1. Startseite
  2. Frankfurt

Dunkelheit in der Stadt

Erstellt:

Von: Sabine Schramek

Kommentare

Frankfurt bei Nacht kann ganz schön unheimlich sein.
Frankfurt bei Nacht kann ganz schön unheimlich sein. Monika Müller © Monika Müller

Die Spar-Beleuchtung hinterlässt bei vielen, die abends unterwegs sind, ein mulmiges Gefühl.

Zehntausende Laternen sind gedimmt, viele ganz ausgeknipst. Schon am frühen Abend wirkt die Stadt gespenstisch. Die Nebenwirkung vom Energiesparen ist ein mulmiges Gefühl. Nicht auf dem Eisernen Steg, der bleibt auch nachts beleuchtet. Wer aber auf dem Holbeinsteg steht und den Eisernen Steg sucht, sieht schwarz. Die Brücke mit den vielen Liebesschlössern wird – ebenso wie der Dom – von der Dunkelheit verschluckt.

Frankfurt spart Energie. 2491 Illuminationsleuchten am Mainufer und an den Brücken sind aus. 218 Bodeneinbaustrahler ebenfalls. 33 000 verkehrssichernde Straßenlaternen laufen im reduzierten Betrieb. Nur in der Innenstadt, im Bahnhofsviertel und an Fußgängerüberwegen ist es noch hell.

Am Museumsufer wirken die unbeleuchteten Platanen wie Gespenster, die ihre Astarme nach Passantinnen und Passanten recken. Lachgas-Gekicher vom Ufer unterstützt das mulmige Gefühl. Hunde, die mit ihren Herrchen und Frauchen Gassi gehen, knurren leise.

Wer nach Alt-Sachsenhausen geht, wird am frühen Abend, bevor die Lokale ihre Lichter einschalten, von fast kompletter Dunkelheit umgeben. Nur die Flammen der Gaslaternen leuchten wie Glühwürmchen. Bewegungsmelder gehen an, wenn sich jemand dunklen Eingängen nähert. „Quer durch Alt-Sachs gehe ich erst, wenn die Bars öffnen. Das ist viel zu gruselig hier“, sagt die 26-jährige Ornella, die lieber weite Umwege „mit Autolichtern und anderen Leuten“ in Kauf nimmt. „Passiert ist mir noch nie was. Aber das Gefühl in der Finsternis passt zu jedem Krimi.“

In Hibbdebach am Main ist es so dunkel, dass Liebespaare lieber nicht vom Holbeinsteg zum Nizzapark spazieren, auch wenn das Tor offen ist. Sie bleiben oben auf der Straße und beobachten Gestalten, von denen nur Konturen sichtbar sind.

Es ist ein ungewohntes Gefühl, das einen beschleicht, seit die Beleuchtung eingespart wird. Ähnlich wie bei Kindern, die sich im Dunklen fürchten. Die fiktiven Monster unter dem Bett tauchen in Form von Ästen und Umrissen von Gebäuden auf, die nur schemenhaft zu erkennen sind. Gespenster, die keine sind.

Durch die Evolution lässt sich Angst vor Dunkelheit erklären. Einst waren Menschen nachts besonders bedroht, weil Beutegreifer unterwegs waren. Sie blieben in ihren Höhlen. Dass Frauen im Dunkeln deutlich mehr Angst haben als Männer, liegt an der Sorge vor unangenehmen Begegnungen, Übergriffen oder sogar Vergewaltigung. Schon immer lernen Mädchen, nachts nicht allein im Park oder durch dunkle Gassen zu gehen.

Eine bundesweite Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamtes mit 45 000 Befragten bestätigt dies. Demnach meiden vor allem Frauen nicht nur den öffentlichen Nahverkehr bei Dunkelheit. Etwa 58 Prozent haben bereits vor zwei Jahren Umwege um dunkle Plätze und Parks gemacht. Bei Männern waren es nur halb so viele.

Auch wenn die Laternen in der Innenstadt „normal“ leuchten, wirkt es dunkler als früher, weil die meisten Schaufenster dunkler sind. Fast makaber wirkt ein nicht weit vom dunklen Rossmarkt entferntes Fenster, das eine schwarz gekleidete männliche Person vor weißem Hintergrund zeigt. Wer in Begleitung ist, lacht. Wer alleine ist, wechselt die Straßenseite.

Wer sich im Dunkeln fürchtet, sollte beim Gehen telefonieren. Wer keine Ansprechpartner:innen im eigenen Umfeld hat, kann sich an das kostenlose Heimwegtelefon wenden. Unter: 030/1207 4182 begleiten Ehrenamtliche telefonisch nach Hause.

Auch interessant

Kommentare