Forscher zur Lage der Umwelt ein?

Extrem wichtig. Ich habe mit den Wissenschaftlern wie Volker Mosbrugger und den Förderern wie Beate Heraeus schon viele spannende Konferenzen moderiert und immer dazugelernt. Ich durfte im Museum auch ein Idol von mir für mein neues Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ interviewen.

Ihr gemeinsames „Sommergespräch“ gibt es auch auf Youtube zu sehen.

In der Kulisse der ausgestorbenen Arten bekam das Gespräch mit dem Universalgenie Jared Diamond eine viel tiefere Bedeutung. Er betonte, dass man eine Krise nur dann überwinden kann, wenn sich die Gesellschaften erst einmal der bitteren Diagnose stellen. Und das fehlt noch in der Politik für Klima und Artensterben. Für Corona hat das ja schon geklappt.

Auf welchem Planeten leben die Menschen im Jahr 2220?

Das kann ich Ihnen erst im Jahr 2030 sagen. Denn diese nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10 000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Deswegen müssen wir schnell handeln – und zwar nicht jeder für sich alleine und im Kleinen, sondern überregional, europäisch und global. Klima ist kein „Modethema“, sondern ganz einfach eine Frage des Überlebens. Es ist völlig naiv zu glauben, wir würden in den nächsten Jahren eine Zaubermaschine erfinden, die das CO2 mit einem Staubsauger wieder verschwinden lässt.

Was sollen wir stattdessen tun?

Viel wichtiger ist es, endlich mit der idiotischen dreckigen und teuren Kohleverstromung aufzuhören, denn aus dem Weltraum betrachtet ist die Atmosphäre eben nicht eine unendliche Müllhalde für Treibhausgase, sondern eine sehr dünne und empfindliche Haut der Erde. Und diese Schutzschicht macht den Unterschied, ob wir auf der Erde leben können oder nicht. Besser wird es nirgendwo im Weltall. Wir sind mit wahnsinnig viel Glück auf dem einzigen bekannten Planeten mit Wasser, Luft und erträglichen Temperaturen. Und um wirklich alle Leser zu motivieren, ist die Erde auch der einzige Ort im Weltall mit Kaffee, Sex und Schokolade. Mensch Erde, wir könnten es echt schön haben!

Interview: Thomas Stillbauer

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare