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Die wunderbare Welt der AWO

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Von: Stefan Behr

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Amtsgerichtsprozess entführt ins einstige Schlaraffenland des Ehepaars Richter

Es ist eine Geschichte aus einer Zeit, als Wünschen noch geholfen hatte – zumindest dann, wenn man mit dem Ehepaar Richter von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) befreundet war. Aber erzählt wird sie nicht von Melanie R., die wegen Beihilfe zur Untreue auf der Anklagebank des Amtsgerichts sitzt. Die macht von ihrem Recht auf Schweigen Gebrauch. Ihr Verteidiger begründet das mit dem laufenden Verfahren gegen ihren Ehemann, einen ehemaligen leitenden Angestellten der AWO, bei dem es um ganz andere Summen geht.

Bei Melanie R. geht es aber auch nicht um Hartgeld. Von August 2015 bis Februar 2020 hatte die AWO Wiesbaden die ehemalige Justizfachangestellte beim Frankfurter Amtsgericht mit einigen Wohltaten bedacht. Zuerst mit einem Mini-Job, der nicht gerade üppig bezahlt war, dafür aber mit zwei hochmotorisierten SUVs (immerhin hintereinander) als Dienstwagen nebst Tankkarte verbunden war. Später gab es dann noch einen regulären Arbeitsvertrag und ein Gehalt, das hoch genug war, um es R. zu ermöglichen, ihren Gerichtsjob 2018 an den Nagel zu hängen und nebenher ein Gewerbe als freie Maklerin anzumelden.

Was Melanie R. im Gegenzug für die AWO getan hat, ist mit einem Wort zusammenzufassen: nichts! Laut Anklage ist der AWO durch sie ein Schaden von mehr als 280 000 Euro entstanden, von dem mehr als 170 000 an die Scheinangestellte flossen.

Die verdankt sie wohl ihrem Ehemann, der sich – sei es durch berufliche Kompetenz, sei es durch seine Freundschaft zum Ehepaar Richter – binnen kurzer Zeit vom AWO-Praktikanten zum Entscheider hochgearbeitet hatte. Jürgen und Hannelore Richter hatten als AWO-Vorsitzende (er Frankfurt, sie Wiesbaden) den Wohlfahrtsverband in eine Organisation verwandelt, die man getrost als mafiös betrachten darf.

Laut Einstellungsvertrag war Melanie R. unter anderem für die Sichtung von Immobilien als potenzielle Flüchtlingsunterkünfte zuständig. Ein Job ohne Burn-out-Gefahr, denn die Wiesbadener AWO war im Gegensatz zur Frankfurter zu keinem Zeitpunkt für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständig. Dass sie im Namen der AWO immerhin Auto gefahren ist, beweisen zwei schöne Blitzlichtaufnahmen der Polizei und die monatlichen Abrechnungen der Tankkarte, die schon mal die 500-Euro-Marke knackten.

Die als Zeugen geladenen Ermittler hatten trotz intensiver Suche keinerlei Spuren von R.s Wirken für die AWO finden können. Auch die geladenen AWO-Mitarbeiter kannten die Frau – wenn überhaupt – nur „vom 60. Geburtstag von Frau Richter“, der recht fidel gewesen sein soll.

Auch der neue Vorstand der AWO ist zum Prozess geladen. Es handelt sich um alte, nette Männer, die ihre Arbeit als Ehrenamt begreifen und aus anderem Holz geschnitzt sind als die Richters. So könnten sie etwa eine Erstattung ihrer Fahrtkosten beantragen, tun es aber nicht. An das Gebaren ihrer Vorgänger blicken sie zurück im Grausen. Vor allem die exzessive Vergabe von Mini-Jobs sei sehr seltsam gewesen. Diese gingen meist an Mitglieder der Führungsclique und deren Angehörige. Die Frankfurter wurden mit Wiesbadener, die Wiesbadener mit Frankfurter Mini-Jobs bedacht. Diese dienten wohl, so die neuen Chefs, dazu, Bargeldentnahmen durch die alten Chefs zu kaschieren, als verdeckte Gehaltserhöhungen für Richter-Amigos sowie zur steuerlichen Optimierung von Dienstwagen und Überstunden.

Das Wiesbadener Arbeitsgericht hat Melanie R. bereits zur Rückzahlung von knapp 120 000 Euro an die AWO verdonnert, das Urteil ist rechtskräftig. Das Amtsgericht legt strafrechtlich nach und verurteilt sie am späten Montagnachmittag wegen Beihilfe zur Untreue in acht Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung. Der Staatsanwalt hatte zuvor eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten gefordert. Aber R.s Verteidiger, der eine zurückhaltende und gute Performance zeigte, bat um Milde für die Mutter dreier schulpflichtiger Kinder. Der „moralische Kompass“ könne bei starken geldmagnetischen Strömungen – vor allem fürs Nichtstun – ins Trudeln geraten. „Gefeit ist davor niemand.“ Oder, wie Oscar Wilde es einst formulierte: „Allem kann ich widerstehen – nur der Versuchung nicht.“

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