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Die laute Wahrheit

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Von: Stefan Behr

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Im Mordprozess gegen den Ostend-Totraser sagen Unfallzeugen aus

Ich dachte nur: Wahnsinn!“ Es ist ein junger Vater, der es am Donnerstagmorgen im Mordprozess gegen Nebojsa S. auf den Punkt bringt. Er war am 21. November 2020 mit Kinderwagen unterwegs, als ihn in der Sonnemannstraße das Motorgeräusch von S.s BMW X6 aufhorchen ließ. Oder, präziser ausgedrückt: „Das war kein Motorgeräusch, das war ein Aufheulen.“

Der Fahrer selbst dürfte das etwas entspannter hören. S. hatte bereits am ersten Verhandlungstag ausgesagt, er habe die Sicherheitsautomatik in dem 625 PS starken SUV nicht etwa deshalb ausgeschaltet, um, wie die Anklage ihm vorwirft, imposant durch die Kurven zu driften. Er schalte sie vielmehr immer im Stadtverkehr aus, weil der Motor dann lauter, tiefer und fetter klinge - um sich und andere mit dem Lärm zu erfreuen.

„Mein Eindruck war: der wollte driften“, sagt ein anderer Zeuge, der aber wohl von Berufs wegen skeptisch ist. Der Polizist war an diesem Tag mit seiner Frau im Taxi unterwegs, und auch er ist der Ansicht, dass der Motor „aufgeheult“ und die Reifen „durchgedreht“ hätten. Seine Frau habe schon an jenem Tag, kurz bevor es krachte und S. zwei Männer totfuhr und eine Frau schwer verletzte, genau die Frage gestellt, mit der sich nun auch das Landgericht in den kommenden Wochen auseinandersetzen muss: „Was ist denn das für einer?“

Und warum macht einer sowas? „Das Auto hat man auf jeden Fall gehört“, bestätigt eine andere Zeugin, die zu Fuß vom Einkaufen auf dem Heimweg war. Der Unfall lasse sie seitdem nicht mehr los. Ein paar Sekunden länger in der Schlange an der Kasse, und sie wäre genau an der Stelle gewesen, wo der außer Kontrolle geratene Bolide in einen Mann und seine Tochter gerast war - letztere überlebte schwerverletzt. Und sie frage sich immer wieder, warum jemand so etwas tue.

Nun kann man natürlich glauben, dass es so ist, wie S. sagt, und dass er an jenem verhängnisvollen Tag lediglich Freude durch Krach habe generieren wollen. Und dass er erstmals in seinem Leben als perfekter Autofahrer - was vier bestandene medizinisch-psychologische Untersuchungen untermauern - die Kontrolle über ein Fahrzeug verloren habe. Das Leben schreibt ja die seltsamsten Geschichten.

Die von Nebojsa S. sind aber auch nicht ohne. Da wäre etwa eine ominöse Tasche, die S. damals seinem ihn mit einem Kleintransporter begleitenden Schwager nach dem Unfall in die Hand gedrückt hatte und mit der dieser verduftet war. In der Tasche wären Wagenpapiere und Ausweis gewesen, so S., und er habe den Schwager gebeten, sie bis zum Eintreffen der Polizei zu bewahren, weil er so verwirrt gewesen wäre. Als die Polizei die Tasche später untersuchte, waren tatsächlich nur noch Papiere drin. Etwaig andere darin befindliche Gegenstände wie Kuchen oder Wein könnte der Schwager natürlich zwischendurch bei der Großmutter abgeliefert haben.

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