+
In der Freßgass ist es besonders holprig.

Verkehrsüberwachung

E-Scooter in Frankfurt - Immer mehr Missstände beklagt

  • schließen

Die Polizei verstärkt ihre Kontrollen von E-Scooter-Fahrern. Viele unterschätzen den Einfluss von Alkohol auf die Fahrsicherheit. 

Bei der Kontrolle am Mainufer nimmt Oberkommissar Carsten Kehr einen Marihuanageruch wahr. Ob er Rauschgift dabei habe, fragt er den jungen Mann mit dem E-Roller. Nein, aber er habe gerade einen Joint geraucht, gibt er ganz offen zu. „Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie da ein Kraftfahrzeug führen“, betont Kehr. Der offenherzige junge Mann musste zur Blutentnahme und bekam eine Anzeige wegen Fahrens unter Drogeneinfluss. Der Vorfall zeigt, wie wenig Erfahrung die Verkehrsteilnehmer bislang im Umgang mit den E-Rollern haben.

Kehr arbeitet bei der Verkehrsüberwachung der Frankfurter Polizei. Er hatte sich schon vorab ein bisschen eingelesen, als er hörte, dass ab Sommer ein ganz neues Verkehrsmittel auf der Straße unterwegs sein werde. Seitdem kontrolliert die Polizei fast täglich die Nutzer, die größtenteils auf Leihfahrzeugen fahren. Die häufigsten Verstöße sind das Fahren zu zweit und in nicht zugelassenen Bereichen wie auf dem Opernplatz oder am Mainufer. Über die Kontrollen hinaus stößt die Polizei bei Unfallaufnahmen auf die Fahrer von E-Rollern. „Die Zahl der Unfälle ist aber nicht so schlimm wie vielleicht der ein oder andere befürchtet hat“, sagt Kehr. Die Zahl der registrierten Unfälle liege nach einem halben Jahr „im mittleren bis hohen zweistelligen Bereich“. Etwa ein Viertel davon sei alkoholbedingt, betont Kehr.

E-Scooter: Der häufigste Verstoß ist das Fahren zu zweit

Die überall in der Innenstadt und Sachsenhausen rumstehenden E-Roller schaffen nach einer Kneipentour Gelegenheiten. Die Polizei kontrolliert daher auch verstärkt bei Festen wie zuletzt beim Weihnachtsmarkt. Das Fahren auf den E-Rollern unter Alkoholeinfluss wird von vielen Nutzern unterschätzt, zudem ist das Fahren für viele ungewohnt. „Die E-Roller haben eine ganz andere Fahrphysik: kleine Räder und, weil man steht, einen höheren Schwerpunkt“, so Kehr, der das neue Verkehrsmittel hin und wieder selbst privat genutzt hat. So ist etwa das Einhändigfahren eine große Herausforderung, aber eigentlich Pflicht, um Fahrtrichtungsänderungen anzuzeigen.

Auch das Straßenverkehrsamt kontrolliert die E-Roller. Seit Juli kontrollierte die Verkehrspolizei 133-mal, dabei gab es 439 Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten. Die häufigsten Verstöße auch hier: Fahren zu zweit oder auf dem Gehweg. Bei den Kontrollen hat das Straßenverkehrsamt ein erschreckendes Maß an Unwissenheit bei den Nutzern festgestellt. „Für viele Touristen, die damit rumfahren, ist es völlig unmöglich zu wissen, was erlaubt ist“, sagt Rainer Michaelis von der Abteilung Verkehrssicherheit. Das Straßenverkehrsamt wollte die Touristen nicht alleine lassen und hat Flyer erstellt, in denen mittels Bildchen darauf hingewiesen wird, was nicht erlaubt ist. Eine Aufgabe, für die eigentlich andere zuständig seien, findet Michaelis: „Die Aufklärungsarbeit müsste der Bund machen.“ Schließlich hatte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) die E-Roller im Juni für den Straßenverkehr zugelassen.

E-Scooter in Frankfurt: Verkehrspolizei erhält viele Beschwerden

Für die Verkehrspolizei ist das Thema E-Roller ein zusätzliches. „Eigentlich kümmern wir uns um den ruhenden Verkehr“, so Michaelis. Die Verkehrspolizei erhält wegen der E-Roller auch viele Beschwerden per E-Mail, allein 106 zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober. In den meisten Fällen geht es um E-Roller, die auf dem Bürgersteig fuhren oder verkehrswidrig abgestellt wurden. Mit der Ahndung solcher Verstöße wie dem verkehrswidrigen Abstellen von E-Rollern sei es sehr schwierig. „Eine Sisyphusarbeit“, so Michaelis. Die automatische Halterauskunft über die Nummernschildchen laufe teilweise ins Leere und wenn der Halter ermittelt sei, müsse dieser bei einem Leihfahrzeug angeschrieben werden, um zu erfahren, wer den Roller zuletzt gefahren habe. Wenn dann die Antwort „Herr Müller aus Hongkong“ lautet, kommt das Straßenverkehrsamt auch nicht weiter.

Oberkommissar Kehr würde in manchen Sachen auch gerne die Anbieter von Leihfahrzeugen in die Pflicht nehmen. Etwa, wenn es darum geht, die für E-Roller verbotenen Zonen bekannt zu machen. Letztlich aber sind die Fahrer der E-Roller verantwortlich, wie eine Sprecherin der Polizei verdeutlicht: „Wenn ich mich ins Auto setze, muss ich mich auch informieren, wo ich fahren darf.“ Ein Fazit möchte Kehr nach einem halben Jahr E-Roller in Frankfurt noch nicht ziehen: „Dafür ist es noch zu früh, es gibt die E-Roller noch nicht lange genug.“

E-Scooter: Viele offene Fragen

Die Nutzung der E-Roller ist in der Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr (EKFV) geregelt. Die Verordnung trat am 15. Juni 2019 in Kraft. Die in Deutschland erlaubte Geschwindigkeit liegt bei maximal 20 Stundenkilometern. Da in vielen anderen europäischen Ländern 25 km/h erlaubt sind, müssen Interessenten beim Kauf eines Rollers darauf achten, dass der Roller für deutsche Straßen zugelassen ist.

Erforderlich ist neben der Betriebserlaubnis für Deutschland eine amtliche Versicherungsplakette und ein Fabrikschild, auf dem die bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h vermerkt ist.

Milliardeninvestitionen: Scheuer will Autoland Deutschland zur Radnation machen

Das Fahren der E-Roller ist ab 14 Jahren erlaubt, viele Anbieter von Leihfahrzeugen fordern in ihren Geschäftsbedingungen aber ein Mindestalter von 18 Jahren.

Der Deutsche Verkehrsgerichtstag befasst sich in seiner Tagung Ende Januar in Goslar wegen der vielen offenen Fragen ebenfalls mit dem Thema E-Roller. Am „Arbeitskreis 5, Elektrokleinstfahrzeuge“ wird auch das Frankfurter Straßenverkehrsamt teilnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare