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In den Messehallen ist trotz Protests viel los.

Rundgang

Ein Rundgang über die IAA in Frankfurt

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Die IAA präsentiert sich elektrifiziert, feiert aber die alte Autowelt – nicht klimagerecht, aber familienfreundlich.

Außerhalb des Messegeländes köchelt der Volkszorn. Man kann die Wut der Menschen verstehen. In Frankfurt, der weltoffenen Mainstadt mit Metropolenkomplex, wird immer noch alle Jahre die Messe zelebriert für ein Produkt, das wohl mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat als Pest und Cholera, das für die Abholzung zahlloser Wälder verantwortlich ist, das Brüder entzweit und Zivilgesellschaften spaltet. Allerdings beginnt die Buchmesse erst Mitte Oktober. Warum also nicht die Zeit mit einem Bummel über die Internationale Automobil-Ausstellung vertreiben, die Eventmesse für die ganze Familie?

Der Wahlspruch der diesjährigen IAA lautet „Driving tomorrow“. Der ist gut. Angesichts der ausgestellten Exponate könnte man meinen, „Mehr Gelände wagen!“ wäre noch besser, aber vermutlich waren die Macher der Meinung, mit der Ausladung von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann sei die Sozialdemokratie schon genug gequält. Vor der Halle mit dem Mercedes-Stand ziehen jedenfalls Monstertrucks wie der G 500G Manufaktur die Besucher an wie ein Magnet. „Zu viele Ecken“, urteilt zwar ein kritischer Besucher, aber direkt daneben steht die Menge andächtig bis lüstern vor einem kurvigen Maybach S650 Pullman. Viele schießen Selfies, einige streicheln zärtlich über den Kotflügel, Anfassen ist erlaubt. Eine Infotafel informiert über die inneren Werte des begehrenswerten Objekts: „630 PS“. Aber jede Schönheit braucht auch ihr Geheimnis, und auf der IAA gilt dasselbe wie am späten Abend auf den messenahen Seitenstraßen: „Gesamtpreis auf Anfrage“.

Am Porsche-Stand fühlt man sich ein wenig auf die Dippemess versetzt: Das Ausstellungsareal erinnert an eine Berg- und Talbahn: eine schräg ansteigende Metallfläche mit seperatem Eingang, vor dem sich zahllose Einlassheischende drängeln. Nur dass drinnen keine Holzwagen brummkreiseln, sondern Autos stehen, strotzend vor Motorkraft und Technik, die begeistert. Vermutlich könnten die Bordcomputer per Oberkörperscan der Besucher in Sekundenbruchteilen folgenden Algorithmus berechnen: „Menschen, die sich für diese Autos interessieren, interessieren sich auch für Tommy Hilfiger, das Musikfestival in Wacken und Pommes mit Mayo.“ Aber was wäre damit gewonnen? Der Mensch lässt sich nicht in Algorithmen pressen, er ist beständig im Wandel.

Zukunft des Automobils ist elektrisch

Nirgendwo wird das deutlicher als auf der IAA. Sie beweist etwa glasklar, dass die halbnackte Hostess endgültig auf die Liste ausgestorbener Arten der Autowelt gehört. Kein Grund zur Trauer. Ein Werbefilm am Lamborghini-Stand zeigt, dass diese Welt noch immer vor Erotik knistert: Eine schöne Frau in echtem Leder fährt in einem schönen Sportwagen durch eine schöne Landschaft. Ein schöner Mann mit Dreitagebart schaut ihr vom Wegesrand schmachtend hinterher. Obwohl die Frau ganz schön schnell fährt, scheint sie das zu bemerken, und zur Belohnung darf der Mann mitfahren und sie vom Beifahrersitz aus anschmachten. Ob er sich am Ende der Spritztour zur Belohnung nackend auf der Motorhaube sonnen darf, lässt der Film offen, denn die IAA ist eine Messe für die ganze Familie.

Nur leider keine der echten Innovationen. Vergebens sucht man wünschenswerte Nebenprodukte der Automobilforschung wie beispielsweise die Personenwaage mit Schummelsoftware, die akkurat misst, aber Wunschgewicht anzeigt. Gibt es nicht. Dafür eine Motorsportbasecap, mit der man kostenlos Werbung für die „Deutsche Vermögensberatung“ laufen kann. Nun ja, nicht ganz kostenlos, die Kappe kostet zehn Euro.

Die schönste Innovation der Messe ist vielleicht die lautmalerische einer VW-Tochter, die ihren Messe-Hashtag „SKODAIAA“ genannt hat, was man beim nächsten Sprung vom Zehner gerne kostenfrei und brüllend zitieren darf. Ansonsten kann man überall lesen, dass die Zukunft des Automobils elektrisch sei, nur sehen kann man das nicht so recht. Die Stars der Show jedenfalls tanken sämtlich Super plus. Vielleicht wäre ja der Staunensruf des durch die Zeit gereisten Zauberers Catweazle, mit dem dieser einst in der gleichnamigen TV-Serie die Wunder der Neuzeit kommentierte, ein schönes Motto für die – so Gott will – nächste IAA: „Elektrik-Trick!“

Innovation pfui, Simulation hui! Auf der IAA wird simuliert, dass es eine Art hat. Auf dem Außengelände gib es diverse hydraulische Fahrgeschäfte, die Autorennen simulieren. Andere Stände laden mit VR-Brillen zu einer virtuellen Reise in die wunderbare Welt des Motorsports.

Im Grunde aber ist die ganze Messe die Simulation einer herkömmlichen Autobahnfahrt: Egal, wohin man will, man steht die ganze Zeit im Stau. Schlangen vor den Pommes-mit-Mayo-Buden, Schlangen vor dem IAA-Offroad-Parcours, Schlangen vor den Ständen der Angebermarken, Schlangen vor der Damentoilette.

Man erwartet ständig, dass der ADAC die stehenden Wartenden mit Decken und Heißgetränken versorgt, aber zum einen ist das Klima zu freundlich zum Frieren, zum anderen hat der ADAC am eigenen Stand genug damit zu tun, die Besucher zu verarzten, die am dortigen „Überschlags-Simulator“ Unfall spielen wollen. Rufe des Entzückens und Entsetzens hört man aus den Simulatoren, ein vielfach’ „Skodaiaa!“ hallt durch die Messehallen.

Trotz allen Rummels und Glitters aber hat auch die IAA ihre stillen, nachdenklichen und klaren Momente. Ein paar Meter hinter der AMG-Bolidenrampe etwa stehen viele Menschen wartend vor einem Raum, der laut Beschilderung „Die Zukunft der Mobilität“ präsentiert. Viel kann man von außen nicht erkennen, außer dass es drinnen zappenduster und für Messeverhältnisse außergewöhnlich ruhig ist. Das Zusatzschild am Eingang aber fasst mit einem Satz zusammen, was die IAA uns eigentlich über die Zukunft der Mobilität sagen will: „Leider kann es zu Wartezeiten kommen, wir bitten um etwas Geduld.“

An ebenjener Geduld scheint es den Tausenden, die sich derweil vor dem Messegelände versammelt haben, deutlich zu mangeln. Und Buchmesse ist erst in einem Monat. Vielleicht wird es ein heißer Herbst.

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