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Die Brettwurzeln der Flatterulme, betrachtet von Grünflächenamts-Abteilungschef Bernd Roser im Ostpark.

Baum des Jahres

Frankfurt älteste Flatterulme steht im Ostpark

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Die Flatterulme ist der „Baum des Jahres“ 2019. Frankfurts ältestes Exemplar ist 111 Jahre alt.

Wie oft fragt man sich: Was ist aus ihnen geworden? Wann haben wir beispielsweise zuletzt eine Schwarzpappel umarmt, eine Traubeneiche gewürdigt, einer Silberweide beim Plausch mit dem Wind gelauscht? Sie alle waren in den vergangenen 20 Jahren einmal „Baum des Jahres“ in Deutschland, ausgerufen von der Dr.-Silvius-Wodarz-Stiftung. Und in diesem Jahr ist es die Flatterulme.

Seit das bekannt ist, haben viele Menschen zugegeben, noch nie etwas von ihr gehört zu haben. Ganz im Gegensatz zu Bernd Roser und Christian May, von Berufs wegen zuständig für die Unterhaltung der Frankfurter Grünflächen. Und deshalb treffen wir sie am Morgen im Ostpark. Da steht eine Flatterulme.

Und nicht irgendeine. 111 Jahre hat das stolze Exemplar auf der Rinde, das am Rande des Grillplatzes in die Ferne blickt. „Das ist die älteste“, sagt Roser. 22 Meter hoch, 18 Meter Kronendurchmesser, 110 Zentimeter Stammdurchmesser. Gepflanzt 1907 als einer der ersten Bäume im damals neu angelegten Ostpark. Es gibt durchaus höhere (im Riederwald, 28 Meter) und es gibt auch dickere (an der Siesmayerstraße, 113 Zentimeter). Aber am schönsten steht die Ostpark-Flatterulme, die Nummer 823 im städtischen Baumkataster. Sie hat einen tollen Blick über die große Wiese auf den Teich. Ihr nimmt kein Nilgänsezaun und keine Gänsehecke die Sicht. Da steht sie drüber.

Flatterulmen brauchen viel Platz

Was kann so eine Flatterulme? Etwa flattern? Ja – zwar nicht der ganze Baum, aber ihre Blüten, weil die an einem längeren Stiel wachsen als jene der Kolleginnen Berg- und Feldulme. Ihr Holz ist fest und elastisch genug für den Möbelbau. „Und sie hat eine sogenannte Brettwurzel“, erläutert Roser, „die ist schmal und breit.“ Natürlich nicht an derselben Stelle; die Wurzel kommt schmal aus dem Stamm und wächst dann breit in die Umgebung. Das verleiht ihr einen sicheren Stand, denn die Flatterulme verträgt zwar Trockenheit gut, aber auch mal eine Überschwemmung, den ausgreifenden Wurzeln sei Dank. Womit andererseits auch geklärt wäre, warum es nur 84 Flatterulmen in Frankfurt gibt, davon 61 im Zuständigkeitsbereich des Grünflächenamts, der Rest in Schulen, Kindertages- und Sportstätten: Sie brauchen halt viel Platz. Und den hatten wir hier noch nie zu bieten.

Ein grandioser Anblick, dieser Baum, gerade jetzt in der blattlosen Zeit, wie er die schlanken Finger ausstreckt und die buckelig gebeugte Hängebuche überragt. Gut, dass es die Aktion „Baum des Jahres“ gibt, sagt Roser: „Sie soll ja den Blick auf seltene Baumarten lenken.“ Das Grünflächenamt nutzt die Vorlage stets, um einige dieser seltenen Bäume zu pflanzen. Ein Vorteil der Flatterulme ist auch ihre Widerstandsfähigkeit: Sie kann sich besser als andere Ulmenarten gegen die Käfer wehren, die seit 100 Jahren eine fatale Pilzerkrankung übertragen; zahllose Ulmen fielen ihr zum Opfer. „Es gibt intensive Forschungen, wie man Ulmen kreuzen kann, damit sie nicht aussterben“, sagt Christian May.

Wäre schade drum. Immerhin entstammt die Frau laut germanischer Sage einer Ulme (Mann: Esche), und mythologisch ist die Ulme der Baum der Intuition. In Frankreich macht man die Ulme zum Mittelpunkt des Dorfs und feiert darunter. Im April will das Grünflächenamt die Flatterulme besonders ehren. Sie weiß Bescheid und wird sich bis dahin hübschmachen: mit Blättern, an der Oberseite glänzend grün, an der Unterseite und am Saum der Nussfrüchte sanft behaart. Man sagt auch: bewimpert.

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