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Dienst ist Dienst für den Frankfurter Bahnbabo

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Von: Thomas Stillbauer

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Rolf Oeser
Straßenbahnfahrer Peter Wirth alias Bahnbabo wird am Wahltag wohl arbeiten. © Rolf Oeser

Der Tramfahrer, der OB werden will, hätte gern frei am Wahltag – aber da gibt es ein Problem.

Aus dem Cockpit der Straßenbahn ins Amt des Oberbürgermeisters: So stellt sich Peter Wirth, besser bekannt als der Frankfurter Bahnbabo, seinen nächsten Karrieresprung vor. Problem am Rande: Am 5. März, wenn die Bürgerinnen und Bürger zum ersten Wahlgang an die Urnen gerufen sind, muss der Bahnbabo arbeiten – Straßenbahn fahren. Obwohl: Müsse er gar nicht, sagt seine Arbeitgeberin, die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF).

Um die Kandidatur des bekanntesten Trampiloten Frankfurts, wenn nicht gar Deutschlands, präzise einzuordnen: „Mein Wahlkampf kostet 500 Euro“, sagt Peter Wirth im Gespräch mit der FR. „Ich habe 100 Plakate mit Fotos, auf denen ich einen Spagat und ähnliche Dinge mache“, denn der Spagat in jeder Lebenslage ist ein Markenzeichen des topfit durchtrainierten 61-Jährigen, genau wie die Sonnenbrille, die er fast immer im Gesicht hat. „Und die Plakate hänge ich alle selber auf.“

Kein Wahlkampf wie Donald Trump also. „Ich weiß, dass ich diese Plakate für die Kids mache“, sagt Wirth. Seine jungen Fahrgäste lieben ihn. Zehntausende Fotos hätten sie mit ihm gemacht. „Die können die Plakate ruhig mitnehmen nach der Wahl. Dann haben sie das Plakat zum Handy-Selfie. Ich bin ja selbst ein fahrendes Wahlplakat.“ Viele würden an seine Fensterscheibe klopfen, wenn er mit der Bahn an der Haltestelle stehe. „Bahnbabo, ich wähl’ Sie!“

Mit seinem Bollerwagen will er an den freien Tagen für die heiße Phase des Wahlkampfs durch die Stadt ziehen. Apropos freie Tage: Den Wahltag selbst werde er wohl an seinem rollenden Arbeitsplatz verbringen, sagt Wirth. Wie das? „Ich habe nur ein einziges Wochenende in der ganzen Kampagne frei, und das ist Fastnacht. Da bin ich bei den Helferfreunden“, einer Initiative, die sich um Bedürftige kümmert, „und bei der Kinderfastnacht, das habe ich fest versprochen, das halte ich auch.“

Und am 5. März? Der gebürtige, seiner Stadt stets treu gebliebene Frankfurter, der sich dennoch einen erstaunlich norddeutsch wirkenden Akzent angeschafft hat („Ich bin wandlungsfähig, ich trainiere viel, auch meine Sprache, ich kann sogar ein bisschen Türkisch“), will keinen Ärger mit seiner Arbeitgeberin. Aber es klingt zwischen den Zeilen an, dass er sich gewünscht hätte, am Wahltag freigestellt zu werden, ohne dafür Urlaub nehmen zu müssen. „Ich war in China und in Australien im Fernsehen“, sagt er, „die Leute laufen in Klamotten mit meinem Logo herum, Jungen und Mädchen kommen und sagen: ,Ich will bei euch anfangen!‘“ Er sei die beste Werbung für die VGF, lässt sich heraushören, ohne dass er es aussprechen muss. Ein bisschen Entgegenkommen könne doch dafür drin sein, klingt da an.

„Wir haben Herrn Wirth vier Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt“, sagt dazu Bernd Conrads, der Sprecher der Verkehrsgesellschaft. „Er kann einen Tag Urlaub nehmen, Überstunden abbauen, es gäbe die Möglichkeit einer unentgeltlichen Freistellung und er könnte am 5. März den Frühdienst übernehmen.“ Nur eine bezahlte Freistellung sei nicht möglich, „weil wir damit einen Kandidaten zur OB-Wahl bevorzugen würden“. Darf die VGF das nicht? Der Bahnbabo ist doch ihr Mann, seit 34 Dienstjahren. Conrads: „Wir müssen neutral sein, das ist unser Auftrag. Wir behindern ihn nicht, aber wir können ihn auch nicht bevorzugen.“

Löschantrag in Wikipedia

Also wird Peter Wirth wohl entweder Freizeit opfern oder Straßenbahn fahren müssen, wenn der große Tag kommt. Er wird es hinkriegen, so oder so. „Ich baue Brücken, das hat mich zum Bahnbabo gemacht.“

Das setzt sich hoffentlich auch bald im Onlinelexikon Wikipedia durch. Dort gibt es seit Wochen eine Diskussion darüber, Wirths Eintrag zu löschen: „Straßenbahnfahrer, der an Haltestellenschildern Dehnübungen macht. Relevanz woraus?“, schrieb jemand zur Begründung seines Löschantrags. In der erstaunlich ernsthaft geführten Debatte gibt es aber viele Befürworter des Eintrags. Bisher ist er also – auch dieses Wort übrigens ein Markenzeichen des Bahnbabos – stabil.

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