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Drogen in Frankfurt: Ein Ansprechpartner in der Szene

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Sophie Hanack gehört zum Leitungsteam des Drogenhilfezentrums La Strada in Frankfurt.
Sophie Hanack gehört zum Leitungsteam des Drogenhilfezentrums La Strada in Frankfurt. © Christoph Boeckheler

Wer Drogen konsumiert, hat in der Pandemie besonders viel Leid erfahren. Ein Besuch im Drogenhilfezentrum La Strada in Frankfurt.

An einer Ecke der Mainzer Landstraße liegt ein Mann auf dem Boden, zusammengekrümmt, voller Einstichnarben. Es stinkt nach Urin. Passanten in Anzügen laufen an ihm vorbei, ein junger Mann im T-Shirt schießt ein Bild von ihm, grinst, läuft weiter. Ein E-Scooter fährt nur knapp am Kopf des Mannes am Boden vorbei.

„Das sind Menschen“, sagt Sozialarbeiterin Sophie Hanack über Drogennutzer wie den Mann am Boden, „Menschen, die sonst von der Gesellschaft fallengelassen werden.“ Das Drogenhilfezentrum La Strada, das in derselben Straße nur wenige Meter entfernt liegt, hat es sich zum Ziel gesetzt, diese Menschen so gut wie möglich aufzufangen. Laut Sophie Hanack, die auch Mitglied des Leitungsteams ist, geht es vor allem darum, Grundbedürfnisse abzudecken. Es gibt ein Café für Begegnungen, wo auch Essen ausgegeben wird, eine Dusche und Toiletten für wohnungslose Personen. Für sie stehen auch Übernachtungsmöglichkeiten bereit. Daneben gibt es ein niedrigschwelliges Beratungsangebot und zwei Konsumräume für Klient:innen, wie La Strada die Personen nennt, die dieses Angebot annehmen.

Durch die Einführung von Räumen, in denen unter Aufsicht Drogen konsumiert werden können, ist in Frankfurt die Zahl der Drogentoten seit 1991 von 141 auf konstant unter 25 im Jahr gesunken. Doch hinter den Zahlen stehen einzelne verlorene Menschenleben. Dieser Toten wird heute bei einer Mahnwache gedacht.

Hinter der Szene liegen zuletzt besonders schwere Jahre. Beim Thema Corona platzt es aus Petra Schnatz von La Strada nur so heraus. Es gebe dadurch „viel mehr Leid“, die Szene stehe vor der „totalen Erschöpfung“. Einnahmemöglichkeiten wie Betteln, das Sammeln von Pfandflaschen oder Prostitution seien weggefallen, der Polizeidruck habe sich massiv erhöht.

Auch Sophie Hanack kann viel über das Leid in der Szene erzählen. Es ist ihr wichtig, ihren Klient:innen bei La Strada gut zuzuhören. Die Sozialarbeiterin sagt, bei ihrer Arbeit lebe sie genau das akzeptierende Menschenbild aus, das sie sich für die gesamte Gesellschaft wünsche. Sie beschreibt ihre Arbeit als oft „super anstrengend, aber total sinnvoll“.

Ihrem Team geht es ähnlich. Obwohl ein großer Teil der Klient:innen laut Sophie Hanack „hochgradig psychisch und physisch krank“ ist, ist das Zentrum ein angenehmer Ort, schön dekoriert und einladend.

Sophie Hanack sagt, das vielleicht Schlimmste für die Szene sei neben der Angst vor Ansteckung die soziale Isolation während der Pandemie. Für ihre oft wohnungslose Klientel gebe es keinen „Rückzug in das Private“. Sie sagt: „Diese Menschen wurden so noch viel mehr abgesondert.“ La Strada musste sein Angebot zurückfahren. Es sei ihr oft schwergefallen, Menschen, die ihr „ans Herz gewachsen sind“, zurückweisen zu müssen, sagt Hanack. Das „fühlt sich beschissen an“.

Komplizierter wurde auch die Interaktion mit den Behörden. Kim sitzt nur ein paar Meter neben der Sozialarbeiterin und isst ein gespendetes Frühstück. Sie weiß, in welche Abgründe die Pandemie mit ihren Abstandsregeln führen kann. Sie heißt eigentlich anders, will aber nur so genannt werden. Kim hat schwarze Haare, ist sehr dünn, redet leise, kaum hörbar und vermeidet Blickkontakt. Sie konsumiert Crack; seit Corona wurde es immer mehr. Sie sagt, sie schlafe kaum noch, sei „immer 24 Stunden wach“. Tränen rollen ihr über die Wangen während sie spricht. „Das ist kein Leben“, sagt sie. „Es gibt kein Heute, kein Morgen“.

Kim ist alleinerziehende Mutter. In der Pandemie hat sie ihren Job verloren und ist auf der Straße gelandet. Ohne persönliche Ansprache auf der Behörde habe sie sich irgendwann im Bürokratiedschungel verloren gefühlt und habe schließlich aufgegeben, nach Unterstützung zu fragen. Sie sei froh bei La Strada Ansprache und Hilfe zu bekommen. Anfangs habe sie sich geschämt.

Inzwischen läuft es auf den Ämtern wieder etwas reibungsloser. Dennoch bleiben Institutionen wie La Strada unverzichtbar. Mit ihrem niedrigschwelligen Angebot sind sie der erste empathische und der vielleicht verständnisvollere Ansprechpartner für Menschen wie Kim. (Lukas Stock)

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