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Da war noch die Hoffnung noch da. Doch ohne Cavani gab es kein Tor für Uruguay.

WM Uruguay-Frankreich

Uruguay-Fans trauen sich kaum zu atmen

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Bangen auf der Berger Straße: Die Frankfurter Uruguayer hoffen bis zuletzt. Aber La Celeste hat gegen Frankreich kein Glück. Doch die Liebe zum Team bleibt. Und der Stolz, Uruguayer zu sein.

Gabriel zieht sein Shirt aus, wirbelt es in der Luft, sein wohlgenährter Bauch wackelt euphorisch mit, als wir singen: „Soy Celeste“, also „Wir sind die Himmelblauen“. Das war am Samstag beim WM-Spiel gegen Portugal. An diesem Freitagnachmittag gegen Frankreich wird sich kein Uruguayer, keine Uruguayerin das Shirt vom Leib reißen - draußen unter den Sonnenschirmen der „Wilden Olive“ auf der Berger Straße.

Auch singen wir nur einmal, aber eher verzweifelt, als das zweite Tor für Frankreich fällt. Ansonsten trauen wir uns kaum zu atmen. Wir, das sind um die 30 Frankfurter Uruguayer, zwischen zehn und 60 Jahren alt - und ein paar deutsche Freunde dazwischen. Eins vorweg: es heißt Uruguayer nicht Uruguayaner. Wir sind kein Land, das in Gullivers Reisen vorkommt, auch wenn es nur drei Millionen Einwohner hat.

So oft musste ich dies schon erklären. Auch, dass Uruguay nicht in Afrika, sondern in Südamerika liegt. Meine Eltern sind beide Uruguayer, ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber bin sehr oft dort, weil der Großteil meiner Familie eben dort lebt. Lange musste ich alleine bei den Uruguay-Spielen fluchen oder jubeln. Bis ich bei dieser WM die Facebook-Gruppe „Uruguayos en Frankfurt“ entdeckt habe. Eduardo hat sie gegründet, seit 2006 lebt der 54-Jährige in Frankfurt. Regelmäßig trifft sich die Gruppe (bis zu 40 Leuten) zum Asado (also zum Grillen).

„Als Uruguayer liebt man drei Dinge: Mate, Fußball und Asado “, fasst es Cristina zusammen. 1968 kam sie nach Deutschland. Sie hatte sich in einen Deutschen verliebt und ihn geheiratet. Offiziell gibt es nur zehn Uruguayer in Frankfurt, aber da sind wir, die Kinder von mindestens einem uruguayischen Elternteil, die den deutschen Pass haben, nicht eingerechnet. Oder eben die Urguayer, die wie Cristina in Maintal-Bischofsheim leben. „Als ich nach Deutschland kam, gab es vielleicht drei Uruguayer in der Region, in den letzten Jahren sind viele, die in Spanien lebten, nach Deutschland gezogen“, sagt sie.

Als wir die Aufstellung sehen und uns klar ist, dass unser verletzter Super-Stürmer Edinson Cavani nicht spielen wird, habe ich Angst. Cristina sagt aber: „Du musst „Fe“, also Glauben, haben. Neben uns sitzt eine Deutsche, die ihre Uruguay-Baseballkappe so trägt wie der Prince of Bel Air. Sie sagt, dass „Uruguay ihre „Alma“ also ihre Seele sei: Sie sei lange zwischen Deutschland und Uruguay gependelt. Sie bestellt sich zum Spiel Kekse mit Dulce de Leche. So was wie Nutella - nur eben aus Karamell. Neben uns die Jungs bestellen sich Empanadas, das sind mit Mais oder Fleisch gefüllte Teigtaschen. Der Besitzer der „Wilden Olive“ ist Argentinier. Auch sie haben unter den Franzosen gelitten. Sind wegen ihnen rausgeflogen. „Kreuz deine Finger. Das hilft“, sagt Cristina. Leider nicht. Es fällt einfach kein Tor für Uruguay. „Que porqueria!“- rufen wir. „Was für ein Mist!“.

Hinter uns umklammern Eduardo und Jaime die uruguayische Fahne. Die Sonne blendet, wir sehen den Bildschirm schlecht. Nicht einmal, die himmelblauen eng sitzenden Trikots, bei denen man echt alles durchsieht: Sixpack und Brustwarzen. Mein Trikot ist eine ältere Version und so einiges weiter geschnitten: Ich trage die 10, weil ich Diego Forlán, den Ex-Kapitän der uruguayischen Mannschaft mit den schönen blauen Augen und blonden Haaren, die er gern mit einem Haarband unter Kontrolle brachte, heiraten wollte. Hat nicht geklappt. Dabei hätte ich ihn kennenlernen können. Denn in unserer Millionenhauptstadt Montevideo kennt jeder jeden. Spätestens der Bäcker kennt deine Cousine. Beispiel: Lucas (27) habe ich beim Spiel gegen Portugal kennengelernt. Wenige Stunden später finden wir raus, dass sein und mein Vater sich 1984 mal kennengelernt haben. Ich frage meine Cousine in Montevideo per What’s App, ob nicht ihr Mann, der wie Suárez (warum schießt er eigentlich kein Tor heute?) und Cavani aus Salto kommt, die Jungs kennt. „Er nicht, aber meine Kollegin kennt Cavanis Freundin. Brauchst du ihre Nummer?“

Am Ende sind wir nur noch sehr still und sehr traurig „Mir geht es schlecht“, sagt Eduardo. Die Deutsche, die Uruguay so liebt, sagt: „Ich werde Zuhause meine Fahne abhängen.“ Da interveniert Cristina: „Nein! Als Uruguayer sind wir stolz auf unsere Jungs, und darauf Uruguayer zu sein. Egal, ob wir gewinnen oder verlieren.“ So ist es. Soy celeste.

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