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In ihren blauen Uniformen sehen die Sozialarbeitenden von Sip züri der Polizei zum Verwechseln ähnlich.

Hintergrund

Sozialarbeiter in Uniform

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die CDU will die Drogenpolitik reformieren und möchte das Zürcher Drogenmodell in Frankfurt einführen. Doch dient Zürich wirklich als Vorbild?

Der Weg zum kontrollierten Drogenkonsum führt vom Zürcher Hauptbahnhof über die Sihl in die Militärstraße. Dort, in einer alten Kaserne, sitzt eine von drei Drogenhilfeeinrichtungen der Stadt. Während des fünfminütigen Spaziergangs deutet nichts darauf hin, dass in Zürich 950 Drogenabhängige monatlich 22 000 illegale Substanzen konsumieren. Die Straßen sehen aus, als wären sie frisch poliert, es riecht nicht nach Urin, niemand setzt sich öffentlich einen Schuss in den Arm. Anders als in den Wasserstraßen des Frankfurter Bahnhofsviertels.

Beide Städte gelten seit Anfang der 1990er Jahren als Drogenhochburgen, beide Städte hatten mit einer Drogenszene zu kämpfen, die völlig außer Kontrolle geriet. Der Drogenhotspot Frankfurts war die Taunusanlage, in Zürich der Platzspitz. Auch in Zürich roch es nach Urin, nach Kot, auch in Zürich kam es zu Schießereien rivalisierender Dealerbanden. Beide Städte etablierten eine Drogenpolitik, eröffneten Konsumräume, in denen Abhängige mitgebrachte Drogen unter Aufsicht konsumieren können. Beide Städte erlangten die Kontrolle zurück und halfen den Drogensüchtigen. Doch in Frankfurt ist die offene Drogenszene weiter sichtbar, in Zürich jedoch nicht. Was macht Zürich also scheinbar besser als Frankfurt?

Um Antworten darauf zu finden, hat sich eine Frankfurter CDU-Delegation, mit dabei auch Sicherheitsdezernent Markus Frank, am Montag auf den Weg nach Zürich gemacht. Eine Antwort kann Florian Meyer, Abteilungsleiter der Kontakt- und Anlaufstelle in der Militärstraße, ihnen nicht geben. Dafür kennt er die Frankfurter Drogenpolitik nicht. Aber er sagt einen Satz, der hängen bleibt: „Wir versuchen die Szenen zu steuern.“

Was Meyer damit meint, basiert im Wesentlichen auf dem Viersäulenprinzip (Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression). Dazu gehört etwa die Sensibilisierung der Öffentlichkeit, die ärztlich gestützte Heroinabgabe, die drei Kontakt- und Anlaufstellen und das Sip züri.

Im Vergleich

Auch der Frankfurter Weg basiert auf vier Säulen. Durch „Prävention“ soll der Einstieg in den Drogenkonsum vermieden oder zumindest verzögert werden. „Beratung und Therapie“ dienen dazu, den Ausstieg zu erleichtern. Gesundheitliche Risiken sollen durch die „Überlebenshilfe“ vermindert werden. Die „Repression“ gilt vor allem den Dealern, um den Drogenhandel zu bekämpfen.

Doch es gibt zwischen beiden Städten zwei wesentliche Unterschiede. Zum einen sei der öffentliche Druck auf der Straße zu groß. Draußen herrsche eine Nulltoleranzpolitik. „Die Konsumenten wissen, dass sie in den Anlaufstellen frei konsumieren können. Der Drogendeal ist verboten, das Verbot wird mit Augenmaß umgesetzt“, sagt Meyer. Der Fokus der Polizei liege nicht auf den Konsumenten. „Wenn der Austausch von Substanzen zwischen Schwerstabhängigen nicht in den Einrichtung stattfindet, dann passiert es eben draußen“, sagt Meyer. Jeder, der in die Kontakt- und Anlaufstellen kommt, ist bekannt. Und anders als in Frankfurt müsse in Zürich niemand nachweisen, süchtig zu sein.

Doch ohne das Sip züri würde all das wohl so nicht funktionieren. Sip steht für „Sicherheit, Intervention, Prävention“. Inoffiziell wird Sip seitens der Klientinnen und Klienten auch „Spazieren im Park“ genannt. In den blauen Uniformen sehen die städtischen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Polizei zum Verwechseln ähnlich. Die 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommen aus der Sozialen Arbeit, Pflege, Psychologie oder Sozialbegleitung und sprechen 30 verschiedene Sprachen. Ihre Mission: für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Sip schafft es, sich vom wachsenden Sicherheitsbedürfnis in der Bevölkerung zu nähren und gleichzeitig ein soziales Image aufrechtzuerhalten. Politikerinnen und Politiker von links bis rechts feiern sie als Erfolgsrezept gegen die Probleme im öffentlichen Raum.

Gegründet wurde die Sip im Jahr 2000. Fünf Jahre zuvor hatte die Stadt Zürich die offene Drogenszene im Oberen Letten neben dem Platzspitz geräumt. Doch die Abhängigen verteilten sich über das Stadtgebiet, verschwanden in Hauseingängen und Hinterhöfen und begannen, sich bald wieder an anderen Plätzen zu sammeln, so wie in Frankfurt zwischen Nidda- und Kaiserstraße.

Zürcher Regierung stand unter Druck

In Zürich liefen die Anwohner und Gewerblerinnen Sturm, so wie in Frankfurt vor einigen Wochen auch. Sicherheitsdezernent Frank reagierte darauf mit erhöhter Polizeipräsenz.

Die Zürcher Regierung stand damals unter Druck. Nachdem die Polizei die Plätze räumte, die Stadt sie wieder öffnete, patrouillierten durch die Straßen, neben der Polizei, die Gruppe Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter von Sip. Als Mischung aus „aufsuchender Sozialarbeit und Ordnungsdienst“ sollte sie den Abhängigen und Punks beibringen, wo sie pinkeln und ihren Müll entsorgen sollen, und sie wenn möglich in die Kontakt- und Anlaufstellen bringen.

Ein ähnliches Projekt verfolgt Frankfurt mit Ossip auch. Die Abkürzung steht für „Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention“. Jeden Tag zwischen 10 und 20 Uhr ist das Team im Bahnhofsviertel unterwegs und versuchen, den Abhängigen den Weg in die Konsumräume zu weisen, sie auf Ämter zu begleiten oder ihnen helfen, einen Ausstieg zu finden.

Ein weiteres Erfolgsrezept aus Sicht von Sip züri ist die Dezentralisierung der Kontakt- und Anlaufstellen und die unterschiedlichen Öffnungszeiten. Schließt die eine um 14.45 Uhr, hat die andere bis 19.30 Uhr geöffnet. „So bleiben die Konsumenten immer in Bewegung und können sich nicht an einem zentralen Punkt sammeln“, sagt Simon Weis, Abteilungsleiter von Sip züri. Doch aktuell hat die Abendeinrichtung, die außerhalb vom Stadtzentrum liegt, geschlossen und muss umgebaut werden. Die Szene ist daher nicht in Bewegung, weil die zwei Einrichtungen zu nah beieinander liegen. „Ich hoffe, dass sie bald wieder öffnen wird“, sagt Weis. Denn abends um halb acht ist in der offenen Drogenszene noch lange nicht Feierabend.

Transparenzhinweis: Wir haben den Text leicht gekürzt und einen Namen verbessert.

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