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Die Musikfreundin

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Von: Thomas Stillbauer

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Irmgard Tennagel wurde in den 80er- und 90er- Jahren die „Rockbeauftragte“ genannt.
Irmgard Tennagel wurde in den 80er- und 90er- Jahren die „Rockbeauftragte“ genannt. © Christoph Boeckheler

Mehr als 30 Jahre lang hat Irmgard Tennagels als Referentin im Kulturamt für die Szene gekämpft. Jetzt geht sie in Rente.

Die Verfügbarkeit von Musik. Ein Thema nicht erst seit gestern. „Wenn du früher Musik hören wolltest“, sagt Irmgard Tennagels, „musste erst das Orchester zusammenkommen.“ Das ist eine ganze Weile her und nicht alle Musikfans hatten damals ein Orchester zur Hand. Eher die wenigsten. „Heute hast du fast alles, was du hören willst, sofort parat.“ Internet macht’s möglich, Youtube, Spotify. „Kann sein, dass Musik dadurch weniger wertgeschätzt wird.“

Das aber ist es, was Irmgard Tennagels antreibt und stets angetrieben hat: die Wertschätzung für Musik und für jene, die Musik machen. „Musik ist so was Tolles!“, schwärmt sie. „Musik handelt von uns Menschen und trägt uns über alle Stimmungslagen.“ In guten wie in schlechten Zeiten. „Deshalb macht es auch so einen Spaß, dafür zu arbeiten, dass die Bedingungen gut sind – dass Musik entstehen kann.“

Damit hört Tennagels jetzt allerdings auf – mit der beruflichen Arbeit für dieses Ziel. Ende Februar ist Schluss, nach fast 32 Jahren als Referentin für Musik im Kulturamt.

Als sie anfing, 1990, war die Kulturlandschaft in Frankfurt noch eine andere, gerade was Rock und Pop anging. Es gab zwar Plätze, an denen Musik gespielt wurde – Batschkapp, Sinkkasten, Music Hall, Negativ, Dreikönigskeller, die Clubs in Alt-Sachsenhausen –, aber kaum Plätze für junge Bands zum Proben. Wohnhauskeller. Gequälte Nachbarn. Ein Umstand, der die frisch angetretene rot-grüne Koalition bewog, eine neue Stelle zu schaffen: „Referentin für Popularmusik“ im Amt für Wissenschaft und Kunst. „Ich hab’ mich halt beworben“, sagt Irmgard Tennagels. Mit Erfolg. Auf das Soziologiestudium, das sie als Taxifahrerin finanzierte, und auf die Bandkarriere als Gitarristin folgte also der Marsch in die Institution. Die Behörde wechselte später den Namen und wurde zum Kulturamt, die Stelle wechselte den Zuschnitt und wurde zur „Musikreferentin“. Wie sie nie offiziell hieß: „Rockbeauftragte“. Auch wenn die meisten sie so nannten. Es klang halt griffig und fortschrittlich.

Kulturdezernent Hilmar Hoffmann von der SPD propagierte die „Kultur für alle“. Morgens ging er in diesem Sinne auch durchs Haus und begrüßte alle, erzählt Tennagels. „Eines Tages kam er rein und sagte: Frau Tennagels, wollen wir mal einen von diesen Bunkern kaufen?“ Sie grinst. Da war der Stadtrat einer großen Sache auf der Spur. Er hatte wohl mitbekommen, was den Bands am meisten fehlte. Seit einiger Zeit schon verschafften sie ihrem Anliegen Gehör, mit Festivals unter dem Titel „Berstende Bunker“ beispielsweise. Natürlich, die alten Gemäuer, da wollten sie rein, da wollten sie ihre Verstärker reinstellen, aufdrehen und loslegen.

ZUR PERSON

Irmgard Tennagels, geboren 1956, war seit 1990 Referentin für Popularmusik im Amt für Wissenschaft und Kunst und seit 2006 „Musikreferentin im Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main“. Die Szene nannte sie der Einfachheit halber „Rockbeauftragte“, dabei ging es beileibe nicht nur um Rockmusik.

„Die Szene machte gut auf sich aufmerksam“, lobt die Referentin. Und jetzt hatte die Szene auch eine Verbündete im Kulturamt. „Es ging darum zu zeigen, was es hier für tolle Bands gibt, und dass sie auch irgendwo proben müssen. Sie brauchen ja keine Luxusapartments.“ Gemeinsam mit der Musikinitiative Kick stellte Irmgard Tennagels die Weichen für Frankfurter „Rockmessen“, die große Aufmerksamkeit erregten: Konzerte jeden Abend, ganze Wochen lang, in der ganzen Stadt. Und schließlich, auch wenn es sich noch Jahre hinzog, kaufte die Stadt nicht nur einen Bunker, sondern sechs. 300 Bands proben inzwischen darin.

Die Musik hat sich verändert seit jener Zeit. Heute kann man im Wohnzimmer epische Werke produzieren und sogar durchs Internet miteinander spielen. „Aber letztlich geht’s auch um Sound“, sagt Tennagels. Um das physische Zusammenspiel, um das Sich-inspirieren-lassen vom Gegenüber, um die Atmosphäre. „Übrigens auch bei Konzerten, die Interaktion mit dem Publikum – du bist zusammen, es entsteht was. Das ist auch das Spannende beim Momem.“ Beim Museum für moderne elektronische Musik, das bald an der Hauptwache eröffnen soll. Frankfurt als Entstehungskern elektronischer Musik, dokumentiert an einem spannenden Ort mitten in der Stadt. Die Musikreferentin hat an allen Ecken und Enden dafür geworben, dass daraus was wird. „Ich sehe darin so viele Möglichkeiten. Das ist so ein gutes Beispiel dafür, was Musik bewegen kann, wie Kunst und Kultur zusammenhängen.“

Als Ermöglicherin hat sich Irmgard Tennagels in gut drei Jahrzehnten Lobbyarbeit gesehen. Als Netzwerkerin, die alle zusammenbringt, vom Musiker bis zur Politikerin. Zeit und Energie hat sie investiert. In den 90ern bis tief in die Nacht die erste Frankfurter Rockzeitung „Kick’n’Roll“ zur Leserschaft gebracht – mit dem Auto in die Kneipen, in ganz Frankfurt, bis nach Offenbach. „Wenn du selbst begeistert bist, dann machst du das halt“, sagt sie. „Es ist einer der tollsten Jobs, die du in der Stadt haben kannst.“

Wichtig sei ein gutes Angebot fürs Publikum, attraktive Clubs, eine Infrastruktur, „dass die Szene sich gesehen fühlt“. Bei einem guten Konzert entstünden Bilder, Erinnerungen: „Wenn dich etwas berührt hat, bleibt das jahrelang bei dir, das vergisst du nicht so einfach.“ Im besten Fall, sagt sie, „strahlen alle: die Musik, die Musikerinnen, die Musiker, das Publikum“. Traurig, sagt sie, dass Corona das alles so sehr verunmöglicht habe, besonders für jene in der zweiten Reihe. „Die sind so wichtig – die ersten Impulse, wenn etwas Neues entsteht, gehen von denen aus.“

Es freut die Referentin, wenn ein Musikclub wie der Elfer ein neues Domizil in Sachsenhausen findet. Ein Zentrum wie die Hausener Brotfabrik, die gemeinsam mit ihrem Publikum gerade ums Überleben kämpft, nennt sie „exorbitant wichtig“. Orte für Kunst und Kultur, an denen auch verschiedene Kulturen zusammenkommen, unersetzlich. Besondere Momente wie der Auftritt des Trios Radial in der Kirche am Zoo: „Die Töne sind abgehauen, die schienen durch den Turm davonzufliegen.“ Oder die vom Kulturamt geförderte Projektreihe „Play Plattform“ mit der Komponistin Jagoda Szmytka, die vor zwei Jahren Musik, Bodypainting und Karate zusammenbrachte. Crossover.

Andere werden für solche Höhepunkte und mehr noch für die breite Basis von Amts wegen weiterkämpfen müssen. Irmgard Tennagels freut sich jetzt auf viel Zeit für – Musik. Selbst wieder mehr Musik machen. „Keine Ausrede mehr für Disziplinlosigkeit.“ Die Gitarre guckt schon vorwurfsvoll. „Es fehlen ein paar Schichten auf den Fingerkuppen.“ Hornhaut. Wer regelmäßig Gitarre spielt, weiß Bescheid.

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