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Kuratorin Angela Jannelli zeigt Objekte der Ausstellung "Legalisierter Raub" im Historischen Museum.

NS-Raubkunst in Frankfurt

Museum findet NS-Raubkunst

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Im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt werden gestohlene Kunstgegenstände entdeckt. Ein früherer Museumsdirektor soll Inventarbücher gefälscht haben.

Die Provenienzforscherin Katharina Weiler arbeitet seit zwei Jahren im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt und hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Als sie ein altes Inventarbuch durchforstete, stieß sie bei Objekten auf den handschriftlichen Vermerk, sie seien in einer Kiste verbrannt. In einem anderen Inventarbuch waren Einträge gestrichen und den Objekten war, mit einer anderen Handschrift, eine neue Biografie zugeschrieben worden.

Bei insgesamt zwölf Objekten hat sie solche Unstimmigkeiten gefunden, die sich als bewusste Manipulationen herausstellten. Die Objekte stammten aus der Sammlung Pinkus/Ehrlich.

Joseph Pinkus (1829-1909) war ein jüdischer Sammler aus Oberschlesien, der eine Vielzahl von Silberobjekten aus dem 17. und 18. Jahrhundert erwarb und an seine Tochter vererbte. Hedwig Ehrlich (1864-1948), geborene Pinkus, lebte mit ihrem Mann, dem Mediziner und Forscher Paul Ehrlich in Frankfurt. Als sie 1939 in die Schweiz emigrieren musste, deponierte sie das Silber bei der Dresdner Bank. Dort wurde es 1940 beschlagnahmt, dann an die Städtische Darlehensanstalt überführt. Ausgewählte Objekte kamen vor dort an den Vorläufer des Museums Angewandte Kunst, das Museum für Kunsthandwerk.

Dessen Direktor Ernstotto Graf zu Solms-Laubach restituierte 1949 die Objekte – bis auf die genannten zwölf. Zwei von ihnen wurden in den folgenden Jahren getauscht. Bei zehn wurde die Provenienz gefälscht. Sie befinden sich noch immer in der Sammlung des Museums. Katharina Weiler spürte sie 2017 auf.

Es sind silberne Deckelbecher, Schraubflaschen, Saucenschüssel, Schauplatten, die nun, samt Herkunftsgeschichte, in der Ausstellung „Geraubt. Gesammelt. Getäuscht. Die Sammlung Pinkus/Ehrlich und das Museum Angewandte Kunst“ zu sehen sind, von 7. Juni bis 14. Oktober.

„Provenienz ist ein offener Prozess, eine Pfadlegung in die Zukunft und auch Erinnerungskultur“, sagte Museumsdirektor Matthias Wagner K. Anlässlich der Ausstellung werde ein Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus von Hedwig Ehrlich in der Westendstraße 62 verlegt. Das Museum stehe auch im Gespräch mit der Urenkelin. Pikanterweise seien für die vermeintlich verbrannten Objekte in den 1960er Jahren eine Entschädigung in Höhe von 12 950 Mark an die Erben gezahlt worden. Auch wenn die rechtliche Frage geklärt sei, sei die moralische noch offen. „Ich schließe nicht aus, dass es außerhalb der Sammlung Pinkus/Ehrlich noch weitere Objekte im Museum gibt, deren Herkunft verschleiert wurde“, sagte Katharina Weiler.

In diesem Sommer beschäftigen sich vier Frankfurter Museen in fünf Ausstellungen mit NS-Raubkunst. Das Historische Museum zeigt den Abschluss der Wanderausstellung „Legalisierter Raub – der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“ sowie die Ausstellung „Geerbt. Gekauft. Geraubt? Alltagsdinge und ihre NS-Vergangenheit“ (siehe nebenstehenden Artikel).

Das Museum Judengasse hat für die nun eröffnete Ausstellung „Geraubt. Zerstört. Verstreut. Zur Geschichte von jüdischen Dingen in Frankfurt“ die Herkunft von zehn Objekten – wie Chanukka-Leuchter, Weinkelch, Beschneidungsmesser, die in der Dauerausstellung zu sehen sind – erforscht und in einer Broschüre dokumentiert. „Wir wollen einen Kontrapunkt setzen“, sagte Direktorin Mirjam Wenzel. Das Museum zeichne sich durch „die Präsenz der Abwesenheit“ aus – zahlreiche Objekte wurden 1938 aus der Börneplatz-Synagoge geraubt und zerstört. Nach Kriegsende wurden die geborgenen Kulturschätze gesammelt und von der „Commission on Jewish Cultural Reconstruction“ unter anderem an das Israel Museum in Jerusalem und an das Jewish Museum in New York verteilt. Das Weltkulturen Museum zeigt ab 16. August die Ausstellung „Gesammelt. Gemeldet. Geraubt? Fallbeispiele aus kolonialem und nationalistischen Kontext“. Dabei würde die sogenannte „günstigen Ankäufe“ aus den 1940er Jahren und die Objekte, die zu Zeiten des Kolonialismus erworben worden sind, untersucht, sagte Direktorin Eva Ch. Raabe.

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