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Drogenhilfe in Frankfurt: „Beim Crack ist man nie gesättigt“

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Von: Jutta Rippegather

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Dietmar Paul ist Chefarzt der der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Frankfurter Bürgerhospital. © Thomas X. Stoll

Suchtexperte Paul zum Wandel der Szene im Frankfurter Bahnhofsviertel und dem Bedarf nach neuen Hilfsangeboten.

In Frankfurt hat sich rund um den Hauptbahnhof wieder eine offene Drogenszene etabliert. Die Rede ist von Elendstourismus. Rufe nach einem harten Durchgreifen werden lauter. Mehr Polizei wird das Problem nicht lösen, sagt der auf Suchtmedizin spezialisierte Psychiater Dietmar Paul.

Herr Paul, ist Frankfurts Drogenpolitik, der Frankfurter Weg, gescheitert?

Es gab eine Zuspitzung, die sich schon vor Corona abgezeichnet und durch Corona-bedingte Maßnahmen noch mehr an Fahrt aufgenommen hat. Aber darauf den Frankfurter Weg zu reduzieren hieße, die vielen Menschen zu vergessen, die wir aktuell in der Versorgung haben. Die wir in der Substitutionsbehandlung erreichen und über die Drogennothilfe. Nein, der Frankfurter Weg ist nicht gescheitert, aber es gibt Veränderungen, für die wir neue Wege finden müssen.

Inwiefern hat Corona die Situation zugespitzt?

Zum Schutz der Mitarbeiter wie der Klienten wurden die Angebote eingeschränkt. Zu einem Teil der Klienten, die früher in den Konsumräumen waren oder in den Suchthilfeeinrichtungen brach der Kontakt ab. Ein Teil der Szene verselbstständigte sich. Das wurde relativ schnell erkannt und auch korrigiert. Geschäfte waren geschlossen, die meisten im Homeoffice, dadurch wurden die Möglichkeiten durch Betteln an Geld zu kommen geringer – das führte zu einer Zuspitzung untereinander in der Szene.

Was hat sich generell verändert?

Wir sehen schon länger, dass sich durch den zunehmenden Crackkonsum die Behandlung der Substitutionspatienten oder die Drogenszene verändert hat. Wir haben es nicht mehr mit dem – in Anführungszeichen– typischen Junkie zu tun, der sein Heroin sucht. Wir haben es vermehrt mit Polytoxikomanie zu tun, dem Konsum mehrerer Substanzen wie Crack oder Benzodiazepine. In Frankfurt sind sehr viel Kokain und Crack auf dem Markt. Das macht es in der Behandlung so schwierig. Man könnte sagen, dass nicht mehr Heroin, sondern Crack bei vielen zur Kerndroge geworden ist.

Warum ist Frankfurt mit Hamburg die Crackhochburg der Republik?

Das lässt sich nur schwer beantworten. Die Verfügbarkeit von Drogen, also Crack muss gegeben sein. Einerseits stellen bestehende Stadtstrukturen ein erhöhtes Risiko dar, Verkehrswege – Bahnhof, Flughafen, Autobahnen – Bahnhofsviertel, Rotlicht-Milieu, Spielhallen. Da summieren sich die Risikofaktoren. Plätze, an denen man leicht auftauchen und wieder untertauchen kann. Am Frankfurter Hauptbahnhof ballt sich alles zusammen. Der Hauptbahnhof eignet sich gut, in der Menschenmenge abzutauchen, gleichzeitig ergeben sich Möglichkeiten zur Beschaffungskriminalität. Das größte Risiko stellt aber aus meiner Sicht die Existenz einer offenen Drogenszene dar.

zur person

Dietmar Paul (64) ist Chefarzt der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen am Bürgerhospital Frankfurt.

Der Psychiater ist seit Jahren auf Suchtmedizin spezialisiert. In der Akademie der Landesärztekammer ist zuständig für die Ausbildung zur Suchtmedizin. Er leitet die diacetylmorphingestützte Behandlung in der Frankfurter Grünen Straße, die vor knapp 20 Jahren als Studienambulanz im Rahmen der bundesweiten Heroinstudie eingerichtet wurde. Er ist Drogen- und Suchtbeauftragter der Landesärztekammer sowie Mitglied im Präventionsrat für Drogenabhängigkeit in der Landesregierung. jur

Die Angebote für die klassischen Junkies erreichen nicht die Crackabhängigen. Es gibt Rufe nach einem Modellversuch kontrollierter Crackabgabe. Wäre das eine Option?

Ich kann mir das im Moment nicht vorstellen – vor vielen Jahren konnte man sich aber auch nicht vorstellen, dass Heroin abgegeben wird – also Diacetylmorphin, das wir in unserer Praxis kontrolliert abgeben. Heroin, Methadon oder die anderen Substitutionssubstanzen für Opiatabhängigkeit haben eine viel längere Halbwertzeit als Crack. Heroin vier bis acht Stunden, Methadon 24 bis 30 Stunden, in der der Abhängige über einen längeren Zeitraum Ruhe hat.

Wie lange hält der Crackrausch?

Maximal fünf bis zehn Minuten. Dann wird er unruhig, hat das Verlangen nach mehr. Er braucht ständig Nachschub, den er sich beschaffen muss. Das ist der große Unterschied: Heroin macht für einige Stunden zufrieden. Beim Crack ist man nie gesättigt, man sucht ständig einen Kick. Das verändert einen, das macht die Szene vielleicht auch ein Stück aggressiver, der Beschaffungsdruck ist noch viel größer. Die gesundheitlichen Folgen von Crack, insbesondere Lungenerkrankungen, sind überdies viel gravierender.

Es wird auch diskutiert, den Handel von Kleinstmengen in Drogeneinrichtungen zu tolerieren, das wäre noch ein anderer Weg als die kontrollierte Abgabe in Ihrer Ambulanz. Was halten Sie davon?

Das wäre ein Weg, wo man die Menschen zumindest an einem Ort hat. Wo man Patienten sofort helfen kann, wenn etwas schiefläuft. Man kommt in Kontakt zu den Patienten und kann über die Dauer ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Die Arbeit mit Drogenabhängigen ist eine intensive Beziehungsarbeit. Wenn es gelingt, die Beziehung zu halten, habe ich die Möglichkeit, irgendwann mit diesen Menschen eine Bereitschaft zur Veränderung zu erreichen. Wenn ich sie allein auf der Straße lasse, wo sie ihrem täglichen Druck nachgehen, führt das letztendlich zu einer Verelendung. Wenn ich diesen Prozess aufhalten kann, habe ich mehr Chancen, das Stadtbild zu verändern. In anderen Städten und Ländern sind die erfolgreichen Modelle. Die Aufgabe müssten andere übernehmen als meine Ambulanz, die ist für die Substitution zuständig.

Es wird auch immer aufs Umland geschimpft. Kommen auch so viele Drogenabhängige nach Frankfurt, weil es in der Region zu wenig Hilfsangebote gibt?

Auch in den umliegenden Städten gibt es Substitutionsplätze, Hilfestellungen, das ist kein Problem. Aber in Frankfurt ist es einfacher, an Drogen ranzukommen. Großstädte sind der natürliche Magnet.

Gibt es in Hessen genug Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzqualifikation Substitutionsmedizin und mit der Genehmigung zu substituieren? Auch auf dem Land?

Im Ballungsraum Rhein-Main haben wir genug Hausärzte, Internisten, Anästhesisten und Psychiater, die substituieren. Da gibt es aus meiner Sicht keinen Versorgungsnotstand. Auf dem Land könnte es Mitte dieses Jahrzehnts etwas enger werden, denn in der Substitutionsmedizin gibt es eine Überalterung unter den Ärzten. Wir treten dem entgegen. Die Kassenärztliche Vereinigung und die Landesärztekammer bemühen sich bereits jetzt, die niedergelassenen Ärzte und Ärzte in Ausbildung zu motivieren, das Curriculum für die medizinische Grundversorgung zu besuchen. Wir versuchen auch zu vermitteln, dass diese Arbeit eine sehr lohnende und sehr erfolgreiche ist. Man hat einen langen Kontakt zu Patienten und es entsteht eine sehr lange tragfähige Beziehung, in der man viel erreichen kann. Es lohnt sich.

Interview: Jutta Rippegather

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Wer etwas gegen die Verelendung unternehmen möchte, darf die Menschen nicht alleine lassen, sagt der Experte. Michael Schick © Michael Schick

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