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Verdienstvolle Spurensuche am Wöhler

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Die Arbeitsgruppe „Spurensuche“ der Wöhlerschule hat für ihre Biografiearbeit einen Preis der jüdischen Gemeinde erhalten.
Die Arbeitsgruppe „Spurensuche“ der Wöhlerschule hat für ihre Biografiearbeit einen Preis der jüdischen Gemeinde erhalten. © sauda

Die Jüdische Gemeinde hat die Wöhlerschule mit dem Beni-Bloch-Preis für Jugendengagement ausgezeichnet. Die Gymansiasten arbeiten Biografien jüdischer Mitschülerinnen und Mitschüler auf, die während der NS-Zeit verfolgt wurden.

Dagobert war ein ganz normaler, lebenslustiger Junge. Einer, der seinen Eltern vermutlich wenig Sorgen bereitete, weil er in der Wöhlerschule, die er seit 1931 besuchte, Klassenbester war und im Schulorchester Violine spielte. Einer, dem die Zukunft offenstand, wie es so schön heißt. Doch dann kamen im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Was Dagobert, der mit Nachnamen Salomons hieß und Jude war, in den folgenden Jahren passierte, wissen inzwischen etliche Wöhlerschüler:innen - dank des Engagements der Arbeitsgruppe Spurensuche in dem Gymnasium am Dornbusch. Seit den 1990er-Jahren werden dort die Biografien jüdischer Wöhlerschüler:innen aufgearbeitet, die während der NS-Diktatur verfolgt wurden. Dafür wurde die AG kürzlich von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt mit dem Beni-Bloch-Preis für Jugendengagement ausgezeichnet.

Preiswürdig erschien der Jury vor allem die Idee der Gymnasiasten, diese Lebensgeschichten nicht nur schriftlich festzuhalten, sondern auch in digitaler Form: als Podcasts, also als Hörbeiträge, die übers Internet abgerufen werden können. Schließlich hörten viele Jüngere lieber Podcasts, als Bücher zu lesen. So wachse die Reichweite, hoffen Vincent und Caroline, die sich in der AG Spurensuche engagieren – zusammen mit Schülerinnen und Schülern der neunten und zehnten Jahrgangsstufe sowie aus der Q-Phase. Auch Interviews und historische Audiozeugnisse könne man in die Beiträge einbauen. Vom Preisgeld in Höhe von 1000 Euro wollen die Schüler:innen nun die Ausstatung für die Podcasts besorgen: Mikrofone, Kabel und Schnitt-Software.

Mit Hilfe von Lehrerin Dorothée Guillemarre, die die Arbeitsgruppe seit Jahren leitet, haben sie viele Informationen gesammelt. Auch über Dagobert Salomons. Mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Hanna lebte er im Westend, wo damals auch das Gymnasium stand. Später zog die Familie an den Bornheimer Hang. Als einer der letzten jüdischen Schüler musste er die Wöhlerschule 1936, mit 16 Jahren, verlassen und begann eine kaufmännische Lehre, ehe er 1938 floh. Per Fahrrad schaffte er es über die Grenze in die Niederlande, später nach Kolumbien. Obwohl er einen Großteil seiner Familie – unter anderem seine Eltern und seine Schwester – im Holocaust verlor, kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland zurück. Einiges aus dem Leben des früheren Wöhlerschülers wissen die Jugendlichen aus einem langen Gespräch mit seiner Tochter, die sie in Darmstadt aufgespürt haben. „Für uns war dieses Treffen eine sehr beeindruckende Erfahrung“, erinnern sich Anne und Darya. Die Tochter habe ihnen unter anderem erzählt, dass ihr Vater in Deutschland nach seiner Rückkehr nie mehr richtig Fuß fassen konnte und auch schlechte Erfahrungen mit Alt-Nazis machte. Denn, ergänzt Hannes, „es gab keine Stunde null, wie immer behauptet wird, sondern eine Kontinuität von Persönlichkeiten. Das fand ich schon sehr krass“.

Auch vor dem Hintergrund des wieder erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland wollten er und die anderen Mitglieder der AG vom Schicksal verfolgter jüdischer Wöhlerschüler:innen erzählen, sagt Hannes. Zum Beispiel von Friedrich Schafranek, der mit seinen Eltern und seinem Bruder ins Ghetto Lodz verschleppt wurde und schließlich im KZ Auschwitz landete. Seine gestreifte Häftlingsjacke ist heute im Jüdischen Museum in Frankfurt zu sehen.

An Dagobert Salomons erinnert seit einem Jahr eine Vitrine in der Wöhlerschule, die die AG Spurensuche gestaltet hat. Sie zeigt Fotos aus seiner Kindheit in Frankfurt, ein Englisch-Lehrbuch aus jener Zeit und ein Taschenmesser, das er besaß. Auf diese Weise wolle man sein Schicksal greifbar machen, erklärt Darya, und zeigen, dass der Holocaust für Millionen von Menschen grausige Realität war. Denn, sagt Anne, „auch wir haben die Verantwortung, dass Geschichte nicht vergessen wird“.

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