Werner Schneyder verlangt seinem Publikum viel ab.
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Werner Schneyder verlangt seinem Publikum viel ab.

Werner Schneyder

"80 ist die Pflicht, der Rest ist die Kür"

  • Wolfgang Heininger
    vonWolfgang Heininger
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Auch wenn Werner Schneyder nur aus seinen Memoiren liest, wird am Ende aktuelles politisches Kabarett daraus. Das zeigt sein Auftritt in der Frankfurter Käs.

Der Text über den 80-jährigen Österreicher, der am Donnerstag in der Frankfurter Käs aus seinem jüngsten Buch „Gespräch unter zwei Augen“ zitierte, hätte mit dem Hinweis beginnen können, dass es sich bei Werner Schneyder um ein „Urgestein“ des deutschsprachigen Kabaretts handele, den letzten prominenten Vertreter einer aussterbenden Generation von Satirikern, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben.

Doch diese Beschreibung verbittet sich der Hüne aus Klagenfurt sogleich; hat er sie zuletzt doch bereits mehrfach zu seinem Missfallen in den Zeitungen gelesen, wenn da vom „Altmeister“ der Satire die Rede war. Missfallen, das ist so ein Wort, das ihm gefallen könnte, das ihn über die Jahrzehnte angetrieben hat. Sich laut ärgern über die Welt und deren Protagonisten, aber bitte nicht unter einem gewissen Niveau.

Gerade wenn es um den Kulturbetrieb geht – um die Oper, das Theater, die Literatur – verlangt Werner Schneyder seinen Zuhörern eine Menge ab, womöglich sogar zu viel. Etwa wenn er seine Landsleute und Schriftsteller Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek kritisiert oder dem Publikum abverlangt, um die Bedeutung des Versmaßes Alexandriner zu wissen. Aber so ist er halt. Wie sich selbst macht er es auch seinen Fans nicht gerade einfach.

Werbetexter und Boxkommentator

Werner Schneyder, Anfang 1937 in Graz geboren, war und ist ein Vielseitigkeitstalent. Nach Studium und Promotion schlug er sich zunächst als Werbetexter durch, war Dramaturg und freier Autor, ehe er auf Dieter Hildebrandt traf, dessen Münchener Truppe, die Lach- und Schießgesellschaft, gerade auseinandergebrochen war. Aus ersten Kontakten erwuchs eine achtjährige fruchtbare Zusammenarbeit. Zugleich wurde er einem größeren Publikum als spitzzüngiger und kenntnisreicher Boxkommentator wie auch als Moderator des Aktuellen Sportstudios bekannt.

Schließlich wandte er sich der Inszenierung zu, darunter auch so profane Stücke wie die Operette „Das weiße Rössl“. Besonders stolz ist er auf seine Regiearbeit beim „Gott des Gemetzels“. Die Tragikomödie stand in Bremen immerhin vier Jahre lang auf dem Spielplan. Daneben schrieb er für sich und andere, so zum Beispiel den Liedtext „Die Wut ist jung“ für die Kom(m)ödchen-Chefin Lore Lorentz. Und wieder kehrte er zum Kabarett zurück, zuletzt mit dem Solo „Das war's von mir“.

Traumduo Hildebrandt und Schneyder

Die für die Liebhaber des literarischen Kabaretts wertvollsten Momente an diesem Donnerstag in Frankfurt waren die Passagen, die sich mit seinem Partner Dieter Hildebrandt beschäftigten. Der war wohl einer der wenigen Menschen, zu dem Schneyder wirklich aufschaute, auch „wenn er von mir viel hat ertragen müssen“. Man habe sich nächtelang aneinander abgearbeitet, aber gestritten habe man nie. Irgendwie wagt es der Überlebende nicht, den Verstorbenen seinen Freund zu nennen. Er weicht aus: das sei etwas Höheres gewesen. „Er hat meine Texte ergänzt – und ich hab' seine gekürzt.“

Im Gegensatz zu dem zeitweise abhängigen Hildebrandt brauche er keinen Alkohol, sagt Schneyder: „Aber ich mag ihn.“ Und er folge dem Rat seines Arztes, nur den besten Wein zu trinken, wenn er schon nicht darauf verzichten wolle. Und gräbt dabei eine alte Pointe aus, die er anlässlich des Glykol-Skandals kreierte: „Wer eine Spätlese für 2,99 trinken will, gehört auch vergiftet.“

„80 ist Pflicht, der Rest ist die Kür“, sagt Schneyder am Ende: „Man muss früh mit dem Sterben beginnen, damit man noch was davon hat.“ Und plädiert offen für ein schmerzfreies, bewusstes Ende, wenn es sein muss mit aktiver Sterbehilfe. Und dann? „Ich werde wohl nicht von oben herunterschauen, aber ich wünsche mir, dass sich alle hier unten ein wenig beobachtet fühlen.“

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