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„Diskriminierung von Russen habe ich nicht erlebt“

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Von: Thomas Schmid

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Sorge um die Familie: Danylo Matviienko.
Sorge um die Familie: Danylo Matviienko. © Barbara Aumüller

Opernsänger Danylo Matviienko stammt aus dem prorussischen Donbass-Becken.

Wladimir Putin rechtfertigt den Krieg in der Ukraine damit, dass in der Donbass-Region ein Völkermord drohe – ein Völkermord von Ukrainern an Russen. Dagegen hat sich im Gespräch mit dieser Zeitung Opernsänger Danylo Matviienko (31) geäußert, der aus der Region stammt. Von einem möglichen Genozid habe er nichts mitbekommen. Er sagt: „Ich bin sehr besorgt wegen meiner Familie. Die Russen feuern überall in der Ukraine, es ist die Hölle.“ Der Bariton singt seit Beginn dieser Saison im Ensemble der Frankfurter Oper. Seit 2019 war er Mitglied des Opernstudios.

„Am 23. August 2014 habe ich meine Heimatstadt verlassen. Meine Schwester und ich sind vor der Unabhängigkeitsbewegung und dem damit einhergehenden Bürgerkrieg in die Ukraine geflohen.“ Mit dieser Unabhängigkeitsbewegung habe alles begonnen, vorher hätten Ukrainer und Russen in der später so genannten Volksrepublik Donezk friedlich zusammengelebt. „Ich habe in den 24 Jahren, während der ich vorher im Donbass gewohnt habe, nicht ein einziges Mal eine Diskriminierung erlebt oder miterlebt. Auch später, in der Ukraine, bin ich nie diskriminiert worden, weil ich aus dem Donbass-Gebiet komme.“ Donezk ist eine 1,1-Millionen-Stadt in der östlichen Ukraine, das Zentrum des Kohlereviers Donbass.

Matviienko war seitdem nicht mehr in seiner Heimatstadt. „Ich spreche mit meinem Vater, aber nicht über Politik“, sagt der Sänger. Sein Vater scheint mit dem prorussischen Regime in der Volksrepublik keine Probleme zu haben. „Er ist, wie fast alle Männer, Reservist“, sagt Danylo Matviienko. Seine Schwester lebe inzwischen in der Zentralukraine. „Sie will hinaus, sie will vor dem Krieg fliehen.“ Aber das sei im Moment sehr schwierig und gefährlich.

Viele seiner Freunde versuchten zu fliehen oder seien schon geflohen. Sie hätten die Grenze nach Polen passiert. „Freunde in Polen versuchen sie aufzunehmen. Freunde aus der ganzen Welt hier in Deutschland und ich selbst versuchen, eine Übersicht zu bekommen und zu sehen, wie wir helfen können“, sagt der Sänger. Für seine Schwester bestehe noch keine Möglichkeit zur Flucht: „Sie müsste die Strecke von 600 Kilometern zurücklegen, bis sie an der polnischen Grenze wäre. Das ist jetzt viel zu gefährlich.“ Seine Schwester habe entschieden zu warten. Das Haus, in dem sie wohnt, sei unterkellert. So finde sie im Ernstfall Schutz vor Bomben oder Raketen.

Matviienko meint, der ganze Konflikt im Donbass sei künstlich aufgebauscht. Außer während des Unabhängigkeitskampfes 2014 habe es keine Notwendigkeit gegeben, Schutz zu suchen vor Bomben oder Kugeln. „Es hat auch keine Diskriminierungen gegeben, geschweige denn einen Genozid“, betont er. Diese Behauptungen seien Lügen Putins. Nach 2014 aber sei das Leben schwieriger geworden. Wenn seine Schwester ihre Eltern besuchen wollte, sei an der Grenze zur Volksrepublik Donezk alles durchsucht worden. Die Separatisten hätten ihr das Smartphone weggenommen und alle Bilder angesehen, weil sie vermutet hätten, sie sei eine Spionin.

Jetzt ist der Krieg ausgebrochen. Für Matviienko ist klar: Er kann nur in Russland beendet werden. „Die russische Bevölkerung muss auf die Straße gehen und Putin stoppen. Der Krieg ist furchtbar“, sagt der Sänger. „Es ist so schrecklich. Jeden Tag sterben Menschen. Es gibt 15 Atomreaktoren in der Ukraine. Was ist, wenn eine Rakete einen solchen Reaktor trifft und es zu einem GAU kommt?“ In Donezk würden die Männer jetzt, ob sie wollten oder nicht, zum Militär einberufen. Die Familien seien verzweifelt.

So ist der Musiker gedanklich immer in der Heimat – auch wenn er auf der Bühne steht. Einer seiner Kollegen an der Oper, Jurii Samoilov, wie Matviienko Bariton, ist beim Schlussapplaus nach Mozarts „Così fan tutte“ mit der blau-gelben Fahne der Ukraine über der Schulter auf die Bühne getreten. Das Publikum hat sich von den Plätzen erhoben, um mit dem Sänger auch sein Land zu ehren.

Die Oper Frankfurt hat gestern ein Statement veröffentlicht: Die Solidarität gelte allen Menschen in der Ukraine, aber auch „ukrainischen Kollegen hier bei uns an der Oper Frankfurt, die in dieser Ausnahmesituation unter enormer persönlicher Anspannung und privater Sorge weiterhin Kunst machen“.

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