PdW-Virologin_140920
+
Prof. Dr. Sandra Ciesek ist eine der führenden deutschen Virologinnen.

Porträt der Woche

Podcast mit Christian Drosten: Sandra Ciesek, die Coronavirus-Jägerin aus Frankfurt

  • Sandra Busch
    vonSandra Busch
    schließen

Sandra Ciesek leitet die Virologie an der Frankfurter Uniklinik, forscht nach einem Medikament gegen Covid-19 und ist in den Podcast von Christian Drosten eingestiegen.

  • Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek macht gemeinsam mit Christian Drosten den Corona-Podcast.
  • Ciesek kam 2019 nach Frankfurt.
  • In ihrer Virus-Forschung hat sie schon viel erreicht.

Fast hätte Sandra Ciesek im Leben nicht viel mehr mit Viren zu tun gehabt als jeder andere auch. Denn den Vertrag für eine Banklehre hatte sie nach dem Abitur schon in der Hand. Alles war in trockenen Tüchern. Doch dann kamen die Bedenken. „Ich hab’ das Gefühl bekommen, dass es nicht das Richtige ist“, sagt die 42-Jährige, die heute das Institut für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt leitet. Dass sie vielleicht nur mit etwas Bodenständigem vor den Großeltern dastehen wollte. Sie unterschrieb den Vertrag nicht.

Wenn aus der Goslarerin eine Bankkauffrau geworden wäre, wäre sie vielleicht trotzdem in Frankfurt gelandet. Viele Banker landen schließlich hier. Aber dann wäre vielleicht Anfang Februar niemand an den Flughafen gefahren, um die ersten deutschen Rückkehrer aus dem chinesischen Wuhan mit einem Rachenabstrich in Empfang zu nehmen. Doch sie kam eben nicht als Bankerin, sondern als Virologin in die Stadt. Und ein Rachenabstrich als Test bei den Reiserückkehrern aus der Gegend, in der das neuartige Coronavirus grassierte, „das war eigentlich nicht vorgesehen von der Bundesregierung oder jemand anderem“, sagt Ciesek.

Corona-Virus: Ein einfacher Rachenabstrich reicht als Diagnose

Doch sie wollte das unbedingt machen, obwohl Kollegen diese simple Methode als ziemlich absurd abtaten. Durch die Berichte aus China hatte sie „das Gefühl, dass sich das Virus leicht verbreitet und deshalb in den oberen Atemwegen sitzen könnte“. Sie hat sich nicht beirren lassen – und hatte recht. Kurz darauf verbreitete sich aus Frankfurt die Nachricht in die Welt: Ein einfacher Rachenabstrich reicht als Diagnose. Eine große Entdeckung im Kampf gegen das Virus.

Dass es zu dieser Entdeckung kam, hat auch damit zu tun, dass Ciesek Ärztin ist. Keine Laborärztin, die noch nie mit Patienten gearbeitet hat. Nachdem sie die Banklehre nicht angetreten hatte, hat sie in der Radiologie in der Klinik Braunschweig gejobbt. Und das Gefühl, das sich bei der Aussicht auf ein Arbeitsleben in der Bank nicht hatte einstellen wollen, kam dort: Da gehörte sie hin. Sie studierte Medizin in Göttingen und Hannover, arbeitete dort in der Gastroenterologie, wurde Professorin, ging an die Universität Duisburg-Essen und kam 2019 nach Frankfurt.

Corona-Podcast des NDR: Sandra Ciesek im Wechsel mit Christian Drosten

Aber die Internistin hat lange sowohl geforscht, als auch Patienten versorgt. Und deshalb wollte sie auch unbedingt zum Flughafen. „Ein Laborarzt hätte das nicht gekonnt, der wäre überfordert gewesen“, sagt sie. Denn es sei nicht anders als in der Notaufnahme gewesen, Abläufe hätten da sitzen müssen. Um bei mehr als 100 Patienten am Flughafen Abstriche zu machen, „da muss man Praktiker sein“.

Ciesek macht nun auch den Corona-Podcast des NDR im Wechsel mit Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité. „Er wollte das zeitlich reduzieren“, erzählt Ciesek. „Aber mein Motiv ist jetzt nicht, Herr Drosten zu sein.“ Sie lacht. Nein, es ist das Gegenteil. Der NDR hatte den Wunsch, dass sich das Profil der Neuen von Drosten, dem Grundlagenforscher, unterscheidet. Nun ist sie mit dran, die Praktikerin. Die nicht nur Labore, sondern auch Kliniken von innen kennt. So wie früher die Patienten über Krankheit und Behandlung, will sie nun die Menschen über das Coronavirus aufklären. „Ihnen die Angst nehmen“, sagt Ciesek ruhig. Denn Meldungen und Mitteilungen prasselten derzeit täglich auf alle ein. „Wir versuchen im Podcast, das einzuordnen. Wir erklären, wie wir die Situation einschätzen.“

Das will sie für Leute machen, die sich informieren wollen. „Es ist niemand gezwungen, sich den Podcast anzuhören“, sagt Ciesek. „Wer eine feste Meinung hat, den will ich gar nicht bekehren.“ Und es haben viele eine feste Meinung – die bei ihr über Twitter und E-Mai ankommen. Sie ärgert sich nicht darüber. Sie schüttelt in ihrem Büro nachdrücklich den Kopf und bleibt gelassen. „Nein, ich wundere mich nur, dass manche Menschen meinen, genau Bescheid zu wissen, ihnen aber die Basis der Medizin und Biologie völlig fehlt und sie deshalb vieles missinterpretieren.“

Der Podcast

Nach zweimonatiger Sommerpause hat der NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ mit Christian Drosten wieder begonnen. Neu: Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek wird sich wöchentlich mit Drosten abwechseln und über den Stand der Corona-Forschung berichten. Dienstags bis 15 Uhr wird der Podcast veröffentlicht. Er findet sich in der ARD-Audiothek und auf der Podcast-Übersichtsseite auf www.ndr.de. Der Podcast „Coronavirus-Update“ will informieren, einordnen und Hintergründe liefern. Er wurde mit zwei Grimme Online Awards sowie dem Preis der Bundespressekonferenz ausgezeichnet. Gerade hat Christian Drosten auch den Sonderpreis des Beirats des Deutschen Radiopreises erhalten.

Ciesek spricht mit Bedacht, wählt die Worte sorgfältig aus. Sie überlegt genau, was sie sagt. Ein Grund, weswegen sie auch selten in Talkshows geht. Sie sieht Auftritte von Wissenschaftlern dort kritisch. „Da bekommt man eine Frage und ist gezwungen, sofort zu antworten.“ Aber Wissenschaftler hätten kein Medientraining wie Politiker. „Da besteht die Gefahr, dass man unüberlegt etwas sagt.“ Und das dann vielleicht nicht ganz richtig rüberkommt.

Auch wenn es derzeit den Anschein hat, es gäbe viele Virologen in Deutschland – gibt es nicht. Es ist ein kleines Fach. Es gibt Biologen, die mit Viren wissenschaftlich arbeiten. Es gibt Mediziner, die wie Ciesek die Facharztausbildung dafür haben. An ihrer Wand im Büro hängen 15 gerahmte Urkunden und Auszeichnungen. Sie sucht die Urkunde zur Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie. „Da ist sie“, sagt sie und deutet nach links unten, winkt dann aber ganz schnell etwas verlegen ab. „Das ist eine alte Tradition in Hannover, die Urkunden aufzuhängen. Also, das soll nicht …“ Nein, das soll nicht Angeberei sein. Dafür ist sie nicht der Typ. Sie könnte erzählen, dass sogar Bill Gates sie schon zitiert hat. Sie könnte berichten, dass sie quasi über Nacht eine Viertelmillion Euro von der Johanna-Quandt-Stiftung für ihre Forschung bekommen hat. Oder dass sie gerade in den Vorstand der Gesellschaft für Virologie gewählt worden ist. Tut sie aber alles nicht. Sie mag keinen Rummel um sich. „Ich würde mich nie daran gewöhnen, als Wissenschaftlerin in der Öffentlichkeit zu stehen.“ Nur während Pandemiezeiten ist eben eine besondere Aufklärung nötig.

Coronaviren: Das Know-How ist in Frankfurt da

Vor der Pandemie forschte Ciesek vor allem an Hepatitis-C-Viren. Und wahrscheinlich gibt es nur ganz wenige Menschen auf der Welt, die so sehr aus tiefstem Herzen und mit so viel Erleichterung über das neue Coronavirus sagen: „Ich bin so froh, dass es ein RNA-Virus ist.“ Und kein DNA-Virus. Denn auch Hepatitis-C-Viren sind RNA-Vieren, sie vermehren sich ähnlich in der Zelle. Und die kennt sie eben gut. Außerdem gibt es in Frankfurt eine langjährige Verbindung zu Coronaviren: SARS-1, ein 2002 neues Coronavirus, das eine Pandemie auslöste, wurde in Frankfurt dann angezüchtet. „Wir haben SARS-1 immer noch da“, sagt Ciesek. „Und auch die Tools für SARS-1 sind im Freezer.“ So hat man in Frankfurt einen großen Vorteil gegenüber anderen Laboren: Wissen und Werkzeug für Coronaviren sind bereits vorhanden.

Und die Frankfurter Virusjägerinnen und -jäger um Sandra Ciesek haben auch schon viel erreicht. Pooltests entwickelt, mit denen sich die Anzahl der Untersuchungen pro Tag steigern lassen. Sie führen Studien für das hessische Sozialministerium durch. Und sie forschen nach einem Medikament. Wann diese Pandemie endet, kann auch die Virologin nicht sagen. Sie ist aber optimistisch. „Kann sein, dass es Anfang des Jahres einen Impfstoff gibt.“ Allerdings würde das nicht heißen, dass dann auch die nötige Menge an Impfstoffdosen da sei.

Sandra Ciesek hat keine Angst vor dem Corona-Virus - aber Respekt

Ihre Arbeitstage sind lang. Deswegen fährt Ciesek auch nicht mehr mit dem ÖPNV seit Corona. Angst vor einer Ansteckung hat sie in der Bahn nicht, „Angst sollte man auch nicht vor dem Virus haben, nur Respekt“. Doch ihre Arbeitstage sind nun so lang, dass die Bahn nur noch unregelmäßig fährt. Auch zum Joggen kommt sie nur noch selten.

Dabei hatte sie sich das mit der Vollzeitforschung mal anders vorgestellt: Sie wollte ein besseres Zeitmanagement. Denn als ihre Tochter vor sechs Jahren geboren wurde, „hatte ich dann drei Jobs: Kind, Patienten, Forschung“. Auf Dauer schwierig zu stemmen. Und in der Klinikarbeit hat nun einmal „bei allem die Patientenversorgung Priorität“. So auch bei ihrem Mann. Er ist Chirurg, wird in dieser Woche Chefarzt im Bürgerhospital. Der Job in der Klinik lässt sich nur schwer einteilen. Ciesek ging daher ganz in die Forschung. „Das hilft im Alltag.“ Zumindest außerhalb von Corona-Pandemiezeiten.

Der Moment, an dem sie wusste, dass es eine Pandemie wird, an den erinnert sie sich noch genau. Es ist der Tag nach den Tests am Flughafen Anfang Februar. Es ist morgens um fünf, sie liegt noch im Bett und das Telefon klingelt. Das Labor ruft an. Zwei Proben waren positiv. „Aber von Leuten, die ich nicht als symptomatisch angesehen hatte“, sagt sie und ist fast immer noch ein bisschen aufgeregt. „Ich hatte den Leuten in den Hals geschaut und nichts erkannt.“ Die Schlussfolgerung: Es muss jemand nicht schwer krank sein, wenn er das Virus hat. „Da war mir klar: Das wird eine Pandemie.“

Ob die Infektionszahlen steigen werden, „darüber will ich nicht spekulieren“, sagt sie. „Ich bin niemand, der Panik verbreitet.“ Aber Herbst und Winter würden hart werden. Wenn die Atemwegserkrankungen alle kommen. „Es gibt eine große Unsicherheit, was jemand hat“, sagt sie. Denn viele Symptome können auf Covid-19 hindeuten. Da weiß auch die Virenjägerin nicht mehr als andere und stand kürzlich vor dem Dilemma, vor dem Eltern in den nächsten Wochen stehen werden: Kind hat Schnupfen – kann es in die Schule gehen? Aber sie hat doch einen Vorteil: Sie hat einfach einen Test gemacht. Ergebnis: Rhinoviren. Eine normale Erkältung. „Es wird eine anstrengende Zeit für alle“, sagt sie, blickt aber optimistisch voraus. „Im Frühjahr wird sich das dann wieder entspannen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare