Maske trägt vor der Kleinmarkthalle und am Liebfrauenberg trotz der Corona-Pandemie niemand. Bild: Peter Jülich
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Maske trägt vor der Kleinmarkthalle und am Liebfrauenberg trotz der Corona-Pandemie niemand. Bild: Peter Jülich

Coronavirus

Frankfurt: Feiern ohne Abstand Liebfrauenberg werfen Fragen auf

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Das Partyvolk in Frankfurt lässt sich das Feiern von Corona nicht vermiesen und findet neue Treffpunkte.

  • Hunderte feiern ohne Abstand auf dem Liebfrauenberg in Frankfurt.
  • Auch Corona-Schutzmasken werden kaum getragen.
  • Das Partyvolk ist jedoch zahlungskräftig.

Ein Passionsgang über den Liebfrauenberg an einem Samstagnachmittag hinterlässt glückselige Erleichterung und tiefe Dankbarkeit, wirft allerdings auch ein paar Fragen auf.

Erleichterung, weil man eine Corona-Pandemie anschließend nicht mehr zwangsläufig als Übel ansieht. Wer hier nicht zum Menschenhasser wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Schon seit Wochen geben sich mehrere Hundertschaften vornehmlich junger Feierwütiger vor allem samstags nach Schließung der Kleinmarkthalle dem exklusiven Vergnügen hin, einen Abiturientenball im Hochtaunuskreis nachzustellen.

Feiern in Frankfurt ohne Schutzmaske

Was, zumindest was Outfit und dummes Geschwätz angeht, auch vorzüglich gelingt. Die Einkaufstüten der trendigen Boutiquen werden gut sichtbar platziert, man holt sich in einem der benachbarten Läden eine Flasche Wein oder Sekt – und Prösterchen! Eine Schutzmaske gehört nicht zu den modischen Accessoires, die trägt hier wirklich niemand, nicht ein einziger. Die Durchschnittsdistanz zum Gegenüber beträgt etwa zehn Zentimeter.

In Ermangelung ausreichender Fazilitäten orientiert man sich beim Verrichten der Notdurft an den Tieren des Opel-Zoos und kotzt im Wissen, dass andere es schon wegwischen werden, aufs Straßenpflaster. Eine Welt mit sehr viel weniger Menschen scheint in solchen Momenten eine sehr viel bessere Welt zu sein.

Müllberge in Frankfurt durch das Partyvolk

Dankbarkeit empfindet man gegenüber den Clubbetreibern. Das Partyvolk ist ja nicht durch Corona entstanden, es war schon vorher da, fand aber bislang wohl Sichtschutz in den Clubs dieser Stadt, wofür man den Betreibern gar nicht genug danken kann. Angesichts der bereits am Nachmittag überquellenden Mülleimer empfindet man aber auch eine tiefe Dankbarkeit gegenüber der Müllabfuhr. Es ist schon ein bisschen ungerecht: Sowohl Clubbetreibern als auch Müllwerkern zollt man erst den gebührenden Respekt, wenn man den Unrat sieht, den sie ansonsten beseitigen.

Apropos Müllabfuhr: Eine Kollegin der „FNP“ hatte vor wenigen Tagen den Fehler gemacht, eine der Asozialen bei einem Gläschen Chardonnay zu stören und auf die Müllberge anzusprechen. Dafür sei ja die Müllabfuhr zuständig, erklärte die angeheiterte Dame. „Die muss doch auch was zu tun haben, sonst werden sie ja arbeitslos!“

Nun aber zu den Fragen, die sich aufdrängen. Mit welchem moralischen Recht werden eigentlich Demonstrationen – egal ob von Seebrückenbauern oder Aluhutträgern – aufgelöst, weil die Teilnehmer sich angeblich oder tatsächlich nicht an die derzeit geltenden Regeln des menschlichen Miteinanders halten?

Wieso ist das verboten, wenn es im Zeichen der Humanität geschieht oder Menschen, die die Seuche für eine Erfindung halten, sich konsequenterweise nicht an die Schutzregeln halten?

Und wieso ist das einem hedonistischen Mob erlaubt, der für sein Tun keinerlei Rechtfertigung hat als die Verwirklichung seiner vermeintlichen Grundrechte auf Party und Belästigung anderer Menschen?

Partyvolk auf dem Liebfrauenberg - Solventes Publikum

Es ist ja nicht so, dass die Party- und Eventszene sich allgemeiner gesellschaftlicher Akzeptanz erfreut. „Ist das jeden Samstag so?“, fragt die sichtlich schockierte Besucherin eines benachbarten Straßencafés die Bedienung. „Jeden Samstag!“, antwortet diese, macht danach aber von ihrem Recht auf Schweigen Gebrauch.

Denn anders als bei der Klientel, die vor wenigen Wochen am Opernplatz randalierte, handelt es sich hier um eine ebenso solvente wie konsumorientierte Gruppe, und die angrenzenden Restaurants sind heilfroh, ihre Weinvorräte an zahlende Kundschaft loszuwerden, so rücksichtslos die auch sein mag.

Ein Passant, der angesichts des virologischen Exzellenzclusters entsetzt seine Maske aufzieht, attestiert den Anwesenden eine „Herrenmenschenattitüde“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf.

Die bohrendste Frage, die ein Nachmittag auf dem Liebfrauenberg hinterlässt, ist freilich diese: Für was in aller Welt wurde eigentlich der Wasserwerfer erfunden?

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