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Die sehr kleinen Brötchen des Freiherren

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Von: Stefan Behr

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Die Justitia mit Waage und Schwert auf dem Römerberg.
Die Justitia mit Waage und Schwert auf dem Römerberg. © Renate Hoyer

Vor dem Amtsgericht steht ein mutmaßlicher Betrüger, der gar nichts davon hatte.

Die Gretchenfrage des Prozesses stellt am Montagmorgen am Amtsgericht der Verteidiger des Freiherren: „Wenn ich einem Bäcker sage ,Guck mal da hinten!´ und ihm dann ein Brötchen klaue, dann habe ich immerhin ein Brötchen. Aber wo liegt denn hier der Gewinn?“

Jedenfalls nicht bei seinem Mandanten Christian von der B. Der 47-Jährige ist angeklagt wegen Titelmissbrauchs und Betruges. Sein Adelstitel mag echt sein, der Angeklagte äußert sich am ersten Verhandlungstag weder zur Sache noch zur Person. Aber der Name „Doktor Freiherr Christian Phillip von der B.-Heraeus“, unter dem er im Herbst 2020 das Anwaltsehepaar L. heimsuchte, war mit Sicherheit heillos übertrieben.

Mit der Behauptung, er gehöre zur Sippe der Heraeus - einer Unternehmerdynastie, die trotz wirtschaftlichen Erfolges über Generationen seltsam bürgerlich geblieben ist - machte er sich für die L.s als Mandant interessant. Frau L. sollte einen Ehevertrag für ihn und seinen polnischen Herzbuben aufsetzen, Herr L. sollte ihm in Warschau beim Immobilienkauf, der Gründung eines Unternehmens und dem Vertragsentwurf für dessen Geschäftsführer helfen. Als Lohn der Mühen versprach er eine freiherrliche Entlohnung sowie Aufsichtsratposten bei Unternehmen der Heraeus-Gruppe.

Um es kurz zu machen: Aus alldem wurde nichts. Von der Heirat nahm der Freiherr Abstand, weil er herausgefunden habe, dass sein Auserwählter im Rotlicht heimisch sei. Immobilienkauf und Unternehmensgründung versandeten auch ohne Rotlicht. Das entgangene Honorar beziffern die L.s auf knapp 180 000 Euro.

Es dauert lange, mit ehrlicher Arbeit 180 000 Euro zu verdienen. Bei Anwälten geht das etwas schneller. Das Salär für das Aufsetzen von Verträgen etwa bemisst sich nach den Summen, um die es in denen geht - und was das anbelangt, war der Freiherr durchaus generös, zumindest in puncto Versprechungen. Abgesehen von einem Trip nach Warschau, den Herr L. aus eigener Tasche gezahlt hatte, hat das Anwaltspaar kein Geld verloren. Nur umsonst gearbeitet, was ja unschön genug ist.

Dass es ein solches Ende nehmen würde, das hatte Anwalt L. nach eigenen Angaben geschwant, als ihn kurz nach dem erfolglosen Warschau-Trip ein Büttel des echten Heraeus-Clans angerufen habe. Dieser habe ihn vor Christian von der B. gewarnt. Er habe gehört, dass dieser bei ihm umherscharwenzele. Es handele sich bei diesem Mann aber um einen adeligen Strolch, der den gutbürgerlichen Namen der Heraeus-Sippschaft missbrauche, um sich wichtig zu machen. Was er aber nicht sei.

Er hätte schon in Warschau Verdacht schöpfen müssen, ärgert sich Anwalt L. Dort habe sein „sehr eloquenter Mandant“ damit geprahlt, dass er unlängst „für mehrere hundert Millionen Euro ein paar Flugzeuge gekauft habe. Zurückgeflogen ist er dann aber mit Ryan Air.“ Das immerhin empfindet der Angeklagte wohl als ehrabschneidend, und er korrigiert den als Zeugen geladenen Anwalt mit dem einzigen Satz, den er an diesem Verhandlungstag sagen wird: „Ich bin Lufthansa geflogen!“

Christian von der B. wird allerdings noch mindestens einen weiteren Verhandlungstag Zeit haben, seine Eloquenz unter Beweis zu stellen. Nur auf die alles entscheidende Frage wird wohl auch die Verhandlungsfortsetzung keine Antwort bringen: Was zur Hölle hatte der seltsame Freiherr von der ganzen Scharade? Nüchtern betrachtet noch nicht mal ein Brötchen.

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