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Die Herren tragen Bundfalten: junge Menschen beim Tanz in der Flughafen-Disco „Dorian Gray“ am 1998. Foto: dpa
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Die Herren tragen Bundfalten: junge Menschen beim Tanz in der Flughafen-Disco „Dorian Gray“ am 1998.

Clubkultur

Legendäre Disko „Dorian Gray“: Das Herz schlägt noch

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Vor 20 Jahren feierte die legendäre Discothek am Flughafen Frankfurt die letzte Party. Das Gray war Avantgarde, erinnern sich ehemalige DJs.

Frankfurt – Das Herzstück ist die Tanzfläche. Die Anlage ist so konzipiert, dass die Tänzerinnen und Tänzer sich als Teil des Sounds fühlen. Sie sind mittendrin. Der DJ sitzt am Rand, die Decke ist niedrig. Stößt er mit dem Knie an den Tisch, hopst die Platte. Ein Graus für Gast-DJs, die sich nicht so auskennen. Für DJ Dag ist es Alltag. Zwischen 1988 und 1993 legt er im Dorian Gray auf, in der legendären Discothek am Flughafen. „Als DJ habe ich Hunderte von Clubs kennengelernt“, sagt er heute. „Aber keiner war so cool wie das Dorian Gray.“

An Silvester vor 20 Jahren endet die Erfolgsgeschichte mit einer letzten großen Party. Der Pachtvertrag läuft aus. Nach einem verheerenden Feuer am Düsseldorfer Flughafen gibt es eine neue Brandschutzverordnung. Die Eigentümer hätten das Gray für viel Geld umbauen müssen. Sie verzichten. Das Herz, so scheint es, hat aber niemals aufgehört zu schlagen. Der ganz besondere Sound, der Fokus auf die Tanzfläche. 22 Jahre Clubkultur am Flughafen haben Spuren hinterlassen. Zumindest erinnern sich viele Menschen immer noch gerne an ihre Zeit im Gray.

Ralf Holl etwa, Frankfurter Musikproduzent und DJ. Ende 1979 setzt Holl erstmals den Fuß auf die Tanzfläche, widerstrebend. Ein Fotomodel schleppt ihn mit. Er, der Zappa-Fan, hat mit Disco nichts am Hut, mit Boney M., mit Abba. „Ich war ein Disco-Hasser“, sagt er. Das Gray benötigt eine Viertelstunde, um das zu ändern. „Das war alles ganz einfach gebaut“, erinnert er sich. Im Dunkeln entfaltet es magische Wirkung. Die Sitzecke, das Bistro, der lange Gang im Entree, das Neon-Licht. Schon der Geruch ist etwas Besonderes, findet Holl. Das Terminal 1 ist da noch relativ neu.

„Wenn Du drin warst, war es eine eigene Welt“, sagt Holl. „Du hast für Stunden vergessen, wo Du bist.“ Dann ist er aber ungefähr 20 Mal nicht reingekommen. Jedes Mal weist ihn der Türsteher ab. Das Gray ist exklusiv. Der Frankfurter Geldadel verkehrt dort, die Reichen und Schönen aus dem Hochtaunus. Josef Neckermann, Dunja Reiter, Marika Kilian, alles Stammgäste. Auch Filmstar Roger Moore ward gesichtet.

Die Eigentümer: Michael Presinger, Tamara und Gerd Schüler (von links).

Holl gibt grummelnd klein bei, zieht sich die gute Bundfaltenhose an. Später freundet er sich mit den DJs an, irgendwann übernimmt er das Lichtpult. Dann fragt der Chef, ob er mal am Plattenteller aushelfen möchte. „Was für eine Frage!“, ruft Holl. Natürlich will er. 1980 ist das. Drei Jahre legt er auf, im kleineren der beiden Clubs. Manchmal ist er sieben Tage die Woche dort. Das Gray ist aber nicht nur schick, findet Holl. Das wäre als Erklärung des Erfolgs zu einfach. „Es ist ein Ort der Freiheit.“

Besucherinnen und Besucher können sich ein Stück weit verwirklichen, sagt Holl. Sie kleiden sich extravagant. Immer mehr „illustre Gestalten“ mischen sich unter die Nachtschwärmer. So manche Fluggäste reiben sich morgens verwundert die Augen, wenn sie Partymenschen begegnen. „Im Gray waren die ersten Schwulen zu sehen“, sagt Holl. Auch im größeren der beiden Tanzsäle darf Holl ran. Zu der Zeit fehlt ihm aber noch die „gewisse Weitsicht“, wie er sagt.

Das Gray ist ein Ort der Avantgarde. „Die DJs sind nach Amsterdam gefahren und haben Import-Platten gekauft, die hast Du hier gar nicht bekommen“, sagt Holl. DJs wie Bijan Blum, später Michael Münzing, Torsten Fenslau, Sven Väth setzen Maßstäbe, schwärmt Holl. „So einen Laden musst Du erst einmal so lange auf einem so hohen Niveau halten.“ Das gehe nur über die Musik. Das Gray gestaltet den Wandel der Musikwelt mit.

„Ich habe experimentiert“

„Ich habe experimentiert“, erinnert sich etwa DJ Dag. „Das war möglich im Gray.“ Er lässt im ganzen Club das Licht löschen, auch an der Bar, Nebel wabert im finsteren Rund. Dann spielt Dag „Riders on the Storm“, den Klassiker der „Doors“ aus den frühen 70ern. Samt Gewitter am Anfang. Bei DJ Dag erklingen auch mal Walgesänge. Das Publikum zieht begeistert mit.

Dag weiß, wie er die Leute packen kann. Vor seiner Karriere kommt er selbst oft zum Tanzen. Manchmal ist er acht Stunden lang in Bewegung. „Da kannst Du Deine Alltagssorgen vergessen.“ Schon 1978 steht er vor dem Gray, bei der Eröffnung. Der Türsteher lässt ihn aber nicht hinein.

DJ Dag probiert es ein halbes Jahr lang. Und das, wo er doch später maßgeblich den Sound of Frankfurt mitprägen soll. Der löst Anfang der 1990er eine weltweite Euphorie für sogenannte Trance-Music aus. „Ich habe ein Faible für Indianer“, sagt DJ Dag. Es fasziniert ihn, wie manche Menschen sich durch monotones Trommeln in Trance tanzen. Deswegen hat er seine Musik auch Trance genannt.

„In Frankfurt ist etwas komplett Neues entstanden“, sagt DJ Dag. Erstmals zu erleben im Dorian Gray. Und mit der Musik hat sich auch die Kleiderordnung gewandelt. Exklusiv noch immer, aber irgendwann hat die Designerjeans mit Loch die gute alte Bundfaltenhosen verdrängt. (George Grodensky)

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