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Viel Veständnis für die Probleme von Shoah-Überlebenden: Noemi Staszewski im „Treffpunkt“. Foto: Peter Jülich
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Viel Veständnis für die Probleme von Shoah-Überlebenden: Noemi Staszewski im „Treffpunkt“.

Holocaust-Überlebende

Die Vermittlerin

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Noemi Staszewski ist die Gründerin des Frankfurter Treffpunkts für Holocaust-Überlebende. Für ihr langjähriges Engagement wurde die Frankfurterin vor kurzem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Was diese alten Menschen hinter sich haben, kann man daran erkennen, dass Alltagssituationen, ganz banale Dinge, bei ihnen Panik auslösen können. Das Geräusch schwerer Stiefel auf der Treppe, einem Fremden den Ausweis zeigen zu müssen: Für Menschen, die den Holocaust überlebt haben, kann das unerträglich sein. Die im Konzentrationslager oder auf der Flucht erlittenen Traumata können jederzeit aktuell werden. Das mache den Kontakt mit Überlebenden komplex, sagt Noemi Staszewski. Sie habe inzwischen aber „einen ganz guten Erfahrungsschatz“ gesammelt und verstehe die Ängste.

Die Arbeit mit Menschen, die der Vernichtungsaktion der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten entkommen sind, hat sich Noemi Staszewski zur Lebensaufgabe gemacht. Die 67 Jahre alte Sozialpädagogin und Psychotherapeutin hat vor fast 20 Jahren den Frankfurter Treffpunkt für Überlebende gegründet. Seit 2002 gibt es dort für die alten Menschen ein wöchentliches Kaffeetrinken, außerdem Hilfe im Umgang mit Behörden, Austausch mit anderen Betroffenen, psychologische Hilfe und eine Art Zuhause.

Finanziert wird das Projekt teils über Spenden, getragen wird es von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Für ihr langjähriges Engagement hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Noemi Staszewski Ende März in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Entstanden sei der Treffpunkt Anfang der 2000er-Jahre durch die Vernetzung von Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen, die beruflich mit Überlebenden zu tun hatten, berichtet Staszewski, die gern und lebhaft erzählt. Man habe erkannt, wie einsam die Betroffenen seien, wie groß ihr Bedarf nach passgenauer Hilfe, und habe beschlossen, „für die Überlebenden und mit den Überlebenden was zusammen zu machen“. Kernidee des Treffpunkts: über den Cafébetrieb einen Zugang zu den oft misstrauischen Menschen aufzubauen, um ihnen dann individuell helfen zu können.

„Wie viele gibt es denn überhaupt noch?“, das sei so eine Frage, die sie oft höre, sagt Staszewski. Aktuell sei der Treffpunkt in Kontakt mit 200 Überlebenden im Rhein-Main-Gebiet, etwa 400 Menschen, die den Treffpunkt besucht haben, seien über die Jahre verstorben. Die Gäste des Projekts sind Ende 70 bis 100 Jahre alt, sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, sprechen mehr als zehn Muttersprachen, darunter Deutsch, Jiddisch, Russisch, Polnisch oder Französisch. Während vor 20 Jahren noch viele KZ-Überlebende kamen, sind es heute meist „Child Survivors“, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, oft in Verstecken, mit gefälschten Papieren und erfundenen Identitäten.

Die speziellen Lebensgeschichten der alten Menschen bringen spezielle Probleme mit sich. Staszewski und ihr Team müssen sich etwa regelmäßig mit Behörden anlegen, weil die Überlebenden bei Renten- oder Sozialhilfeanträgen keine oder nur widersprüchliche Papiere vorlegen können – oder weil sie nicht einmal ihre ursprünglichen Namen kennen. Es sei dann die Aufgabe des fünfköpfigen Teams und der Ehrenamtlichen, „eine Art Vermittler zu sein“, sagt Staszewski. „Die Kernaufgabe ist, Überlebende in die Lage zu versetzen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Das wird oft auch dadurch erschwert, dass das Team sich parallel mit normalen Alterskrankheiten wie etwa Demenz auseinandersetzen muss. Wie bei allen Demenzkranken kämen auch bei Überlebenden Kindheitserinnerungen ungefiltert wieder hoch, sagt Staszewski. „Und die sind halt nicht ,Hänschen klein‘ und Kindergarten, sondern Ghetto und KZ.“ In der Coronavirus-Pandemie organisierte der Treffpunkt eine Impf-Aktion, weil der Besuch im Impfzentrum für viele Überlebende unzumutbar war.

Dass Noemi Staszewski sich so gut in die Überlebenden einfühlen kann und mit so viel Wärme von ihnen spricht, hat auch mit ihrer eigenen Biografie zu tun. Staszewski gehört zur zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden. Ihr Vater kam aus der Nähe von Berlin und musste nach Schweden fliehen, ihre Mutter kam aus Breslau und überlebte versteckt in Tschechien. Beide lernten sich als „Jeckes“, deutschsprachige Juden, während des Studiums in West-Berlin kennen. Staszewski wuchs in Berlin auf, 1986 kam sie nach Frankfurt. Für ihre Arbeit habe ihre Familiengeschichte sowohl Vor- als auch Nachteile, sagt Staszewski, die selbst vier Kinder und fünf Enkelkinder hat. Einerseits sei die Lage der Überlebenden deren Nachkommen sehr vertraut. „Wir kennen das von zu Hause.“ Andererseits mache die große emotionale Involviertheit die professionelle Distanz manchmal schwierig. Man merkt Staszewski an, wie sehr die Arbeit ihr am Herzen liegt. „Ich tue etwas, was ich mag, und wo ich dahinterstehe“, sagt sie selbst bescheiden.

Entsprechend schwer ist es der 67-Jährigen gefallen, im vergangenen Sommer die Leitung des Treffs an ihre Nachfolgerin Esther Petri-Adiel abzugeben. Doch sie bleibt dem Treffpunkt, auf dessen Entwicklung sie stolz ist, weiter eng verbunden. Und langweilig wird ihr sowieso nicht: Staszewski vertritt die ZWST weiter in verschiedenen Gremien, sie macht Spendenakquise und ist als Beraterin tätig. „Ich habe noch eine ganze Reihe an Aktivitäten“, sagt sie und lacht.

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