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„Dieser Krieg macht das Leben für die Kinder kaputt“

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Von: Timur Tinç

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Mahnwache vor dem russischen Konsulat.
Mahnwache vor dem russischen Konsulat. © Michael Schick

Die Mahnwache vor dem russischen Konsulat in Frankfurt ist zu einer permanenten Einrichtung geworden

Sie stehen mit selbst gemalten Schildern oder ukrainischen Flaggen an einer Hauswand gegenüber dem russischen Generalkonsulat an der Eschenheimer Anlage. Rund ein Dutzend sind es am Samstagmittag, die sich zur täglichen Mahnwache versammelt haben. Vor ihnen auf der Straße liegen Bilder des Krieges in der Ukraine, Blumen, Kerzen, Plakate und eine Spendenbox. Aus einem Lautsprecher läuft die ukrainische Nationalhymne in Dauerschleife.

„Es ist mir wichtig, dass die Leute in der Heimat sehen, dass sie nicht alleine sind“, sagt Kateryna Herashchenko. Sie ist vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen, ist Auszubildende. Neben ihr stehen ihre Mutter und ihre jüngere Schwester, die vor einer Woche aus Charkiw gekommen sind und nun in einem Hotel in Bad Vilbel wohnen. „Mein Vater muss jetzt kämpfen.“ Herashchenko übersetze nun für Menschen, die hier ankommen oder stehe vor dem Konsulat, um einen kleinen Beitrag zu leisten. „Meine Familie und Freunde sind im Keller. Es ist eine schwarze Zeit“, sagt sie. Ihre Schwester hat Angst, wenn Flugzeuge zu tief fliegen, berichtet sie. „Dieser Krieg macht das Leben für die Kinder kaputt.“

Trotz all des Leids in der Ukraine wollen nicht alle das Land verlassen. „Sie wollen bei ihren Männern sein“, berichtet Olga Nowicka. Sie lebt schon seit vielen Jahren in Deutschland und hat ihre Angehörigen gebeten, zu ihr zu kommen. „Die Frauen kochen jetzt jeden Tag und schicken den Männern das Essen per Lkw zu“, erzählt sie. Die Kinder ihres Bruders seien schon aus der Stadt in der Westukraine ins Dorf gefahren, doch selbst da höre man die Sirenen und die Bombeneinschläge. Mit Kamera kann sie derzeit nur schlecht telefonieren, weil das Netz in der Ukraine immer wieder zusammenbricht. „Sie weinen jeden Tag“, sagt Nowicka.

Sie könne die Menschen nicht verstehen, die dem russischen Präsidenten Wladimir Putin immer noch auf den Leim gehen. „Vor allem die jungen Leute, die Kontakte in die ganze Welt haben. Wie kann man das glauben?“, fragt sie sich.

Beistand leisten

Oleksandra Savchenko ist eine der Mitorganisatorinnen der Mahnwache. Über eine Whatsapp-Gruppe teilen sie sich auf, wer wie lange kommt und verantwortlich für den Lautsprecher ist. Savchenko erlebt ab und zu, was es bedeutet, wenn Menschen die russische Propaganda glauben. „Wir haben in den ersten Wochen auch Reden gehalten, während Menschen in der Schlange vor dem Konsulat standen“, erzählt sie. „Wir haben gesagt: Es sterben auch russische Soldaten.“ Einige hätten sie angelacht, manche gemeint, Putin mache alles richtig. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm habe sogar jemanden angerempelt. „Die positiven Erlebnisse sind seltener“, sagt Savchenko. Aber es gebe sie. Ein Mann, der eigentlich seinen Pass verlängern wollte, hätte sie um Verzeihung gebeten. Auch ein Tschetschene, der den Krieg dort erlebt habe, reihe sich ab und zu in die Mahnwache mit ein.

Annette Reschke ist in den vergangenen Tagen auch des Öfteren gekommen. „Russen! Sagt Nein zu Putins Krieg“, steht auf ihrem Schild. „Es ist eine Form des Beistands im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Reschke, die seit vier Stunden neben den Ukrainerinnen und Ukrainern ausharrt. Sie erlebe, dass vor allem die ältere Generation vor der Mahnwache innehält, manche bekämen Tränen in die Augen. Am Samstag sind es viele Menschen, die sich die Bilder auf dem Boden anschauen. Ein Mann auf der gegenüberliegenden Straßenseite salutiert. Ein anderer steckt zehn Euro in die Spendenbox. „Es kommen sehr viele Deutsche und stehen mit uns“, sagt Olga Nowicka. Kateryna Herashchenko ist sehr dankbar für die Unterstützung. Leider, sagt sie, hätten viele Russinnen und Russen eine andere Wahrheit, an die sie glauben. Auch deswegen wird sie weiter zur Mahnwache kommen, um zumindest auf diesem Weg zu zeigen, dass in der Ukraine Krieg herrscht. Selbst wenn die russische Propaganda etwas anderes behauptet. Auf dem Boden steht in großen blauen und gelben Lettern auf Ukrainisch geschrieben: „Wir gewinnen! Ukraine!“

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