Sport

Die Kunst, dieInaktiven zu erreichen

  • vonKatja Sturm
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Bei der Eröffnungsveranstaltung der Europäischen Woche des Sports in der Frankfurter Alten Oper geht es nicht zuletzt um Angebote für Menschen, die sich nicht schon immer viel bewegen.

Sport ist auch auf kleinstem Raum und bei vollgestopftem Tagesplan möglich. Der frühere Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak etwa, hakt, wenn man ihm Glauben schenken darf, schon in frühen Morgenstunden täglich seine 100 Sit-ups ab, und ein Akrobatik-Trio zeigte bei der Eröffnungsveranstaltung der Europäischen Woche des Sports am Mittwochnachmittag im Mozartsaal der Alten Oper den knapp 100 geladenen Gästen, wie man den Frühstückstisch für Handstände und Balanceakte nutzen kann. Doch derart viel Durchhalte- und Leistungsvermögen ist gar nicht nötig, will man den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO folgen. Denn für einen gesunden Lebensstil reicht täglich eine halbe moderate Bewegungsstunde.

Allerdings erfüllen diese Pflicht, wie das Eurobarometer zeigt, in Deutschland nur 43 Prozent aller Deutschen. Selbst Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), räumte in Frankfurt beim auf dem ganzen Kontinent übertragenen Auftakt der bis 30. September dauernden Bewegungstage, die unter dem Motto “#BeActive“ stehen, ein, dieses Pensum aufgrund zahlreicher Termine nicht regelmäßig zu schaffen.

Dennoch kann das Land, das in diesem Jahr aufgrund der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli Gastgeber des Flagship-Events der seit 2015 jährlich organisierten Veranstaltung ist, Vorbild für andere sein. „Mit 100 Mitgliedsorganisationen und 90 000 Vereinen weisen wir eine Vielfalt auf, die es nicht oft gibt“, erklärte Hörmann. „Die ganze Welt beneidet uns um unser Vereinssystem.“ Und die damit verbundene Niedrigschwelligkeit, die es jedem, unabhängig von Alter, Fitnesszustand und Ambitionen, möglich macht, Sport zu treiben.

Das Problem sei jedoch dabei, betonte Alfons Hölzl, der Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), dass man in der Regel nur diejenigen erreiche, die sowieso aktiv sind. Meist liege der Grund dafür in der Kindheit. Wer sich nicht schon früh übt, verspürt darauf auch später wenig Lust. Dabei, ergänzte Stephan Mayer, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium, steigere Sport nicht nur das Wohlbefinden des Einzelnen, sondern entlaste auch das Gesundheitssystem.

Genau diese Inaktiven zu erreichen, sei die Kunst, so Turnerchef Hölzl. Deshalb müsse man die Menschen dort abholen, wo sie sind, an ihren Arbeitsstellen, in Kirchen oder Altersheimen. Die Wege dorthin ebnen Partnerschaften, mit Krankenkassen, sozialen Einrichtungen oder Schulträgern.

Krise muss nicht nur schaden

Ausgerechnet die Pandemie, die dazu führt, dass das von langer Hand geplante zentrale Ereignis am Main nun überwiegend dezentral in den Vereinen im Stadtgebiet oder im Internet stattfindet, kann diesem Ansinnen zuträglich sein. Denn die Krise, so Hörmann, habe bereits gezeigt, „wie wichtig Bewegung für Körper, Seele und Geist ist“. Es könnte also gut sein, dass die Europäische Woche des Sports, die in diesem Jahr von Frankfurt aus in 42 Länder der EU und ihrer Partnerstaaten ausstrahlt, trotz der Einzigartigkeit der Umstände den Trend der Vergangenheit aufnimmt und weiter wächst. 2019 hatten sich mehr als 15 Millionen Menschen an mehr als 28 000 Angeboten beteiligt. In Deutschland stehen diesmal mehr als 500 Offerten auf dem Programm.

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