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Elefanten und Wale stehen und hängen Spalier.

Kunst und Natur in Frankfurt

Das Ding aus einer anderen Zeit in Frankfurt

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Die Reise eines 225 Millionen Jahre alten Baumstamms aus dem Senckenberg-Museum in eine ganz besondere Kunstausstellung.

Härte 7. Klingt wie einer dieser derben Actionfilme mit Bruce Willis oder Rambo. Ist aber der Versteinerungsgrad dieses Baums. Viel härter geht’s nicht. Härte 10 wäre Diamant.

Manche Buchen in unseren Wäldern sind mehr als 400 Jahre alt. Dieser Baum, der ursprünglich im Petrified-Forest-Nationalpark stand, Arizona, USA, hat 225 Millionen Jahre auf der Rinde, was Leute wie Philipe Havlik überhaupt nicht beeindruckt. „Das ist nicht mal sooo alt“, sagt der Senckenberg-Museumsentwickler, „ich meine: 225 Millionen Jahre …“, er macht ein spöttisches Gesicht, „die dicken Brocken, die wir aus dem Standort Kuhwaldstraße zum Campus Bockenheim umgezogen haben, waren viel älter.“

Das bunte Nadelbaumfossil, besser gesagt: eine Hälfte davon, zieht jetzt auch um, und zwar in die Altstadt, zum Frankfurter Kunstverein, in dessen Ausstellung „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“. Am 9. Oktober wird sie eröffnet. Trees of Life, auf Deutsch heißt das: Bäume des Lebens.

„Bitte vorsichtig berühren“, steht auf dem Sockel des Exponats. Das gilt für die Museumsbesucher. Die Männer von der Spezialtransportfirma Zöller packen ihrerseits kräftig zu und wickeln den ehemaligen Baum in Luftpolsterfolie. Tragen können sie ihn allerdings nicht. Er wiegt 1,7 Tonnen. Da müsste dann schon Rambo ran. Aber der schafft das auch nur im Actionfilm. Na, wahrscheinlich eher Chuck Norris.

Es geht ein Baumstamm auf Reisen. Da staunen Seekuh und Krokodil.

Ist das wirklich ein Baum? Die zwei Hälften sind doch total bunt, die Schnittstellen spiegelglatt gebohnert. Es ist eben ein Baumfossil, in den Jahrmillionen von Kieselsäure durchdrungen und von Mineralien: Eisen brachte Rot und Braun hinein, Kupfer das Grün. Mangan und Sulfat malten mit. „Die Oberfläche war extrem aufwendig zu glätten“, sagt Havlik, „das geht nur mit Diamant.“ Härte 10.

Zum Abtransport in aller Frühe, ehe das Senckenberg-Museum für Besucher öffnet, ist Franziska Nori gekommen, die Direktorin des Kunstvereins. Fasziniert steht sie vor dem tonnenschweren Ding. „Das stammt aus einer Zeit, in der unser Planet noch etwas völlig anderes war“, sagt sie. „Wenn wir das Objekt in einen neuen Kontext bewegen – dann ist es etwas, das eine wahnsinnige Kraft hat.“

In den neuen Kontext bewegen es nun die Herren der Firma Zöller. Aber doch nicht mit diesem Wägelchen? Manche der Umstehenden schauen skeptisch, darunter Triceratops und Diplodocus, die ebenfalls uralten Nachbarn des gespaltenen Baums im Dinosauriersaal des Museums. Doch, mit diesem Wägelchen. Es kann angeblich 2,5 Tonnen wuppen, aber um es unter die Last zu rollen, müssen die Fachleute den halben Stamm ein wenig anheben. Ein heikler Moment. Wenn das Ding umkippt ... und irgendwie kurios zu sehen, dass sie die 1,7 Tonnen seitlich mit ihren Händen stützen. Andererseits: „Es geht da um den ersten Impuls“, sagt Transportleiter Christian Hess. Wie bei einem schweren Motorrad: Solange es nur ein Prozent in Schräglage gerät, kann man es noch halten. Es kommt immer auf den Winkel an.

Steil aufrecht fährt der Stamm nun aus dem Saal, und ein bisschen wirkt er dabei wie der magische Monolith aus dem Science-Fiction-Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“. Fehlt nur noch der Chorgesang. Und der Parforceritt durch die Galaxien.

Mach’s gut, Diplodocus, bis demnächst. Raus aus dem Dino-Saal.

Es gelte, den Austausch zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft zu stärken, sagt Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger zur Kooperation mit dem Kunstverein. „Was ist unsere Geschichte, was ist unser Sinn für Natur?“, nennt Franziska Nori zentrale Fragen der kommenden Ausstellung. Der Steinbaum nimmt darin eine Hauptrolle ein. Es gehe nicht darum, ob er dann plötzlich Kunst sei: „Es geht um unseren Blick darauf.“ Auch darum, die aktuellen Diskussionen aufzugreifen, das Zusammenspiel von Mensch und Natur. Und es geht sogar darum, „die Idee des Vorrangs des Menschen neu zu überdenken, das Primat des Stärkeren und die Kollaboration zwischen Arten“. Im Prinzip geht es darum, in den Urzeiten des Planeten Schwung zu holen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft möglichst noch zu retten. Die Kultur dabei als Mittler einzusetzen, ist schon seit längerem ein Ansatz des Frankfurter Kunstvereins.

Weiter rollt die Säule in den Senckenberg-Saal der Wale und Elefanten, die alles stoisch hinnehmen. Eine Fahrt durch die Jahrmillionen. Die Männer legen breite Platten unter, um das Gewicht auf mehr Fläche zu verteilen. Eigentlich müsste der Boden die 1,7 Tonnen zwar aushalten, aber, wie gesagt: eigentlich. Auch Franziska Nori kann von Situationen erzählen, in denen Objekte sich als zu schwer erwiesen und durch Nachbargebäude in den Schauraum bugsiert werden mussten.

Was gab es damals auf der Welt? Vor dieser unfassbar langen Zeit, als der Baum noch lebte? Welche Vögel saßen auf seinen Ästen? „Welche Vögel?“ Philipe Havlik grinst und überlegt. „Der Archaeopteryx ist jünger“, sagt er. „Aber es gab Reptilien, die sich auf Luftmassen gleiten lassen konnten, und Insekten, klar, Insekten kreuz und quer.“ Eichhörnchen jedenfalls nicht. Wir sprechen von der Vor-Säugetier-Zeit. Was es jedoch gab, ist der Buntsandstein, aus dem die Häuser in unseren Großstädten gebaut sind.

Riesige ausgedehnte Wälder beherrschten damals die Landflächen, schwärmt Havlik. Die Bäume in Arizona versanken über die lange Zeit im Sediment und mineralisierten, wie es nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich ist. Ein Querschnitt des Exponats zeigt noch Leitkanäle, die der Baum zu seiner eigenen Versorgung anlegte, Spuren des Lebens, beinahe rührend im hochglänzenden Stein der Härte 7. „Sehr entfremdet, aber noch Natur“, beschreiben Havlik und Nori das disziplinübergreifende Team. „So alt, dass man es sich gar nicht vorstellen kann“, sagt Franziska Nori zu den Veteranen der Ausstellung.

Gut verpackt und aufgebockt. Die rechte Hälfte bleibt da.

Mit reiner Dreimännerkraft, nicht elektrisch („da hätten wir zu wenig Gefühl drin“) rollt das Wägelchen unter der Wuchtbrumme von halbem Baumstamm dem Ausgang entgegen, wo der Lastwagen wartet. Der könnte auch 40 Tonnen mitnehmen. Aber die Hebebühne hintendran – die packt doch nie und nimmer 1,7 Tonnen? Ach was, die packt drei Tonnen. Als sie die Fracht anhebt, geht der ganze Lastwagen in die Knie, aber dann wächst der Baum in die Höhe wie seit der Trias-Zeit nicht mehr. Na gut, oder seit seiner Ankunft bei Senckenberg. Hat man auch nicht alle Tage, so was Schweres, oder? Die Männer winken ab. „Neulich hatten wir eine Maschine zu fahren, die wog 20 Tonnen.“ Bei so einem alten Stück wie dem Baumfossil achte man aber noch mal genauer auf jede Bodenwelle. „Bei Kunst geht’s darum, dass nix kaputtgeht.“ Obwohl: „Ich fahr‘ eh´ vorsichtig.“

Und dann ist das gute alte Stück ja auch versichert. Wie hoch wäre die Entschädigungssumme? „20 000 Euro, glaube ich“, sagt Philipe Havlik. Allgemeines Erstaunen: „Nur?!“

Der Wert eines solchen Korrespondenten aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt eigentlich, er bemisst sich halt nicht nur aus sich selbst, sondern aus dem Zusammenhang. „Diese Stücke erzählen so viel, wenn man den Hintergrund kennt“, sagt Franziska Nori. Auch die anderen Exponate, die sie in „Trees of Life“ ausstellen wird, darunter Einzeller. „Das Urleben, das unseren Planeten zu einem bewohnbaren Ort gemacht hat – das ästhetisch zu zeigen, ist die Herausforderung.“

Später kann der Kunstverein den Baum ja wieder an Senckenberg zurückgeben – in ein paar Millionen Jahren. Alle lachen. Nur der Baum nicht. Für ihn ein Wimpernschlag. Falls er Wimpern hatte, damals. Wer weiß es schon? Wir waren ja nicht dabei.

Trees of Life - Die Ausstellung

Vom 10. Oktober bis zum 19. Januar zeigt der Frankfurter Kunstverein seine Ausstellung „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“: dienstags bis sonntags von 11 bis 19 Uhr, donnerstags von 11 bis 21 Uhr.

Zu sehen sind Arbeiten von Sonja Bäumel, Studio Drift, Edgar Honetschläger und Dominique Koch zusammen mit Exponaten des Senckenberg-Naturmuseums.

Die Kunst sprengt dabei durchaus den Rahmen dessen, was man landläufig unter dem Begriff versteht.

Sonja Bäumel etwa ist dafür bekannt, dass sie ihre eigene Haut dem Einfluss von Mikroben aussetzt. Für einen Film mit dem Titel „Wir sind Planeten“ ging sie sehr weit: „Abends, nachdem alle die Universität verlassen hatten, liege ich eines Tages Mitte Jänner nackt und frierend eine halbe Stunde lang in der größten Petrischale der Welt und der Rest meines Teams isst Chips“, sagte die Österreicherin dem Online-Magazin „Madame Wien“. Und weiter: „Was ich gemacht habe, konnte ich niemanden anderen zumuten.“

Edgar Honetschläger ist Künstler und Umweltaktivist – er animiert Menschen, gemeinsam Land zu kaufen, um es der Natur zurückzugeben. Das ist etwas, das Kunstverein-Direktorin Franziska Nori übrigens längst gemacht hat. Sie wartet mit ihren Vereinskollegen vom Frankfurter Naturschutzbund darauf, dass sich die Feldlerche bald in dem Niederurseler Landstrich niederlässt, den sie gemeinsam gerettet haben. Viele andere Tiere und Pflanzen sind schon angekommen.

Mehr zur Ausstellung: www.fkv.de und museumfrankfurt.senckenberg.de

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