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Beethoven ist im Beethoven-Jahr 2020 natürlich Pflichtprogramm beim Dirigierwettbewerb in Frankfurt, der an den großen Dirigenten George Solti erinnert.

Wettbewerb

Meisterlich am Taktstock

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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In Frankfurt werden die besten jungen Dirigentinnen und Dirigenten gesucht - dem Gewiner winkt ein großer Preis.

Steht hier vorne am Pult im Sendesaal des Hessischen Rundfunks vielleicht der nächste Furtwängler, der nächste Karajan, der nächste Bruno Walter? Vielleicht beweist sich hier auch der nächste Georg Solti, Namensgeber des internationalen Wettbewerbs für junge Dirigierende, wer weiß. Der nach dem verstorbenen ungarisch-deutsch-britischen Meisterdirigenten benannte künstlerische Wettstreit wird in diesen Tagen im HR und in der Alten Oper Frankfurt ausgetragen. Am Sonntag fällt die Entscheidung, welches Nachwuchstalent den mit 15 000 Euro dotierten renommierten 1. Preis erhalten wird. Seit Mittwoch laufen die Vorrunden.

Der Wettbewerb

Namensgeber des internationalen Dirigierwettbewerbs ist der legendäre Dirigent Sir George Solti (1912-1997), der auch einige Jahre Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt war. Der aktuelle Wettbewerb ist der inzwischen neunte seit 2002 und einer der ganz wenigen dieser Art weltweit.

Beworben hatten sich in diesem Jahr 437 junge Dirigentinnen und Dirigenten von Korea bis Kolumbien, Jahrgang 1986 oder jünger. Etwa 90 kamen in die engere Auswahl, zehn wurden schließlich nach Frankfurt eingeladen. In die Endrunde am Sonntag haben es die Neuseeländerin Tianyi Lu, der Deutsche Johannes Zahn und der Ungar Gabor Hontvari geschafft.

Beim aktuellen Wettbewerb ist wegen der Corona-Pandemie nur das Finale am kommenden Sonntag, 11. Oktober, öffentlich. Die letzten drei Finalisten werden Ouvertüren von Beethoven und jeweils einen Satz aus dessen berühmter Siebter, der Schicksalssinfonie, dirigieren. In der Jury sitzen unter anderem die Schirmherrin Lady Valerie Solti, Alte-Oper-Chef Markus Fein und der Dirigent Michael Sanderling. Und auch die Zuschauer sind gefragt: Sie vergeben einen eigenen Publikumspreis.

Stolze 15000 Euro beträgt der 1. Preis, außerdem werden die beiden ersten Plätze zu weiteren Dirigaten eingeladen. HR2 Kultur sendet eine Aufzeichnung des Preisträgerkonzerts am 1. Dezember.

Es gibt noch Karten zu jeweils 25 Euro für das Wettbewerbskonzert am Sonntag, 11. Oktober, 10 Uhr, und das Preisträgerkonzert um 13 Uhr. Kaufen kann man sie unter Tel. 069/1340400 oder www.frankfurt-ticket.de. aph

Der junge Dirigent Luis Toro Araya, sehr schlank, dunkle Locken, gut aussehend, hebt konzentriert den Taktstock. Gerade haben zwei Techniker noch schnell das Dirigentenpult desinfiziert, eine von vielen Corona-Sicherheitsmaßnahmen in dieser Zeit. Die Orchestermusiker, etwa 30 sind es, sitzen im weiten Abstand voneinander, die Jury hat dahinter Platz genommen, dort, wo normalerweise keine Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen. Eigentlich wäre der Wettbewerb weitgehend öffentlich, doch dass diesmal nur am Sonntag Publikum zugelassen ist, ist einer von so vielen Tributen an die Pandemie.

Die Kolumbianerin Ana Maria Patiño-Osorio, Jahrgang 1995, ist eine der immer noch ziemlich wenigen Dirigentinnen in einer Männerdomäne.

Von der Tribüne aus hat die fünfköpfige Jury den besten Blick auf die Kandidaten, die alle dieselben drei Stücke vorbereitet haben, im Beethovenjahr 2020 natürlich ein Werk des Meisters, dann ein Stück von Leos Janacek und Richard Wagners „Siegfried-Idyll“. Jeweils eine halbe Stunde haben sie Zeit, die Jury zu überzeugen.

Wie erkennt man denn einen neuen Meister, eine neue Meisterin? „Entscheidend sind gute Schlagtechnik, Musikalität und Ausstrahlung gegenüber dem Orchester und dem Publikum – das, was man Charisma nennt“, meint Burkhard Bastuck, Vorsitzender der Frankfurter Museums-Gesellschaft und Wettbewerbsleiter.

Luis Toro Araya, einer der Wettbewerbsteilnehmer, beim Dirigieren.

Dass derzeit ein solch international orientierter Wettbewerb überhaupt ausgerichtet werden kann, ist an sich schon erstaunlich. „Die Reisen der Kandidaten waren zum Teil sehr kompliziert. Wir haben bis zum letzten Moment gebangt, dass sich die Einreisebedingungen vielleicht doch noch ganz kurzfristig ändern“, berichtet Annemarie Burnett, die die Wettbewerbsteilnehmer betreut. Ein Bewerber aus Venezuela etwa musste im letzten Moment zurücktreten, da völlig unklar war, ob eine Rückreise in das am Rand eines Bürgerkriegs stehende Land überhaupt möglich sein würde.

Beworben hatten sich in diesem Jahr 437 junge Dirigentinnen und Dirigenten aus der ganzen Welt. Die fünfköpfige erste Jury habe alle Kandidaten begutachtet und etwa 90 in eine engere Auswahl genommen, berichtet Wettbewerbsleiter Burkhard Bastuck. Zehn wurden schließlich nach Frankfurt eingeladen, darunter auch der Chilene Toro Araya. Die Veranstalter übernehmen den Aufenthalt, zahlen aber nicht die Anreise. Toro Araya immerhin hatte es nicht weit, er studiert aktuell in Zürich.

Die Orchesterbesetzung wechselt beim Wettbewerb immer wieder.

Doch der Aufwand, nach Frankfurt zu kommen, lohnt sich. Für Nachwuchsdirigentinnen und -dirigenten gibt es weltweit höchstens eine Handvoll vergleichbarer Wettbewerbe, und der Siegerpreis ist hochattraktiv, nicht nur wegen der ausgesetzten Summe. Die beiden ersten Plätze werden eingeladen, eigene Konzerte mit dem Opernhaus- und Museumsorchester oder dem hr-Sinfonieorchester einzustudieren. Am Mittwoch schieden die ersten fünf aus, am Donnerstag traten die fünf Übrigen nochmals an, am Freitag und Samstag proben dann die drei letzten Verbliebenen unter den Augen der Jury für das Wettbewerbskonzert am Sonntag. Wer dort welchen Satz von Beethovens Siebter spielen wird, entscheidet das Los.

Der Taktstock im HR-Sendesaal senkt sich, Toro Araya, der sicher und selbstbewusst wirkt, lässt seine Musiker lange spielen, bis er - sehr höflich - eingreift. Er scheint selbst ganz ergriffen, versunken in der wunderbaren Musik. „Ich hätte nur eine Bitte“, sagt er schließlich. „Die Zweite Geige etwas mehr Vibrato. Bitte eine ganz warme Farbe.“ Freundlich und ruhig wirken sie alle, die jungen Talente, die hier auftreten. Die Zeit der Tyrannen am Taktstock scheint abgelaufen, wenn man auch anderen Kandidaten des Wettbewerbs zuhört.

Simon Proust, Frankreich, Spezialist für zeitgenössische Musik.

Die Kolumbianerin Ana Maria Patiño-Osorio, Jahrgang 1995, zum Beispiel ist eine der immer noch ziemlich wenigen Dirigentinnen in dieser Männerdomäne, fröhlich, mit ansteckendem Lachen. Da sei aber inzwischen etwas in Bewegung, sagt sie optimistisch. Dass die jungen Frau, die von einem Bauernhof in der Nähe von Medellin stammt und eine strapaziöse Anreise von der Karibikküste bis nach Frankfurt hinter sich hat, ihr Orchester beleidigen oder gar herabwerten würde, scheint kaum vorstellbar. „Ich hoffe, dass die Zeit der Tyrannei vorbei ist“, sagt sie mit einem Lächeln. „Autorität kommt von Wissen, sie ist eine Folge klarer künstlerischer Ideen. Das Orchester und ich, wir müssen als Team arbeiten. Ohne Orchester, ohne die Menschen sind wir Dirigenten nichts!“ Dirigieren Frauen anders als Männer? „Wenn wir hier 100 Frauen wären, wären wir doch auch alle unterschiedlich“, sagt sie.

Hankyeol Yoon aus Korea arbeitet auch als Komponist.

Interessanterweise gibt es den Solti-Wettbewerb genauso lange wie den TV-Erfolg „Deutschland sucht den Superstar“, seit 2002. Man könnte den Frankfurter Wettstreit mit seinem klassischen Ernst beinahe als Gegenentwurf zu solch krawalligen CastingShows sehen, ruhig, konzentriert, freundlich und ohne jede Abwertung von Kandidaten. Toro Araya und Patiño-Osorio sind beide in der Vorrunde ausgeschieden, doch schon die Teilnahme am Wettbewerb ist eine Auszeichnung. Auch wenn sie nicht gewonnen haben - verloren haben sie jedenfalls nicht. Und eine große Karriere ist bei beiden durchaus vorstellbar.

Corona-Schutz: Zwischen den Auftritten wird das Pult desinfiziert.

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