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Digitalisierung an der Goethe-Uni: „IT-Sicherheit ist wichtiger geworden“

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Von: George Grodensky

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Zwischen dem Präsidenten der Goethe-Uni, Enrico Schleiff, und Ulrich Schielein, dem neuen Vizepräsident zuständig für IT, stimmt die Chemie.
Zwischen dem Präsidenten der Goethe-Uni, Enrico Schleiff, und Ulrich Schielein, dem neuen Vizepräsident zuständig für IT, stimmt die Chemie. © christoph boeckheler*

Die Goethe-Universität Frankfurt beschäftigt erstmals in ihrer Geschichte einen hauptamtlichen Vizepräsidenten, der sich ausschließlich mit Digitalisierung befasst.

Ulrich Schielein wirkt entspannt. Dabei eilt der neue Chief Information Officer der Goethe-Uni dieser Tage von Meeting zu Meeting, trifft unzählige Mitarbeitende in Verwaltung, Lehre und Forschung, befragt Studierende, erarbeitet sich so ein Bild vom Stand der Digitalisierung an der Hochschule. Dennoch nimmt er sich eine gute Stunde, um gemeinsam mit dem Unipräsidenten Enrico Schleiff mit der FR zu sprechen.

Herr Schielein, Sie sagen, fast täglich stellten sich Hochschulangehörige mit ihren digitalen Projekten bei Ihnen vor. Ich hätte gedacht, weil es eine neue Stelle ist, müssten Sie erst einmal seitenweise Konzepte schreiben.

Ulrich Schielein: So hat man früher IT gemacht. Heute geht Digitalisierung schneller. Vor meiner Zeit an der Goethe-Uni sind auch schon viele Digitalisierungsprojekte realisiert worden, allerdings oft nicht miteinander vernetzt. Ich versuche jetzt – um es mit einem Bild aus der Hirnforschung zu sagen –, die Synapsen dazwischen zu schaffen. Manches gewinnt gerade große Aktualität, IT-Sicherheit zum Beispiel im Zuge des Ukrainekriegs. Die Infrastruktur in Deutschland wird über das Internet heftig attackiert, da muss man Vorkehrungen treffen. Es stehen auch andere Themen an: etwa der Relaunch des Webauftritts der Goethe-Uni.

Herr Schleiff, Sie haben die neue Stelle als „programmatisches Bekenntnis zur Digitalisierung“ bezeichnet. Warum ist das wichtig?

Enrico Schleiff: Forschende möchten die neusten digitalen Anwendungen für ihre Arbeit nutzen. Auch die Verwaltung soll digitaler werden. Und in Lehre und Studium haben wir zwar schon einiges, aber auch hier brauchen wir neue Ansätze. Die studentischen Digital Natives erwarten, dass die Universität mehr digitale Dienstleistungen bietet, etwa eine App, die zeigt, wie die letzte Klausur ausgefallen ist, was es in der Mensa gibt, welche Vorlesung wann und wo läuft, wie sie da hinkommen.

Dazu braucht man einen hauptamtlichen Vizepräsidenten?

Schleiff: Digitalisierung ist ein Querschnitts- und ein entscheidendes Zukunftsthema für eine Universität, die wie die Goethe-Universität mit ihren Ergebnissen die Entwicklung, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit unserer Gesellschaft voranbringen will. Es gibt ja kaum noch Prozesse, die ohne IT-Unterstützung ablaufen. Daher braucht es einen Vizepräsidenten, bei dem all die digitalen Projekte zusammenlaufen und der sie strategisch weiter- oder neu entwickelt. Ulrich Schielein ist dafür die richtige Person.

Bleiben wir kurz bei der Lehre, welche Erkenntnisse aus der Pandemie haben Sie gewonnen?

Schleiff: Eine zentrale Erfahrung ist: Die digitale Infrastruktur muss auf dem neusten Stand sein, um das ganze Spektrum virtueller Lehrmöglichkeiten zu unterstützen. Vom didaktisch virtuosen Einsatz profitieren Studierende, die so Lehrinhalte besser verstehen und später auch noch mal von zu Hause aus nutzen können.

Schielein: Wir schauen uns an, was zum Bildungserfolg beiträgt. Die guten Dinge wollen wir verstetigen. Bei digitalen Vorlesungen hat sich gezeigt, dass es hilft, kleinere Pakete zu schnüren, die Einheiten abschnittsweise anzubieten, ergänzt um Literaturhinweise, Lernzielfragen; also kein Monolog über 90 Minuten.

Schleiff: Gleichwohl hat die Pandemie gezeigt, dass die Lehre an der Hochschule weit über die bloße Vermittlung von Wissen hinausgeht. Es geht auch um Begegnungen und die Weiterentwicklung von Wissen durch Interaktion, um studentisches Leben, ums Netzwerken. All diese Dinge gehen sehr viel besser in Präsenz.

Herr Schielein, Sie kommen aus der Wirtschaft, nicht aus dem Hochschulkontext. Wo sehen Sie Unterschiede?

Schielein: Der Unterschied ist, dass es in privatwirtschaftlichen Unternehmen klarere Regeln gibt und klarer definiert ist, wer wo durchregieren kann. Anders an der Universität, die allein schon wegen der Freiheit von Forschung und Lehre keine so klare Hierarchiestruktur aufweist. Die Uni gibt vielen Gruppen Raum, ihre Projekte und Interessen zu verfolgen. Dagegen dominiert in der Privatwirtschaft immer ein Interesse: Gewinnerwirtschaftung. In der öffentlichen Hochschule sind andere Themen wichtig: Forschungserfolge und hohe Lehrkompetenz etwa.

Sie sagen, Digitalisierung solle helfen, die Prozesse für Forschende, Lehrende, Studierende und Verwaltung zu vereinfachen. Wie macht man das?

Schielein: Indem wir nicht an den Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Bereichen haltmachen. Es geht um die Frage, wie kann ich die übergreifenden Prozesse automatisieren, sicherstellen, dass die Daten laufen, nicht die Menschen? Der Student Life Cycle zum Beispiel beginnt für mich bei denen, die sich für ein Studium interessieren. Nicht erst, wenn sie sich eingeschrieben haben. Und er endet nicht mit dem Zeugnis, sondern dann, wenn das lebenslange Lernen beendet ist. Die Daten, die anfallen, Zeugnisse, Diplome, Zertifikate könnten wir so für den weiteren Lebens- und Berufsweg vorhalten. Bewerberinnen und Bewerber könnten auf ein File an der Goethe-Universität verweisen, in dem die ganze Bildungshistorie hinterlegt ist.

Lebenslanges Lernen. Ich versuche mir gerade, die Datenmenge vorzustellen, die damit anfällt …

Schleiff: Da müssen wir im universitären System keine Angst haben. Datenmengen sind für uns nicht das Problem, die Forschung hat schon vor einem Jahrzehnt mit Tera- und Petabyte gearbeitet. Wichtiger ist es, die Prozesse so zu gestalten, dass klar ist, wer Eigentümerin oder Eigentümer der Daten ist. Wie werden Zugriffe gemanagt, wie werden die Daten zuverlässig und dauerhaft gesichert?

Zu den Personen

Ulrich Schielein , 55 Jahre alt, ist seit Mai Chief Information Officer der Goethe-Universität. Die Stelle ist neu, erstmals in der Geschichte der Hochschule kümmert sich ein hauptamtlicher Vizepräsident ausschließlich um das Thema Digitalisierung. Der IT-Experte kommt nicht aus dem universitären Kontext, er hat zuvor in Verwaltung und Privatwirtschaft gewirkt. Schielein ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Enrico Schleiff, (50) ist seit 1. Januar 2021 Präsident der Frankfurter Goethe-Universität. Der Physiker und Biologe ist seit 2007 Professor für Molekulare Zellbiologie der Pflanzen an der Hochschule. 2012 wurde er zum Vizepräsidenten gewählt und behielt dieses Amt bis 2018. Er war auch Leiter des Buchmann Institutes für Molekulare Lebenswissenschaft und des Frankfurt Institute for Advanced Studies. sky

Schielein: Genau, interessant ist gerade das Management der Forschungsdaten. Für jede Fächergruppe gibt es ein riesiges Silo oder Warenhaus, in dem Daten hinterlegt werden. Wir wollen die Forschenden dabei unterstützen, die richtigen Datentöpfe zu finden und sie vernünftig zu verknüpfen. Forschungsergebnisse sollen auch wieder der Gemeinschaft zurückgeben werden. Damit andere Forschende nachvollziehen können, wie man zu den Ergebnissen gekommen ist, damit ein kritischer Review stattfinden kann. Ohne die ursprünglichen Basisdaten ist das kaum möglich.

Herr Schleiff, rufen Sie jetzt Herrn Schielein herbei, wenn bei Windows was klemmt? Spaß beiseite, es ist ja schon eine Art Abhängigkeit von der Technik entstanden. Müsste man nicht auch die IT-Kompetenz generell stärken auf dem Campus?

Schleiff: Ja, beim Umgang mit Digitalität für Forschung, für das eigene Studium, auch in der Verwaltung, gibt es sicher Fragen, bei denen selbst Digital Natives noch abgeholt werden müssen: Was ist die Logik einer KI, wie funktioniert die, wo sind die Grenzen? Wie kann ich ein Datenformat wohin transformieren? Wie kann ich Daten verknüpfen oder diese selber einstellen? Welche Informationen muss ich mitliefern, damit die weiter auslesbar sind? Dafür braucht es Weiterbildungsformate auf allen Ebenen.

Schielein: Ich habe verschiedene Formate im Kopf, um den Umgang mit dem Digitalen zu entspannen. Das sind klassische Fortbildungen, Schulungen, Learnings on the Job, Digitalmessen, Hackathons.

Was ist ein Hackathon?

Schielein: Da geht’s nicht ums Systemhacken, sondern darum, spielerisch im sicheren Umfeld etwas zu entwickeln, sich auszuprobieren. Eine Idee ist, die nächste Version der Goethe-App mit den Studierenden zusammen zu entwickeln. Sie sollen Ideen beisteuern und priorisieren. Und in einem Hackathon werden dann Lösungen dazu entwickelt. Damit machen Studierende die Erfahrung, wie schnell man mit digitalen Methoden etwas umsetzen kann. Ziel ist es auch, technikfernere Studierende in solche Projekte reinzubekommen.

Wie steht es um die Infrastruktur? Das IG-Farbenhaus ist nicht im Computerzeitalter gebaut worden.

Schleiff: Die technischen Möglichkeiten sind heute gegeben, auch in Gebäuden, die vor dem Computerzeitalter erbaut wurden. Dagegen wurde bisher zu wenig bedacht, dass aus Gründen der Sicherheit eine regelmäßige Umstrukturierung und Erneuerung der IT-Technologie in Gebäuden notwendig ist. Alle fünf bis acht Jahre brauchen Sie zu Hause einen neuen WLAN-Router. Zertifikate laufen ab, sind nicht mehr sicher. Auch wir müssen kontinuierlich die Technik erneuern. Das ist die Herausforderung.

Aber Neubauten würden Sie sicher anders planen? Etwa die Stadt- und Universitätsbibliothek, die 2030 entstehen soll …

Schielein: Das ist eine spannende Denkaufgabe: Wir überlegen heute, wie Bibliotheks-, Forschungs- und Lernprozesse in acht bis zehn Jahren ablaufen. Da das Gebäude viele Jahrzehnte stehen wird, müssen wir es möglichst flexibel und modular gestalten, um unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden. Bei Änderungen in der Nutzungsstruktur sollten Umbauten möglich sein, ohne groß Mauern einreißen zu müssen. Ich sehe die Bibliothek als neuen Lernort. Es wird nach wie vor die klassischen Lesesäle geben. Aber was heute schon gut angenommen wird, sind Einzelkabinen, die man buchen kann. Was ich zukünftig sehe, sind Teamräume, wo man mit virtuellen Simulationen Fähigkeiten einüben kann, oder sich mit 3-D-Brillen und Touchscreens an den Wänden über Kontinente hinweg mit anderen Studierenden aus Asien und Amerika austauscht. Dass jemand alleine im stillen Kämmerlein eine tolle Idee hat und die komplett ausarbeitet, ist nicht mehr die gelebte Praxis. Vieles passiert in Teamleistungen, in global vernetztem Arbeiten über Kontinente hinweg.

Brauchen wir dann überhaupt noch eine Bibliothek?

Schleiff: Ja, denn der physische Raum ist wichtig als Begegnungsstätte. Aber auch für die Erfüllung ihrer Aufgabe, Wissen für viele bereitzustellen. In den vergangenen Jahrhunderten hat die Bibliothek Bücher gesammelt, weil das der Informationsspeicher war. Aber wie speichere ich den gigantischen Informationsschatz aus dem Internet so, dass dieser einfach abrufbar ist? Wer legt die Metadaten fest, so dass ich die Informationen durchsuchen kann? Das und mehr führt zu einer Veränderung der Bibliotheken. Aber das Buch behält sicher seinen Raum, auch wenn andere Formate dazukommen, vielleicht sogar dominieren werden. Ich gehe an den Ort Bibliothek, aber leihe vielleicht kein Buch aus, sondern finde Ressourcen und Menschen, die mich beraten, oder künstliche Intelligenzen. Wer kann denn heute schon sagen, welche Möglichkeiten es in 20, 30 Jahren gibt.

Wie steht es denn um das Thema Klima? Benötigt die ganze Digitalisierung nicht sehr viel Strom?

Schielein: Wir sind dabei, ein Nachhaltigkeitsprogramm für die Goethe-Universität umzusetzen. Digitalisierung dient ja auch dem Klimaschutz. Virtuelle Zusammenkünfte helfen, den Reiseverkehr zu reduzieren. Räume sollten nur dann beleuchtet und klimatisiert werden, wenn eine Vorlesung läuft und von den Servern erzeugte Abwärme können wir als Heizenergie nutzen.

Schleiff: Auch unsere Forschung leistet schon heute einen riesigen Beitrag zur Klimaneutralität, und das in vielen Bereichen wie der Biodiversitätsforschung, der Stadtplanung und auch beim Bau der Computer. So helfen unsere Forscher und Forscherinnen, hocheffiziente Rechner und dazu passende Kühlsysteme zu bauen. Und, wir haben gerade ein Nachhaltigkeitsbüro eingerichtet, das sich mit solchen Fragen befasst. Aber ganz klimaneutral zu sein, das wird ein langer Weg.

Interview: George Grodensky

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