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Die Macht der Bilder

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Natascha Gikas, die Leiterin des Kommunalen Kinos Frankfurt, entwickelte ihre Leidenschaft für den deutschen Film im Athener Goethe-Institut.
Natascha Gikas, die Leiterin des Kommunalen Kinos Frankfurt, entwickelte ihre Leidenschaft für den deutschen Film im Athener Goethe-Institut. Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Die Leiterin des Kinos im Deutschen Filmmuseum Natascha Gikas kämpft für Werke, die in kommerziellen Häusern keine Chance haben.

Bilder. Die Flut der Bilder. Im Hintergrund wechseln in rascher Folge ikonenhafte Szenen aus der deutschen Filmgeschichte der Nachkriegszeit. May Spils und Uschi Glas bei den Dreharbeiten von „Zur Sache Schätzchen“ (München, 1968), Uschi Obermaier im Mini mit Revolver auf dem Plakat von „Rote Sonne“ von Rudolf Thome (München, 1970), Bruno Ganz als Engel in „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders (1987).

Doch Natascha Gikas würdigt diese Parade im Foyer des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt keines Blickes. Sie hat sie schon zu oft gesehen. Die 58-Jährige lebt und atmet Film, schaut eine dreistellige Anzahl von Werken im Jahr. Seit 1991 gehört die Wissenschaftlerin zum Team des Kommunalen Kinos, seit 2016 leitet sie die Institution im Deutschen Filminstitut Filmmuseum (DFF).

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) die Einrichtung des ersten Kommunalen Kinos (KK) in Deutschland 1971 gegen viele Widerstände durchgesetzt hat. Ein Bollwerk sollte es sein gegen den kommerziellen Film, eine vorbildhafte Institution der kulturellen Bildung. Vor mehr als 30 Jahren kam die gebürtige Mainzerin „als studentische Aushilfskraft“ in das Filmmuseum am Schaumainkai, angelockt von den Seminaren des damaligen Direktors Walter Schobert. „Jeden Freitagmorgen war das Kino überfüllt, wenn er über Filmgeschichte gesprochen hat, ich habe viel gelernt.“ Die Studentin der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft entschied sich zu bleiben. Bis heute.

Gleich anfangs eine Zeit der Kämpfe. 1993 wollte Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD), die sparen musste, das KK schließen. Ihre Begründung: Filme könne man sich auch „per Video reinziehen“. Weltweiter Protest. Die taz titelte am 8. November 1993: „Linda Reisch ist eine Videotin.“ Gikas erinnert sich: „Wir waren alle sehr geschockt.“ Doch das Team kämpfte, mobilisierte Widerstand berühmter Regisseure, Kameraleute, Schauspielerinnen und Schauspieler. In ihrem Büro verwahrt die Leiterin noch „Aktenordner voller Protestschreiben aus aller Welt“. Die Filmszene stand auf. In Deutschland führten Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Mario Adorf und Alexander Kluge den Protest an, aber auch aus New York und Moskau gingen Brandbriefe im Frankfurter Römer ein. „Es war ein tolles Erlebnis, dass alle uns unterstützten.“

Ein Gespräch mit Gikas gerät zwangsläufig zur intensiven Zeitreise. Zu viel hat sie erlebt. Ende 1993 beugte sich die damals regierende rot-grüne Römer-Koalition dem Widerstand, der Etat des Kommunalen Kinos wurde stark gekürzt, die Institution blieb aber erhalten. Für Gikas war das ein Einschnitt, der ihr Leben bestimmte.

Die Tochter einer deutschen Mutter und eines griechischen Vaters war in Mainz geboren worden, aber seit ihrem sechsten Lebensjahr in Griechenland aufgewachsen, wo sie bis zum Abitur blieb. In Griechenland entwickelte sie ihre Leidenschaft fürs Kino. Ihr erster Besuch in einem Lichtspielhaus galt „Bambi“, dem berühmten Disney-Zeichentrickfilm, in Begleitung ihrer Eltern. Sie weinte. Als Jugendliche sah sie „Der weiße Hai“ von Steven Spielberg. „Danach habe ich mich am Strand nicht mehr ins Wasser getraut.“ Sie lacht, streicht ihr schwarzes Haar zurück. „Für mich geht es immer um Bilder, die Bilder haben mich interessiert“, sagt sie.

Als Mädchen begann sie zu fotografieren, ging immer häufiger ins Kino. Knüpfte Kontakt zu Filmstudenten. Als Statistin spielte sie in griechischen Produktionen. Und im Athener Goethe-Institut lernte sie den deutschen Film kennen, besser gesagt: Die jungen Frauen und Männer, die ihn revolutionierten. Zwei Regisseure prägten fortan ihren Blick aufs Kino: Rainer Werner Fassbinder und Herbert Achternbusch. „Fassbinder hat mich sehr fasziniert und beeinflusst.“ Unvergessen der Tag, als sie im Goethe-Institut „Martha“ von Fassbinder sah, mit Margit Carstensen und Karlheinz Böhm in den Hauptrollen, die Geschichte der brutalen Unterdrückung einer Frau in einer spießbürgerlichen Ehe. Unvergessliche Bilder: Die 360-Grad-Kamerafahrt von Michael Ballhaus, als das Paar sich zum ersten Mal begegnet. Oder das „Andechser Gefühl“ von Achternbusch: das dumpfe Brüten, die Tagträume in einem bayerischen Biergarten.

Und noch einer war für Gikas „sehr wichtig“: Der griechische Meisterregisseur Theo Angelopoulos. Seine langen Kamerafahrten, seine großen Bildertableaus, „wie er mit Zeit und Raum umgeht. Wie er in einer Sequenz die halbe Geschichte Griechenlands erzählt“: Das zog die Filmwissenschaftlerin magisch an. Vor wenigen Wochen erlebte sie das Glück, in ihrem Kino einen anderen griechischen Regiemeister begrüßen zu können: Costa-Gavras, der im Filmmuseum seinen berühmten Polit-Thriller „Z“ (1969) noch einmal zeigte. Natürlich war es Gikas, die vor dem Publikum das Gespräch mit ihm führte: „Für mich ein tolles Erlebnis, er war unprätentiös und bescheiden.“

Als Theo Angelopoulos 2012 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb (er wurde von einem Motorrad überrollt), ist sie „fix und fertig“.

Wir halten inne, wir haben uns im Gespräch verloren. Durch das Foyer des Filmmuseums gehen einige wenige Besucherinnen und Besucher, die trotz anhaltenden Regens den Weg ins Haus gefunden haben. Für die Frau, die im Goethe-Institut in Athen ihre filmische Sozialisierung erfuhr, ist es unverständlich, dass die Bundesregierung jetzt den Etat der Einrichtungen reduzieren will: „Die Goethe-Institute sind das kulturelle Aushängeschild Deutschlands, da darf man nicht kürzen.“

Aber auch das Kino im Deutschen Filmmuseum hat Probleme. Die Corona-Pandemie erschütterte das Vertrauen des Publikums. Kamen vor Corona 40 000 Besucherinnen und Besucher im Jahr, rechnet Gikas in diesem Jahr mit 20 000 bis 30 000. Das Team lastet das Kino mit seinen 130 Sitzplätzen aus Sicherheitsgründen immer noch nicht voll aus. „Wir belegen 100 Plätze und empfehlen, Masken zu tragen.“ Die Leiterin aber beobachtet, „dass sich das Ausgehverhalten der Menschen insgesamt verändert hat“. Früher als sonst suchten sie abends ihr Zuhause auf. Das hat Folgen. „Wenn wir abends über die Schweizer Straße gehen, haben viele Restaurants schon geschlossen.“ Sie hofft dennoch, „dass die Leute ins Kino zurückkehren“.

Mehr als 3000 Gäste kamen bisher ins Kommunale Kino, von Jean-Luc Godard bis Federico Fellini. Ungeachtet der starken Konkurrenz der sozialen Medien ist Gikas vom Überleben der Filmtheater überzeugt. „Kino ist ein gemeinschaftliches Erlebnis, hinterher steht man noch zusammen, spricht über den Film.“ Beim Streaming dagegen bleibe der Mensch allein. Für ihr treues Stammpublikum wirke das Kino im Filmmuseum „wie ein zweites Wohnzimmer“. Ihre Prognose: „Wir werden uns behaupten!“

Mit ihrem dreiköpfigen Team tut sie alles dafür, verwirklicht ein außergewöhnliches Programm. „Viele Filme schaffen es nicht in ein kommerzielles Kino.“ Sie sind stattdessen im Filmmuseum zu sehen. Gikas fährt jedes Jahr auf die Festivals von Berlin, Locarno, Oberhausen, um Arbeiten für ihr Programm zu finden. Ihr Spezialgebiet ist der afrikanische Film, seit 28 Jahren organisiert sie in Frankfurt das Festival „Africa Alive“. Besucht Ouagadougou, die Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso: „Es ist spannend, dort Filme zu entdecken.“ Viele Menschen in Europa, viele Menschen in Deutschland, so sagt sie, wissen nichts über die afrikanische Filmkultur. „Es gibt viele Filmkollektive in Afrika, es ist toll, was auf diesem Kontinent geschieht.“ Selbst im Sudan, in einem der ärmsten Länder der Erde, entstünden seit einiger Zeit wieder Filme.

Auf der Jagd nach diesen und anderen außergewöhnlichen Arbeiten hat Gikas ein Netzwerk geknüpft, das weit über Deutschland hinausreicht. Sie tauscht sich mit Kolleginnen und Kollegen weltweit aus, die dem Fiaf, dem Dachverband der Filmarchive, angehören. So kommen viele Werke auf die Leinwand in Frankfurt, „von denen es keine digitale Version gibt“.

Denn das ist eine andere wichtige Aufgabe: die Pflege des filmischen Erbes. In immer neuen Reihen bringt das Team es dem Publikum nahe. Gerade zeigt das Filmmuseum Arbeiten, die nach Drehbüchern von Wolfgang Kohlhaase entstanden sind, dem berühmtesten Drehbuchautor der DDR. Er ist vor wenigen Tagen im Alter von 91 Jahren gestorben. Wer will, kann jetzt legendäre Werke nach seinen Büchern noch einmal sehen: Etwa „Solo Sunny“ von Regisseur Konrad Wolf, die anrührende Geschichte einer desillusionierten Sängerin in der DDR-Provinz, bei der Berlinale 1980 ausgezeichnet.

Die einzige Grenze, an der auch Natascha Gikas nicht rütteln kann, ist die Zeit. Ein nachdenklicher Blick. „Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mehr Filme sehen.“ Keine Frage. Denn die Macht der Bilder ist groß.

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