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Olaf Lewerenz und Gita Leber in der Katharinenkirche. rolf oeser

Frankfurt

Die Nitribitt in der Kirche

  • Nadine Benedix
    vonNadine Benedix
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Im Rahmen des Literaturfestes „Frankfurt liest ein Buch“ wird ein ganzer Abend der bekannten Prostituierten Rosemarie Nitribitt gewidmet.

Etwas skurril mutet die Szene schon an: Auf der Empore der Katharinenkirche stehend, liest Pastorin Gita Leber am Sonntagabend aus dem neu aufgelegten Klassiker „Rosemarie“ und entführt die Hörer dabei in das Leben Rosemarie Nitribitts, der wohl bekanntesten deutschen Prostituierten der Nachkriegszeit. Im Wechsel singt der Frankfurter Chanson-Künstler Jo van Nelsen laszive Chansons, die in den 50er-Jahren zunächst verboten wurden. Die Veranstaltung, die von Stadtpfarrer Olaf Lewerenz initiiert wurde, ist Teil des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“, in dessen Mittelpunkt das Werk über die Frankfurter Lebefrau steht.

Die Buchpassagen bieten einen Einblick in Abgründe der deutschen Nachkriegsgesellschaft: Etwa wenn Nitribitts Kunde, ein wichtiger Unternehmer, beim Sex unkontrolliert, nahezu gewalttätig, wird. Sie bleibt unbeeindruckt – generell fühle sie beim Sex keine Emotionen. Kontrastiert werden die Buchpassagen mit sexualaufklärerischen Schriften der evangelischen Kirche – ebenfalls aus den 50er-Jahren. Während Frauen als Hüterinnen der Liebe und Sexualität gelten, fällt den Männern die Eroberung zu.

„Wir wollen auf die Doppelmoral der Geschlechterrollen in der Kirche und der ganzen Gesellschaft der 1950er-Jahre aufmerksam machen“, erklärt Stadtkirchenpfarrer und Initiator des Abends, Olaf Lewerenz.

Weitere Termine

Noch bis zum 6. November dreht sich beim diesjährigen Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ alles um den Klassiker „Rosemarie“. Bis auf einen Tag (5. November) gibt es jeden Tag Programm. Das reicht von Lesungen über Ausstellungen bis hin zu Tanzaufführungen. Für einige der Veranstaltungen gibt es noch Tickets unter www.frankfurt- liest-ein-buch.de/2020/. bx

In der Tat steht Nitribitt für die Infragestellung klassischer Rollenbilder. Als Prostituierte ist Nitribitt, die ohne ihre leiblichen Eltern in Düsseldorf aufwächst und als junge Frau nach Frankfurt kommt, in der Lage, sich eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Sie wird zu einer der reichsten Frauen der Stadt. „Ich kenne die Geschichten noch von meiner eigenen Großmutter“, erklärt Chansoninterpret Jo van Nelsen. Nitribitt habe ihren Reichtum gerne gezeigt: Beim Metzger bestellte sie schon einmal Rindfleisch für den Hund, während die meisten sparen mussten, wo es nur ging.

Zu Nitribitts Kunden sollen hochrangige Unternehmer und Politiker gezählt haben. 1957, mit nur 24 Jahren, wurde sie ermordet. Bis heute wurde der Fall nicht aufgeklärt, Spekulationen über die Verwicklungen ihrer hochrangigen Kunden gibt es en masse. Kubys Roman, den er bereits 1958 – ein Jahr nach ihren unaufgeklärten Tod – verfasst hat, prangert anhand ihres Falls die Doppelmoral der deutschen Nachkriegsgesellschaft an.

„Es geht Kuby gar nicht so sehr um die Nitribitt“, erklärt Jo van Nelsen. Zentral sei die Demontage des vermeintlich perfekten deutschen Wirtschaftswunders. Diese will van Nelsen auch durch seine Musik darstellen. „Während der Text Kubys sehr nüchtern ist, versuche ich, die Doppeldeutigkeit in den Chansons, die auch teilweise bereits verboten wurden, wiederzugeben“, erklärt der Frankfurter Künstler.

Stadtpfarrer Lewerenz begründet seine Initiative für die Lesung in seiner Kirche mit den Lehren für heute: „Die geschilderte Heuchelei in der Gesellschaft wirkt fort“, so Lewerenz. Es sei wichtig, sie auch heute anzuprangern und für eine offenes Zusammenleben einzutreten.

Die Kirche war zwar ausverkauft, aber natürlich wegen der Corona-Pandemie mit Lücken. rolf oeser
Pastorin Gita Leber. rolf oeser
Chansonsänger Jo van Nelsen. rolf oeser

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