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Präparatorin Hildegard Enting und der Dodo. Sein Blick kann Herzen brechen.

Senckenberg-Museum

Dodos späte Auferstehung im Senckenberg-Museum

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Das Senckenberg-Museum zeigt die Rekonstruktion eines Vogels, den jeder gern haben muss: den Dodo.

Ein schönes Tier. Ein kurioses Tier. Aber auch: „Ein Tier, das aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen riesige Aufmerksamkeit auf sich zieht“, sagt Senckenberg-Museumsdirektor Bernd Herkner. Wer wollte ihm widersprechen? Schließlich ist das Tier seit mehr als 300 Jahren ausgestorben.

Ein Exemplar jedoch hat Hildegard Enting retten können. Von Samstag an wird es im Museum zu sehen sein, am Mittwoch schon durfte die interessierte Weltpresse einen Blick darauf werfen. Es ist ganz außerordentlich. Man möchte meinen, es lebt.

Was ist es? Ein Dodo. Früher sagte man hierzulande Dronte, inzwischen hat sich Dodo durchgesetzt, lateinisch Raphus cucullatus: kapuzentragender Nachtvogel. Hildegard Enting, 49, kennt ihn wie nur wenige Menschen, die nach 1650 geboren wurden, denn die Zoologische Präparatorin beschäftigt sich seit Jahren intensiv damit, sein Abbild zu schaffen. Sie hat alles gelesen, was es über Dodos zu lesen gibt, und alles in Augenschein genommen, was von den einst auf Mauritius heimischen Tieren übrig ist.

Sie formte ein Tier, das sie lebend nie sah. Und wenn sie das Resultat so betrachtet, sagt sie: „Damit hätte ich nicht gerechnet.“

Aber der Reihe nach. 1598 taucht der Dodo in Berichten von Seefahrern auf. Er muss einem sympathisch sein, denn er läuft jedem freudig entgegen, weil er keine Feinde kennt – und wird von den ausgemergelten Seeleuten gebraten. Möglich, dass er seinen Namen daher hat; die Portugiesen sollen seinerzeit, wenn sie einen Narren vor sich wähnten, „doudo“ gesagt haben. Schlimmer als der Appetit der Matrosen ist für das arglose Wesen, dass die Menschen fremde Tierarten einschleppen wie Ratten, kurzum: 100 Jahre nach seiner Entdeckung ist der Dodo verschwunden, weg, ausgestorben.

Lebendrekonstruktion des Dodo

400 Jahre nach seiner Entdeckung fängt Hildegard Enting bei Senckenberg an – und ist fasziniert von dem Buch „Extinct Birds“ (Ausgestorbene Vögel) des Briten Errol Fuller. Vor allem eine Dodo-Tuschezeichnung Herman Saftlevens lässt sie nicht mehr los. Aber es dauert bis 2015, ehe die Gespräche über eine Lebendrekonstruktion konkret werden. Enting studiert, was es zu studieren gibt, auch den mumifizierten Dodo-Kopf in Oxford, wichtigstes Relikt. Daraus und aus diversen erhaltenen Skelettteilen rekonstruiert sie schließlich den ganzen Vogel. Schnabel aus Epoxidharz, Gesichtshaut aus Silikon. Als sie die Rohfassung des Kopfs an das Drahtgestell für den Körper hält, geschieht etwas zwischen der Präparatorin und ihrem Geschöpf. „Aha“, denkt sie. Und später, als der Spezialist Marco Fischer den Dodo in sein Federkleid gehüllt hat (Ohrfasanfedern), als das Tier seinen Kopf schräg gelegt hat und aus den Augen schaut, die Enting bemalt hat gemäß der uralten Beschreibung „sie leuchten wie Diamanten“ – da denkt sie: „Wenn einen der Blick in einer bestimmten Position trifft, dann ist man schon berührt.“

Der Weg dahin war lang, die Gespräche waren zahlreich, mit Wissenschaftlern, dem Senckenberg-Ornithologen Gerald Mayr, mit Geflügelzüchtern. Nichts blieb dem Zufall überlassen, und doch gab es Momente des Zweifels: „Plötzlich dachte ich, der sieht so lang aus!“ Momente des Zerrissenseins: „Oft war es nicht so leicht, eine niedliche Vorstellung zu verwerfen.“ Als der Kollege dem Dodo ein allerliebstes Federschwänzchen verpasst hatte, das wissenschaftlich nicht zu halten war: „Es sah so schön aus, aber: nee. Das wäre unseriös.“

Nun steht der Dodo also seriös, doch immer noch tollpatschig genug vor seinen Fans. „Ich habe viel gesehen“, sagt Museumschef Bernd Herkner, „aber noch nie eine auch nur annähernd so gute Dodo-Rekonstruktion wie diese.“ Nicht mal in „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll, der den Dodo 1865 berühmt machte. „Wir wollten ihn zum Leben erwecken“, sagt die Präparatorin. Von Samstag an können die Besucher nachsehen, ob das gelungen ist. Und bedauern, dass niemand den arglosen Dodo einst beschützte.

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