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Die Lehrerin: „Selbstverständlich haben die Kinder ganz viel verpasst“

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Lehrerin Bettina Knop.
Lehrerin Bettina Knop. © Michelle Spillner

Lehrerin Bettina Knop beklagt, dass durch Corona die Schere noch weiter auseinandergegangen ist und viele Schülerinnen und Schüler noch weiter hinterherhinken.

Dass Corona eine ernstzunehmende Erkrankung ist, wurde Bettina Knop (51) sehr schnell klar: Sie erkrankte im Frühjahr 2020 selbst daran. „Fünf Wochen habe ich flachgelegen“, schildert die Stufenleiterin 9 und 10 der Paul-Hindemith-Schule im Gallus. Trotzdem dachte sie – wie viele –, dass es nach der Schließung der Schulen vor den Osterferien danach normal weitergehen würde. Aber seitdem ist ein normaler Schulbetrieb nahezu unmöglich. Nur die 9. und 10. Klassen kehrten nach Ostern 2020 zunächst in die Schulen zurück. „Wir mussten online unterrichten. Aber wie, wenn die Computer und die Laptops fehlen?“ Aufgaben wurden auf den Handys erledigt. Der Besitz eines Laptops oder Computer ist keine Selbstverständlichkeit.

„Wir sind eine Brennpunktschule. Wir haben lernwillige und begabte Schüler, aber sie hatten keine Chance.“ Die den Schulen in Aussicht gestellten Laptops kamen im November 2020 und dann „in einer albernen Anzahl“. 88 für 800 Schüler:innen der Paul-Hindemith-Schule. Schülerinnen und Schüler an Gymnasien bräuchten in der Regel keine Laptops, die hätten so etwas. Es wurde nachgebessert, aber gereicht hat es trotzdem nicht.

Im Onlineunterricht saßen Kinder, die ihre kleinen Geschwister auf dem Schoß hatten, um die sie sich kümmern mussten. Lehrer:innen haben ihren Schützlingen die Aufgaben aus dem Fenster gereicht oder in den Briefkasten geworfen. Dann Wechselunterricht: Das habe ein Vielfaches an Aufwand bedeutet, wenngleich es schön gewesen sei, mal in kleinen Gruppen unterrichten zu dürfen. Klassen mussten versetzt zu unterschiedlichen Zeiten einbestellt und durch unterschiedliche Treppenaufgänge in ihre Räume geführt werden, damit sie sich nicht begegneten – ein unfassbarer organisatorischer Aufwand dafür und für die Abschlussprüfungen. Keine Schulpraktika: „Wie sollen sich Schüler für einen Beruf entscheiden?“, sorgt sie sich.

„Die großen Probleme liegen vor allem bei den Schülern, die jetzt bei uns angekommen sind“, sagt sie. Die schulischen Defizite seien erschreckend: Fünftklässler, die nicht richtig schreiben könnten. Viele könnten kaum eine halbe Stunde auf dem Stuhl sitzen bleiben, „wie auch? Sie kennen das ja kaum“. Die sozialen Defizite zeigten sich im schwierigen Miteinander, viele könnten nicht mit Konflikten umgehen. „Selbstverständlich haben die Kinder ganz viel verpasst. Man kann von ihnen nicht erwarten, dass sie jetzt einfach doppelt so viel lernen“, betont Knop. Die Schere sei weit auseinandergegangen. Diejenigen, die es vorher schon schwer gehabt hätten, hingen jetzt noch weiter hinterher.

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