+
Hunger, Durst, Vitamine und Geselligkeit: Der Markt regelt alles. 

Eigenregie

Mit Direktvermarktung gegen den Preisverfall

  • schließen

Gemüse, Eier Obst und Fleisch ab Hof - das gibt es beim Erzeugermarkt an der Konstablerwache in Frankfurt seit 30 Jahren. Und immer mehr hessische Landwirte verkaufen ihre Erzeugnisse inzwischen auch in Eigenregie über Supermärkte.

Frankfurt – Bio sollen die Lebensmittel sein, die daheim auf dem Tisch landen – oder regional auf heimischen Äckern angebaut. Wenn sie dann auch noch direkt beim Erzeuger im Hofladen gekauft werden, ist das Glück bewusster Konsumenten perfekt.

Der Alltag sieht jedoch zumeist ganz anders aus. Für den Wochenendeinkauf geht es zum Discounter. Entscheidend sind oft doch die knappe Zeit und die Preise – wenn nicht gerade Spargel-, Erdbeer- und Kirschensaison ist. Denn da wird gern die Ernte regionaler Erzeuger an den Verkaufsständen direkt am Straßenrand gekauft.

Mitten in Frankfurt gibt es allerdings seit nunmehr 30 Jahren eine Institution für alle Freunde regionaler Produkte: Als erster seiner Art in Hessen wurde der Erzeugermarkt an der Konstablerwache 1989 aus der Taufe gehoben. „Im Juni, Juli und August hatten wir die ersten Probeläufe. Ab September fand der Markt dann offiziell wöchentlich statt“, berichtet Landwirt Oswald Henkel aus dem hessischen Hofbieber-Mahlerts.

Von Anfang an bietet der 61-jährige Mitbegründer seine Hausmacherwurst sowie hofeigenes Rind- und Schweinefleisch in Bioqualität auf der Konstablerwache beim Bauernmarkt an. „Der seit Jahrzehnten anhaltende ruinöse Preisverfall in der Landwirtschaft – gerade auch in der Viehhaltung – bestätigt mich noch heute in der damals getroffenen Entscheidung zur Direktvermarktung“, sagt der Vorsitzende der Vereinigung der hessischen Direktvermarkter.

Traditionsmarkt: Start mit Hindernissen

Doch bevor der heutige Traditionsmarkt an den Start ging, habe es einen „ziemlichen Hickhack“ gegeben. Druck habe es vonseiten der Kleinmarkthalle gegeben und auch der damalige Bürgermeister Hans-Jürgen Moog habe von dem Konzept überzeugt werden müssen. „Vor den Kommunalwahlen im März 1989 hatten SPD und Grüne einen Bauernmarkt in ihr Wahlprogramm aufgenommen“, erinnert Henkel. „Nach deren Wahlsieg hat Rot-Grün aber mächtig geeiert und drückte sich plötzlich. Erst auf Druck konnten wir im Sommer starten.“

Der Zusammenschluss der Direktvermarkter wollte damals einen anderen Markt für die Erzeugnisse schaffen, der nicht dem Diktat der Weltmarktpreise und der Einkaufsmacht des Lebensmitteleinzelhandels unterworfen war. „Bewusste Verbraucher hatten damals wie heute eine andere Erwartung: Sie schätzen Regionalität und garantierte Herkunftsqualität“, so Henkel.

Jahrzehntelang seien Landwirte von Politik und Verbänden in die falsche Richtung getrimmt worden: hin zur Investition in größere Einheiten, Flächen und Ställe. „Wachsen oder Weichen“ wurde den Landwirten eingeimpft. Nur in den propagierten „Wachstumsbetrieben“ sei in Zeiten des Weltmarkts ein wirtschaftlicher Betrieb noch möglich, so die ausgegebene Devise.

Logisch, dass die Landwirte mit hohen sechsstelligen und siebenstelligen Beträgen in große Schweinemast- oder Milchkuhanlagen investierten. Diese riesigen Einheiten und vor allem die Schuldenlast bedrohen nun die Existenz der Bauern. Die Folge: In finanzielle Schieflage geraten, Investoren werden bei den klammen Großbauern vorstellig.

„Heute noch selbstständige Bauern werden schnell zu angestellten Betriebsleitern und deren Mitarbeiter zu modernen Knechten und Melkern“, spekuliert Henkel. Die Familie Reinhardt gehörte zu den Landwirten, die mit eigenem Hofladen einen anderen Weg eingeschlagen haben.

Direktvermarktung bringt Vorteile 

1978 starteten Veronika und Heinz Reinhardt mit dem Verkauf von Eiern und Milch auf ihrem Reinhardtshof in Friedrichsdorf-Burgholzhausen. Heute ist es einer der letzten verbliebenen Direktvermarkter im Taunus, der eigene landwirtschaftliche Erzeugnisse im täglich geöffneten Hofladen mit festen Öffnungszeiten verkauft. „Auf der von uns bewirtschafteten Fläche mit 60 Hektar Ackerland wären wir mit Getreideanbau nicht überlebensfähig gewesen. Mit der Direktvermarktung von Obst und Gemüse sehr wohl“, sagt Heinz Reinhardt. Die grundlegende Frage nach den Schwerpunkten des Landbaus stellt sich heute auch für seine Tochter immer wieder neu.

„Unsere Kunden kommen ja längst nicht mehr nur aus dem Vordertaunus und dem Westen der Wetterau“, sagt Marianne Reinhardt. „Frankfurt wächst kontinuierlich, womit die Stadt den Ackerbau immer weiter nach außen drängt. Die Außenbezirke grenzen ja direkt an die Wetterau und den Vordertaunus. Der Kundenkreis wird größer, aber die Ackerfläche wird kleiner.“

Der Kunde sei anspruchsvoller geworden. Was ihrer Familie eigentlich entgegenkommt, ist die Erwartung der Kunden nach einem Erlebnis beim Einkauf. Das können Landwirte mit einem Hofladen bieten. Und natürlich schätzen die Kunden, dass es im Hofladen frische Produkte gibt. Das gilt für Erdbeeren ebenso wie für Eier, Gemüse und natürlich auch für Fleisch.

Alleinstellungsmerkmal

„Wir kommen gerne mit unseren Kunden ins Gespräch, sie zeigen Interesse an unseren Produkten. Wir stellen keine No-Name-Produkte her. Der Kunde kennt mit dem Direktvermarkter den Produzenten der Lebensmittel“, sagt die Junglandwirtin. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.“

Die allermeisten Landwirte hingegen produzieren anonym und liefern die angebauten Produkte an weiterverarbeitende Betriebe der Lebensmittelindustrie – Getreide an die Mühle, Zuckerrüben in die Zuckerfabriken, Milch an die Molkerei. Da zählen nur die Kriterien des Weltmarkts: Angebot und Nachfrage bestimmen den Marktpreis.

Die Direktvermarkter in Hessen verfolgen mit ihrem Betriebskonzept einen weiteren Vertriebsweg, so wie etwa das Hofgut Hohenwald in Kronberg-Oberhöchstadt. Die Landwirtsfamilie Meyer nutzt das Label „Landmarkt“ der Vereinigung der hessischen Direktvermarkter. Sie beliefern 30 Rewe-Einkaufsmärkte in der Region in eigener Regie und Verantwortung mit Eiern. „Wir halten 10 000 Hühner in Bodenhaltung. Sie legen rund 9000 Eier pro Tag. Zwei Drittel davon verkaufen wir über die Supermärkte“, sagt Torsten Meyer, der Geschäftsführer des Hofguts mit angeschlossenem Hofladen. „Rund ein Drittel der Eier verkaufen wir über unseren Hofladen sowie über ausgewählte Feinkostgeschäfte und Bäckereien.“

Lesen Sie auch: 

Frankfurt: Neues Café in der Altstadt

In den Cafés von Hoppenworth & Ploch gibt es nur Kaffee aus ihrer eigener Rösterei. Am heutigen Donnerstag eröffnen die beiden Frankfurter Macher ihren dritten Laden.

Dönerboot macht wieder auf

Das Dönerboot in Frankfurt war voll Wasser gelaufen. Nach drei Wochen kann der Verkauf auf dem schwimmenden Imbiss wieder beginnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare