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Der Stamm von Fichte Bertl muss gekürzt werden. Er ist zu dick für den Köcher.

Weihnachtsbaum

Drama um Bertl

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
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Die Fichte kommt aus Österreich und ist deutlich kürzer als sonst. Beim Aufstellen sorgt der Baum für einige Überraschungen.

Unter allergrößter Geheimhaltung kommt er am Donnerstag in die Stadt: Bertl, die Fichte, die den Römerberg in diesem Jahr als Weihnachtsbaum schmücken soll. Doch Datum und Uhrzeit sind nicht wie sonst öffentlich bekannt. Wegen der Pandemie. „Wir wollten keinen Menschenauflauf“, sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) morgens um halb zehn neben Bertl. Die Fichte ist pünktlich angekommen, liegt in der Horizontalen auf dem Transporter. „Der Weihnachtsmarkt muss leider ausfallen, zumindest einen Baum wollten wir aber aufstellen“, sagt Feldmann. Er solle „ein Symbol der Hoffnung gegen das Virus“ sein.

Dass er nur ein halbes Symbol der Hoffnung sein wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt niemand. Denn Bertl wirkt zusammengebunden auf dem Transporter wie ein dicht gewachsener, kräftiger Baum. Er ist an einem Bach im Gröbminger Land in der steierischen Urlaubsregion Schladming-Dachstein aufgewachsen. Der Bach wird aber saniert, die Fichte sollte dafür ohnehin gefällt werden. Jetzt kann sich Bertl wenigstens noch auf seine letzten Tage mit 400 roten Schleifen und vielen Tausend Lichtern für die Frankfurter:innen in einen Weihnachtsbaum verwandeln.

Bertl, benannt nach dem ehemaligen Tourismus-Obmann des Gröbminger Landes Bertl Lemmerer, ist klein für einen Frankfurter Weihnachtsbaum. Um die 30 Meter messen sie sonst, damit sie über die Spitze des Römers lugen können. Bertl wurde mit 28 Metern gefällt, kommt in Frankfurt aber nur mit 21 Metern an. Denn Bertl ist breit. Beim Zusammenbinden der Äste für den Transport hatte er immer noch einen Umfang von über fünf Metern. „So konnte er nicht nach Frankfurt gebracht werden“, sagt Kurt Stroscher von der städtischen Tourismus+Congress GmbH, der seit Jahrzehnten Weihnachtsbäume und Weihnachtsmärkte in Frankfurt organisiert. Und mit fünf Metern Umfang hätten für Bertl Straßen gesperrt und Begleitfahrzeuge eingesetzt werden müssen. Also: Der Baum wurde gekürzt, damit die unteren ausladenden Äste weg sind und der Umfang dann nur noch vier Meter betrug.

Mit 21 Metern geht es locker auf den Römerberg

21 Meter bleiben also. Damit fielen in diesem Jahr aber Dramen weg wie: Baum kommt nicht um die Ecke. Alles schon passiert. Ganze Verkehrsampeln haben Weihnachtsbäume in der Stadt schon umgenietet. Aber mit 21 Metern geht es locker auf den Römerberg. Dafür warten andere Dramen.

Doch um zehn Uhr schwärmt Stroscher noch von Bertl. „Ein schöner Baum, sehr dicht.“ Er ist der Einzige, der ihn bisher in der Senkrechten gesehen hat. Normalerweise reist eine Delegation zum Aussuchen des Baums. Doch coronabedingt fiel das alles dieses Jahr flach. Und auch Stroscher war nur ein einziges Mal beim Baum. Beim Fällen und Verladen war er in diesem Jahr nicht dabei.

Um 10.20 Uhr stehen alle noch mit bewundernden Blicken um den liegenden Baum mit seinen vielen Zapfen. Doch dann beginnt das Drama um Bertl. Es stellt sich heraus: Sein Stamm ist zu dick für den Köcher, ein zwei Meter tiefes Loch im Boden, in das jedes Jahr der Baum gestellt wird. Die Feuerwehr muss ihn dünner sägen. Doch dazu muss eine Fachkraft aus dem Grünflächenamt zunächst den Baum begutachten. Denn die Aktion kann „die Stabilität des Stammes beeinflussen“, sagt Tourismus-Chef Thomas Feda. Ein Gutachter oder eine Gutachterin muss also zunächst hergebracht werden. „Das wird jetzt wohl die längste Baumaufstellung, die wir je erlebt haben“, sagt Feda.

Es beginnt das Warten. Doch weil niemand tatsächlich die längste Baumaufstellung Frankfurts erleben möchte, wird sich für Plan B entschieden: Der Stamm wird bis zu der Stelle gekürzt, an der er schlank genug ist, um in den Köcher zu passen. Kräne ziehen also Bertl ein wenig in die Höhe, ein Feuerwehrmann zückt die Säge – und um 11.48 Uhr fallen mit lautem Krach zwei Meter Bertl zu Boden.

Renneisen der Baumkosmetiker

Nun sind nur noch 19 Meter Baum übrig. Zwei Meter davon werden im Köcher versinken. Doch für Stroscher muss der Baum in diesem Jahr gar nicht so groß sein wie sonst. „Wir haben keinen Weihnachtsmarkt, keine Bühne“, sagt er. „Das verkleinert sonst alles den Baum optisch.“ Auf dem leeren Römerberg aber „wirkt auch ein Kleiner ganz groß“.

Der Kleine soll nun langsam in die Senkrechte gebracht werden. Die Gurte um den Baum werden gelöst, Bertl ein Stück in die Höhe gezogen – doch halt. Da stimmt was nicht. Ast um Ast fällt aus der Mitte des Baumes zu Boden. Sie sind abgeschnitten, der Baum auf der einen Seite in der Mitte quasi kahl. „Haben die uns nur Äste geliefert?“, ruft Feda. „Der Baum ist ja eine Katastrophe.“

Nun blicken sorgenvolle Gesichter auf die Fichte. Immer mehr Grün zieht die Feuerwehr aus Bertl heraus. Es ist 12.10 Uhr, und die Überlegung liegt in der Luft, den Baum nicht aufzustellen. Denn auch Jörg Renneisen schaut mit gerunzelter Stirn und verzweifeltem Blick auf Bertl. Renneisen ist Baumkosmetiker. Sozusagen. Er hübscht jedes Jahr kahle Stellen des Weihnachtsbaums mit zusätzlichen Ästen auf. „Aber da ist ja gar nichts mehr, das ist ein Gerippe.“ Er flüstert es fast.

Doch als Bertl langsam in die Senkrechte kommt, keimt Hoffnung auf. Dass vielleicht doch alles nicht so schlimm ist. Denn die eine Seite des Baums ist dicht und voll und schön. „Und da, da hat sich nur was verheddert, da hängen sich noch Äste aus“, sagt Feda und zeigt nach oben. „Das kriegen wir hin.“ Und macht dann die Ansage: „Wir lassen ihn stehen.“ Entwarnung also. Bertl darf bleiben.

Auch wenn die eine Seite ziemlich kahl ist. „Die drehen wir zum Römer“, sagt Stroscher. Und Renneisen zeigt die Manschetten, die er um Bertl legen will und in die Äste gesteckt werden können. „Aber das wird schon eine Herausforderung“, sagt Feda. „Es fehlt einfach die Hälfte.“ Deswegen wird nun Füllmaterial bestellt, 40 Äste werden wohl fürs Styling gebraucht. „Wir werden den schon hinkriegen.“ Warum die Äste abgeschnitten wurden, weiß an diesem Tag auf dem Römerberg niemand. „Wahrscheinlich wegen des Transports, er wäre wohl zu breit gewesen“, sagt Stroscher. Aber auch er kann an dieser Stelle lediglich spekulieren.

Und so ist Bertl dann doch nur ein halbes Symbol der Hoffnung. „Auf der einen Seite steht er für die Hoffnung aufs nächste Jahr, auf der anderen eben für dieses Corona-Jahr“, sagt Feda. „Es ist mehr ein Mahnmal.“ Und es hätte schließlich nicht zu diesem Jahr gepasst, den schönsten Weihnachtsbaum aller Zeiten aufzustellen. „Das passt jetzt schon so genau zum Abschluss dieses Jahres.“ Dieses verflixten Corona-Jahres.

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