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Yves in Marokko. Zweimal trat er die lebensgefährliche Reise mit dem Schlauchboot an.

Frankfurt

"Der Druck ist so groß, er kann nicht zurück"

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Die Frankfurter Regisseurin Melanie Gärtner erzählt eine besondere Flüchtlingsgeschichte. "Yves? Versprechen" handelt von einem Kameruner, der nicht in sein Land zurück kann, denn dort droht ihm die soziale Ächtung.

Yves steht am Strand in Marokko. Die Arme verschränkt. Dann erzählt er diese Geschichte von seiner kleinen Tochter, die von einem Mann in seiner Heimat Kamerun vergewaltigt wird. Wie der Mann nicht bestraft wird, nur weil er Geld und Einfluss hat. Einer der größten Frustmomente in seinem Leben. Einer von vielen. Vor acht Jahren ist er in Kamerun allein aufgebrochen, um in Europa ein neues Leben zu beginnen. Seitdem hat seine Familie nichts von ihm gehört. Die Frankfurter Filmemacherin Melanie Gärtner nimmt Videobotschaften von Yves auf, reist damit nach Kamerun und trifft dort seine Familie: Der Dokumentarfilm „Yves’ Versprechen“ feiert am Freitag, 18. Januar, Premiere in Frankfurt.

Wie haben Sie eigentlich Yves kennengelernt, Frau Gärtner?
Ich habe Yves kennengelernt, als ich meinen Vorgängerfilm „Im Land dazwischen“ 2010 in der spanischen Exklave Ceuta gedreht habe. Yves war dort gerade im Auffanglager angekommen. Das war das erste Mal, dass er mit dem Schlauchboot über die Meeresgrenze kam. Schon da erzählte er mir von der Vergewaltigung seiner Tochter durch einen mächtigen Mann und seiner Ohnmacht, in diesem korrupten System. Irgendwann war Yves verschwunden. Erst zwei Jahre später meldete er sich wieder: „Ich wurde nach Kamerun abgeschoben und jetzt bin ich wieder in Marokko. Ich probiere es jetzt zum zweiten Mal mit dem Schlauchboot nach Spanien aufzubrechen.“

Wie haben Sie reagiert?
Ich war erschüttert, dass er sich dieser Todesgefahr mit dem Schlauchboot übers Meer nochmal aussetzten wollte. Er hatte bereits den Geschmack Europas gekostet und er wusste, dass ihm dieser Weg des Asyls sehr wahrscheinlich nicht zu Verfügung stehen wird. Aber all dies war besser als in Kamerun einen Neuanfang zu wagen…

Und dann haben Sie sein zweites Ankommen begleitet…
Als er es tatsächlich zum zweiten Mal über das Meer geschafft hatte, lebte er bei NGOs oder schlief unter der Brücke in Bilbao. Immer mit der Angst, dass, wenn er ohne Papiere erwischt wird, ihm die Abschiebung droht. Er hat mir viel erklärt, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, nicht zum Kern seiner Motivation vorzustoßen. Ich merkte, ich muss selbst nach Kamerun fahren, um seine Vergangenheit und Beweggründe auch wirklich nachvollziehen zu können.

Wie hat die Familie auf die Videobotschaft von Yves reagiert?
Spannend war, dass sie, ob nun der beste Freund oder die Familie, mit mir auf eine ganz andere Art und Weise von ihm redeten, als in dem Moment, wenn sie seine Videobotschaft gesehen haben. Im direkten Gespräch hat sein bester Freund immer sehr liebevoll von Yves gesprochen. Aber seine Reaktion auf Yves’ Botschaft hatte einen ganz anderen Ton: „Dass er sich anstrengen soll, was tun für seine Familie.“

Der Druck auf Yves ist also enorm groß, nicht?
Yves kann nicht zurück. Selbst wenn es die nahen Familienmitglieder verstehen würden, die soziale Ächtung, für jemanden, der mit leeren Händen zurückkommt ist so stark, dass kann man als junger Mensch nicht aushalten. Nach seiner Abschiebung vor ein paar Jahren war er sogar in der eigenen Stadt untergetaucht, so dass ihn bloß niemand sieht. Der Druck ist so stark, dass es Yves vorzieht die Menschen, die er liebt, nicht wiederzusehen, solange bis er etwas erreicht hat.

Der Film endet 2015. Wie geht es Yves heute?
Er ist zurück in Bilbao und hat eine Fortbildung zum Klempner und eine zum Kellner gemacht. Er sucht jemand, der ihn anstellt. Dann würde er eine befristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Die schöne Nachricht ist, dass er jetzt eine Freundin hat. Sie kommt auch aus Kamerun. Immer wieder schöpft er neuen Mut. Das bewundere ich. Er will wie jeder Mensch aus seiner Geschichte eine gute Geschichte machen. Ich hoffe, dass wir irgendwann gemeinsam ein Filmgespräch machen können. Das wäre so schön.

Zur Person: Melanie Gärtner (37) studierte Ethnologie, Literatur und Journalismus. Sie ist Filmemacherin und freie Autorin. 

Die Premiere von Yves’ Versprechen ist am Freitag, 18. Januar, um 19 Uhr, Evangelische Akademie, Römerberg 9. Am Sonntag, 20. Januar, um 14 Uhr läuft der Film im Mal Seh’n Kino; am 2. Februar um 18 Uhr im Deutschen Filmmuseum. Überall folgt ein Filmgespräch. Infos und Trailer unter www.yves-versprechen.de. rose

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