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„Die Wahrheit ist beinahe unerträglich“

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Von: Thomas Stillbauer

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Susan Merzbach am Grab ihres Großvaters Albert Merzbach auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt.
Susan Merzbach am Grab ihres Großvaters Albert Merzbach auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt. © Privat

Wie die 1946 geborene Susan Merzbach der Geschichte ihrer von den Nazis vertriebenen und ermordeten Familie näher kam

Im Juli war Susan Merzbach in Frankfurt, weit angereist aus den USA. Sie nahm am Besuchsprogramm der Stadt teil, das Angehörige ehemaliger Frankfurterinnen und Frankfurter einlädt – Nachfahren von Menschen, die dem Terror des Nationalsozialismus (NS) zum Opfer fielen. Susan Merzbach nutzte den Aufenthalt, um ihren eigenen Wurzeln nachzuspüren, die auf dem Hauptfriedhof zu finden sind, auch in Offenbach und weiter weg, am Niederrhein. „Frankfurts Bereitschaft hinzuschauen, verstehen zu wollen und alles zu erzählen, was geschah, ist genau, was es braucht, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen, soweit es möglich ist“, sagte sie dieser Tage der FR.

Es lohnt sich, einen Blick auf die Geschichte der Familie Merzbach zu werfen. Gerade erst hat etwa die Frankfurter Universitätsbibliothek in der Ausstellung „StolperSeiten“ über NS-Raubgut unter anderem eine Liste ausgestellt: Dinge, die Susan Merzbachs 1880 geborene Großmutter Jenny auf der Flucht vor den Nazis mitnehmen wollte – und in deren Besitz sie doch nicht mehr kommen sollte. Die Historikerin Angelika Rieber hat die stolze und doch erschütternde Geschichte der Familie aufgeschrieben.

Jenny, geborene Spier, heiratete 1905 den Rechtsanwalt Albert Friedrich Merzbach, Mitglied einer bekannten Offenbacher Familie, Enkel des Gründers der Merzbach-Bank, Siegmund Merzbach, nach dem ein Platz in Offenbach benannt ist. Das Bankhaus Merzbach finanzierte auch die allererste elektrische Straßenbahn Deutschlands im Dauerbetrieb. Das Eheglück währte nur wenige Jahre – Albert Merzbach starb 1918 als „Held des Ersten Weltkriegs“. Sein Grab ist auf dem jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt.

Kriegsheldentum und Straßenbahn-Wohltätigkeit helfen allerdings nur bedingt, wenn die Faschisten eine Familie drangsalieren, weil sie jüdisch ist. Sohn Peter durfte zwar Medizin studieren, aber 1933 wurde ihm mitgeteilt, dass er niemals in Nazi-Deutschland als Arzt würde arbeiten dürfen. Damit begann die erzwungene Odyssee der Familie.

Peter Merzbach und seine Verlobte Amelie Grünhut beantragten ein Visum für die USA und übersiedelten in der Wartezeit nach Holland, wo sie auch heirateten. Aber auch dort wurden sie behindert. So arbeiteten beide bei der deutschen Firma Beiersdorf, bis zur Entlassung 1938. Den Nationalsozialisten passte die jüdische Herkunft der Gründer und Firmenleitung nicht. „Kauft keine Judencreme“ lautete eine der Hetzkampagnen. Im September 1938 konnte das Paar endlich in die USA ausreisen, wo Peter Merzbach allerdings erneut studieren musste, während seine Frau mit Gelegenheitsarbeiten den Lebensunterhalt bestritt. 1941 erhielt er dann die Zulassung als Arzt; das Paar ließ sich in Amherst im US-Bundesstaat Massachusetts nieder.

„Seiner Tochter gegenüber hat Peter Merzbach nie über die Vergangenheit und das Schicksal seiner Mutter gesprochen“, berichtet Angelika Rieber. „Es war zu schmerzhaft für ihn.“ Der Mutter Jenny Merzbach fehlte in Holland die „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ für die Weiterreise, auch erhielt sie keine Versorgungsbezüge mehr vom deutschen Staat. Sie blieb in Holland zurück, als ihr Sohn und seine Frau 1938 in die USA entkamen. Von Mai 1942 an musste sie den gelben Stern tragen, mit dem die Nazis Juden kennzeichneten. Im September 1943 wurde sie in Auschwitz von Hitlers Getreuen ermordet.

Angelika Rieber hat für ihren Text auf der Internetseite www.juedisches-leben-frankfurt.de noch viel mehr zusammengetragen, etwa die Geschichte von Jenny Merzbachs Töchtern, von denen eine als „asozial“ gebrandmarkt und ebenfalls von den Nazis ermordet wurde, während der anderen Tochter mit gefälschten Papieren die Flucht gelang. Sie ließ sich nach dem Krieg mit ihrem österreichischen Mann in Wien nieder.

Und Susan Merzbach, 1946 geboren, die Enkelin von Jenny und Albert, Tochter von Peter und Amelie Merzbach? Sie lebt heute in South Hadley, Massachusetts, wenige Minuten entfernt von ihrem Elternhaus. Sie habe über die Familie ihres Vaters nur manche Geschichten gehört – „safe stories“, wie sie sie nennt, also solche Geschichten, die nicht zu weh tun, um sie zu erzählen. „Ich wusste, dass meine Großeltern einander verehrten, dass sie in der Zeppelinallee 35 wohnten. Dass meine Großmutter in Auschwitz gestorben ist. Dass ihnen alles gestohlen wurde.“ Die Lederfabrik der Familie in Wickrath am Niederrhein, das Bankhaus in Offenbach.

Nach Frankfurt zu kommen, habe ihr eine neue Welt erschlossen, sagt Susan Merzbach. Es sei eine Freude gewesen zu sehen, wo ihr Vater zur Schule ging, aufs Goethe-Gymnasium, und wo die Familie lebte. Ein liebender Schmerz, am Grab des Großvaters zu stehen. Aber manches verfolge sie auch, jetzt, da sie es durch Angelika Riebers Recherchen genauer wisse. „Ich dachte, Jenny sei schnell gestorben. Jetzt weiß ich von dem Jahr der Qualen im KZ-Sammellager Westerborg.“ Ebenso ihre Tante Anne-Lies, die Ähnliches erlitt.

„Am Ende verstehe ich, warum mein Vater nur die ,safe stories‘ erzählen konnte“, sagt Susan Merzbach. Und dann fügt sie hinzu: „Die Wahrheit ist beinahe unerträglich. Aber es ist die Wahrheit, die uns schließlich alle heilen wird.“

Zur Erinnerung an die Familie Merzbach sollen Stolpersteine verlegt werden. Dann will Susan Merzbach wieder nach Frankfurt anreisen. Sie ist hier immer herzlich willkommen.

Susan Merzbach mit einem Gemälde, das ihren Vorfahr, den Lederfabrikanten Zacharias Spier, zeigt.
Susan Merzbach mit einem Gemälde, das ihren Vorfahr, den Lederfabrikanten Zacharias Spier, zeigt. © Privat
Großmutter Jenny Merzbach (rechts) in Holland, wo sie den Nazis nicht entkam.
Großmutter Jenny Merzbach (rechts) in Holland, wo sie den Nazis nicht entkam. © Privat

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