Die Drogenszene im Bahnhofsviertel in Frankfurt sorgt immer wieder für Ärger.
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Die Drogenszene im Bahnhofsviertel in Frankfurt sorgt immer wieder für Ärger.

Bahnhofsviertel

Drogenpolitik in Frankfurt: „Crack ist das größte Problem“

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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George ist süchtig nach Crack und Heroin, die Drogen bestimmen seit 16 Jahren sein Leben. Er glaubt, eine kontrollierte Crackabgabe in Frankfurt könnte bei vielen Schwierigkeiten in der offenen Drogenszene helfen.

  • Viele fordern eine Reform der Drogenpolitik in Frankfurt.
  • Für Heroin gibt es bereits sogenannte Konsumräume in der Stadt.
  • Ein Substitutionsprogramm für Crack könnte gewalttätige Auseinandersetzungen in Frankfurt reduzieren.

Frankfurt – George blinzelt, immer wieder fallen ihm die Augen zu, doch er bemüht sich, wach zu bleiben. Er ist müde, denn George ist seit drei Tagen wach. „Vorhin bin ich im Konsumraum im Sitzen eingeschlafen. Die Folie mit dem Heroin lag neben mir auf dem Boden“, sagt er und lächelt.

George ist abhängig von Crack und Heroin. Er heißt eigentlich anders, doch er will seinen echten Namen in der FR nicht lesen, sagt er während des Gesprächs in der Drogenhilfeeinrichtung La Strada.

Drogenpolitik in Frankfurt: Kontrollierte Crackabgabe könnte die Lage beruhigen

Über Menschen wie ihn wird in Frankfurt viel diskutiert. Anwohnerinnen beklagen sich über vermüllte Straßen, Gastronomen beschwerten sich in einem offenen Brief an die Stadt, die Situation sei seit Corona schlimmer geworden. Die Stadt erhöhte daraufhin die Polizeipräsenz. In der Römer-Koalition gibt es Stimmen, die die Freiräume für Drogensüchtige für zu groß halten. Ob Koalition oder Opposition, beide Seiten fordern eine Neuausrichtung der Drogenpolitik.

Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) plädierte jüngst im Interview mit der FR für eine kontrollierte Abgabe von Crack. Doch die Stimmen von Menschen wie George werden in der Öffentlichkeit nur selten gehört. George kennt die Drogenszene im Bahnhofsviertel gut. Er ist dort täglich unterwegs. Fragt man den 51-Jährigen, was er von Majers Vorstoß hält, nickt er. Eine kontrollierte Crackabgabe sei eine gute Idee, findet er. „Crack ist das größte Problem. Es ist die Hauptdroge in der Szene, morgens bis abends.“ Crack ist die kristalline Form von Kokain, nur weitaus billiger und stärker. Die Droge heißt Crack, weil beim Rauchen in der Pfeife ein knackendes Geräusch entsteht.

Seitdem die Polizei öfter durch die Straßen fährt, sei es für die Abhängigen schwerer geworden, an die Droge zu kommen. „Die Dealer rennen weg und dann gibt es auch kein Crack“, sagt George. Er nimmt einen Schluck von seiner Apfelsaftschorle, senkt leicht den Kopf und richtet sich dann auf. „Weißt du, wenn dann eine Person sagt, ich habe Crack, dann springen 10, 20 Leute auf sie. ‚Gib mir, gib, gib mir‘, brüllen sie, aber die Person hat ja auch nicht so viel, dann suchen die Junkies weiter, finden nichts, dann gibt’s Diskussionen, Schlägereien, ja, so läuft das“, sagt er und schüttelt den Kopf.

Drogenpolitik in Frankfurt: Drogen bestimmen Georges Leben seit 16 Jahren

Georges Drogenkarriere beginnt vor 16 Jahren. Ein paar Monate, bevor er zum ersten Mal Crack raucht, steigt George mit einem Freund in Amsterdam in einen Bus. „Wir sind einfach bis zur Endstation gefahren und das war Frankfurt“, erinnert er sich. In Amsterdam lebte er eine Zeitlang in besetzten Häusern, doch dann wurde den Freunden langweilig und sie gehen.

In Frankfurt lebt George zunächst auf der Straße, dann bekommt er Hilfe, findet eine Wohnung, einen Job. Dann habe er angefangen, „Steine zu rauchen“, wie Crack in der Szene genannt wird. „Ich habe es einfach mal ausprobiert, dann war ich sofort abhängig.“

Zwei Jahre später folgt Heroin. „Ich saß total high mit einer jungen Frau in meiner Wohnung. Sie sagte, dass sie mir helfen könnte, runterzukommen.“ Sie bot ihm Heroin an, zeigte ihm, wie man es sich spritzt. 14 Jahre lang drückt er, vor drei Monaten hat er damit aufgehört. Seitdem inhaliert er Heroin über Folie. Folienrauchen nennt man das. Das Heroin wird auf einer Alufolie von unten erhitzt und die aufsteigenden Dämpfe werden durch ein Röhrchen inhaliert. Dafür geht George in die Konsumräume. Dort bekommt er alles, was er braucht. Crack raucht er dagegen auf der Straße.

Es ist nicht so, dass George zuvor keine Berührungspunkte mit Drogen hatte. Er kommt aus New York, dort war er Mitglied in einer Drogengang. George war an Schießereien beteiligt, er selbst habe Schusswunden am Körper, sagt er. Bei einer der Schießereien töten seine Kugeln einen Menschen. George wird zu 27 Jahren Haft verurteilt, doch nach 15 Jahren kommt er frei und fliegt nach Amsterdam. Aber auch in Frankfurt wird er mit Polizei und Justiz konfrontiert, sitzt sogar in Untersuchungshaft, aber verurteilt wird er nie. Das war 2008.

Drogenpolitik: Substitutionsprogramm für Crack könnte Gewalt in Frankfurt reduzieren

Viele Drogensüchtige seien schon aus verschiedenen Gründen im Knast gewesen, wie George sagt. „Du denkst ja nicht über die Konsequenzen nach, wenn du süchtig bist. Du denkst Tag für Tag nur an die Drogen.“ George glaubt, dass ein Substitutionsprogramm für Crack so manche Probleme auf der Straße lösen könnte, eben auch die Gewalt.

„Viele Leute würden lieber in einem Programm sein, wo sie Crack täglich kriegen, dann haben sie auch kein Problem“, sagt er. „Weißt du, Crackentzug ist sehr schlimm, ich habe das ja selbst erlebt. Wenn ich schlafen gehe und am nächsten Morgen aufstehe“, er hält kurz inne, richtet sich auf, seine Stimme wird lauter. „Um Gottes Willen, ich kann nicht funktionieren. Ich brauche die Steine.“ Wie fühlt sich das an? „Du hast Schmerzen, du kannst einfach nicht laufen, nicht denken, dein Bauch schmerzt, du kannst nicht richtig atmen, du bekommst keine Luft, deine Füße schmerzen.“

George raucht viel, mehrere Pfeifen am Tag. Tagelang bleibt er wach. „Du machst einfach weiter und weiter, aber du musst aufpassen, dass du am nächsten Tag noch Crack hast“, sagt er. Denn wenn er dann mal schlafen gehe und am nächsten Tag aufwache, gehe das Ganze wieder von vorne los. Denn er kennt den Entzug, und den gilt es zu verhindern. Für George ist der Entzug von Crack schlimmer als der von Heroin.

Frankfurt und Drogenpolitik: „Ich werde es schaffen“

„Ich rauche nur, um die Schmerzen zu stillen“, sagt er. Er wäre gern clean und hat sich wieder mal für eine Entgiftung angemeldet. Dreieinhalb Wochen ist er in der Klinik und dann wird er „hoffentlich sauber sein“. Sein Plan: „Ich nehme Subutex für Heroin, na ja, für Crack gibt es ja keine Alternative. Das wird ein kalter Entzug“, sagt er und verzieht etwas das Gesicht. „Die erste Woche wird sehr weh tun.“

Aber George ist optimistisch „Ich werde es schaffen. Ich will kein Heroin mehr konsumieren.“ Aber bei Crack sehe das etwas anders aus. „Ich weiß, wenn ich rauskomme, werde ich bestimmt wieder rauchen, aber ich will weniger konsumieren.“ (Von Stefan Simon)

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