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Spricht diese Person gerade mit mir? Für Gehörlose ist das nicht zu erkennen.

Gebärdensprache

Dozentin für Gebärdensprache: „Ich sehe nicht, ob mich jemand anspricht“

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Für Gehörlose schränkt die Maskenpflicht in der Corona-Krise die Kommunikation ein, erklärt Andrea Kaiser, Dozentin für Gebärdensprache aus Frankfurt.

Für viele Gehörlose und besonders schwerhörige Menschen bedeutet die Maskenpflicht, dass sie weniger gut kommunizieren können. Was die Masken für ihren Alltag bedeuten, erzählt Andrea Kaiser, Dozentin für Deutsche Gebärdensprache an der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige, die selbst taub ist.

Frau Kaiser, was hat sich für Sie im Alltag geändert, seit so viele Menschen durch die Corona-Pandemie im Alltag Masken tragen?

Ich bin verunsichert und am Anfang war ich auch etwas verzweifelt. Ich bin es gewohnt, den Menschen ins Gesicht zu schauen und ihre Mimik zu sehen. Jetzt tragen alle Masken. Ich kann nicht erkennen, ob mir jemand freundlich gesonnen ist oder nicht, oder ob jemand mich gerade angesprochen hat. Ich war vor kurzem beim Arzt. Obwohl eine Gebärdensprachendolmetscherin dabei war, die Kommunikation also gesichert war, wusste ich gar nicht, wie die Stimmung war. Denn der Arzt trug eine Maske. Ich habe dann die Dolmetscherin gefragt, ob der Arzt eine freundliche Stimme hatte. Auch wenn ich beim Einkaufen auf hörende Personen treffe, die vom Umgang mit Gehörlosen nicht viel wissen und eine Maske tragen, stoße ich an Barrieren.

Was würden Sie sich von den Hörenden wünschen, zum Beispiel im Supermarkt?

Wenn ich zum Beispiel einen Artikel nicht finde und jemandem meinen Einkaufszettel hinhalte, merken manche, dass ich taub bin. Sie winken dann und zeigen mir, wo etwas steht. Man muss versuchen, irgendwie Lösungen zu finden, auch mal etwas aufzuschreiben. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Es ist für alle eine neue Situation.

Ist es für Sie auch ein Problem, dass Sie nicht von den Lippen ablesen können?

Andrea Kaiser (56)

Bei uns Gehörlosen machen die Gebärden circa 70 Prozent der Kommunikation aus, natürlich sind aber auch die Mimik, Gestik und die Körpersprache wichtig. Vom Mund abzulesen ist daher nicht so sehr wichtig, die fehlenden etwa dreißig Prozent muss man dann irgendwie kombinieren, dies sollte aber nur die Ausnahme sein. Wenn ich nun also mit einer anderen gehörlosen Person gebärde und wir beide Masken tragen, können wir uns trotzdem gut verständigen. Es ist zwar nicht optimal, besonders bei komplexen Themen, aber eine Verständigung ist grundsätzlich gegeben. Es gibt aber auch Menschen, die sehr stark auf das Absehen, also das „von den Lippen lesen“, angewiesen sind. Zum Beispiel schwerhörige Menschen oder Menschen, die erst später in ihrem Leben ertaubt sind und ein Cochlea-Implantat tragen. Hier sind die Masken besonders störend, denn ohne Mundbild ist so fast keine Kommunikation möglich. Aber gemäß hessischem Sozialministerium ist hier ein kurzes Abnehmen der Maske bei Einhalten des Sicherheitsabstands zulässig.

Wie fühlen Sie sich in der Corona-Krise informiert?

Andere Länder sind uns weit voraus, gerade was die Einblendung von Dolmetschern im Fernsehen angeht. Im Vergleich zu der Zeit vor der Corona-Krise ist es jetzt aber auch bei uns häufiger geworden. Wir haben protestiert und es hat sich etwas verändert – wenn auch noch nicht genug. Trotzdem sind die Dolmetscher manchmal nur klein eingeblendet, Gehörlose müssen oft extra auf bestimmte Programme im TV umschalten, beziehungsweise andere Medien nutzen, wo dann Gebärdensprachdolmetscher eingeblendet werden. Oder die Lichtverhältnisse stimmen nicht und die Kleidung des Dolmetschers bietet nur wenig Kontrast zum Hintergrund. Es ist noch lange nicht hundertprozentig, aber es sind erste Schritte da. Ich glaube, es ist im Bewusstsein der Menschen angekommen, dass wir Informationen zur gleichen Zeit bekommen wollen wie die Hörenden.

Interview: Friederike Meier

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