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„Die Konflikte ums Wasser verlieren nicht an Brisanz“

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Von: Thomas Stillbauer

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Robert Lütkemeier vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt.
Robert Lütkemeier vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt. © Juergen Mai

Der Frankfurter Forscher Robert Lütkemeier über Niederschlag, Grundwasser und den wichtigen Faktor Toilettenspülung.

Es regnet endlich – wie lange muss es weiterregnen, um den Grundwasserpegel aufzufüllen?

Das Defizit im Grundwasser hat sich seit der 2018er-Dürre aufgebaut, als wir mit massiven Reduzierungen des Niederschlags kämpfen mussten. Das zieht sich bis heute durch. Vor allem im Winterhalbjahr bildet sich das Grundwasser neu, aber der vergangene Winter war nicht der ergiebigste in Sachen Niederschlag. Wir bräuchten einige Monate an sehr ausgiebigen Regenfällen, damit sich das ausgleichen kann. Einen sehr feuchten Winter, nicht mit heftigen Niederschlägen, sondern mit so einem schönen, lang andauernden Landregen.

Hat uns der Trockensommer 2022 weiter zurückgeworfen?

Im Sommer wird normalerweise ohnehin kein Grundwasser neu gebildet, doch trockene Verhältnisse erhöhen unseren Wasserkonsum, zum Beispiel für die Gartenbewässerung. Der wenige Sommerregen wird überwiegend von der Vegetation aufgesogen. Im Herbst nimmt die Bodenfeuchte dann wieder zu, und sobald eine ausreichende Sättigung erreicht ist, geht der Niederschlag weiter ins Grundwasser. Ein ganz trockener Boden am Ende des Sommers ist dafür nicht hilfreich, weil der Niederschlag dann oft gar nicht einsickern kann, sondern oberflächlich abfließt.

Was kann der Mensch dafür?

Mit dem Klimawandel haben solche Situationen in Europa zugenommen: trockene Sommer, in denen wir anhaltende Hochdruckgebiete gerade über Deutschland gesehen haben. Diese Phänomene können in Zukunft häufiger werden. Dafür ist der Mensch im Kern mitverantwortlich.

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Was können wir fürs Wasser tun? Beim Duschen sparen?

Wir können auf unseren Wasserkonsum schauen, kürzer oder seltener duschen. Eine Möglichkeit ist die Wasserwiederverwendung im kleinen Maßstab: Wenn ich den Salat wasche, kann ich das Wasser auffangen und für die Bewässerung nutzen. Wir sollten aber auch in anderen Bereichen schauen, ob wir Effizienzsprünge erreichen können: Regenwasser nutzen, bestimmte Wasserströme im Haus intelligent lenken. Für die Toilettenspülung können wir sehr gut Grauwasser verwenden, das keine Trinkwasserqualität hat. Und wenn wir auf die Landwirtschaft schauen: Es werden auch in Hessen Flächen beregnet – wenn man das mehr in die Abendstunden verlagert, verdunstet weniger davon.

Für Frankfurt wird häufig ein Brauchwassernetz gefordert. Seitens der Stadt heißt es, das sei für die Bestandsgebäude undurchführbar, weil zu aufwendig. Wie sehen Sie es?

Eine ganze Stadt umzubauen, um ein zusätzliches Brauchwassersystem einzurichten, wäre eine riesige infrastrukturelle Herausforderung. Theoretisch zeigt das Wasserkonzept der Stadt allerdings, dass wir unseren häuslichen Verbrauch durch Brauchwasser um etwa ein Drittel reduzieren könnten. Auch da ist die Toilettenspülung der größte Faktor.

ZUR PERSON

Robert Lütkemeier , 36, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für sozial-ökologische Forschung (Isoe), diskutiert am Dienstag, 20. September, um 19 Uhr mit Kollegin Fanny Frick-Trzebitzky über „Wege aus der Wasserkrise“. Bei der Onlinediskussion dabei sein: https://isoe.clickmeeting.com/wasser

In Japan werden vereinzelt Handwaschbecken über dem Toilettenspülkasten installiert. Gute Idee?

(lacht) Das kann man machen. Wenn wir uns als Nutzerinnen und Nutzer damit anfreunden, können wir sicher ein paar Liter sparen. Ich stelle es mir aber schwierig vor, das in unsere persönlichen Handlungsroutinen zu integrieren. Da ist, denke ich, die Akzeptanz für Brauchwassernutzung höher – etwa Duschwasser irgendwo im Haus speichern und von dort zur Toilette führen – da sie mit geringeren Änderungen unser täglichen Praktiken verbunden ist. Aber wenn aus Japan eine innovative Idee kommt, ist es spannend, ob es dafür auch in Deutschland ein Potenzial gibt.

Geht uns eigentlich Wasser aus dem Naturkreislauf verloren?

Die Erde verliert als Planet keinerlei Wasser – dieser Kreislauf ist geschlossen. Die Frage ist, ob wir regional noch mit den Niederschlagsmengen der Vergangenheit rechnen können. Werden Regionen, die früher sehr feucht waren, durch den Klimawandel trockener? In dem Sinne könnten wir Wasser „verlieren“. Es ist dann nicht ganz weg, sondern nur regional anders verteilt.

Sie diskutieren am Dienstag bei einer Isoe-Veranstaltung übers Wasser. Worum geht es dann?

Die Grundwasserneubildung ist zentral für unsere Wasserversorgung in Deutschland. Wir bekommen 60 bis 70 Prozent des Wassers aus dem Grundwasser, in Hessen sogar noch mehr. Für uns ist es essenziell wichtig, wie sich das Grundwasser entwickelt. Das können wir nur über Klima- und hydrologische Modelle abschätzen. Da sind die Ergebnisse bislang unsicher: Manche Modelle zeigen nach oben, manche nach unten. Die Frage wird sein, wie wir uns darauf einstellen: Welche Maßzahlen verwenden wir, um zu entscheiden, wie wir unsere Wasserrechte in Zukunft verteilen?

Das ist ja in Frankfurt gerade spannend, weil sich die Stadt nicht komplett selbst mit Wasser versorgen kann und daher permanent Ärger mit dem Vogelsberg hat.

Aus dem Umland muss Wasser herangeschafft werden. Die Frage ist: wie viel Wasser? Kann Frankfurt vielleicht noch effizienter mit dem eigenen Wasser umgehen? Auch dazu gibt es im Wasserkonzept der Stadt Überlegungen. Wir sehen in vielen Ballungsräumen ähnliche Konflikte, die möglicherweise Schäden aus einer Übernutzung in den Umlandgemeinden erzeugen: Ökosystemschäden, aber auch Versorgungsengpässe. Diese Konflikte werden nicht an Brisanz verlieren, wenn wir künftig mehr Dürreperioden haben.

Wie lässt sich dieser Situation begegnen?

Eine Idee ist, dass sich Versorger stärker koppeln, um massive Sommerdürren auszugleichen. Einige kleinere Kommunen konnten ihre Versorgung in den letzten Dürresommern nicht aufrechterhalten – Wasser musste in Tankwagen geliefert werden. Solche Situationen wären etwa durch ein besseres Leitungsnetz zu vermeiden. Aber auch dort muss versucht werden, die lokalen Potenziale im Hinblick auf eine effizientere Wassernutzung und den Schutz der Wasserressourcen besser zu heben.

Interview: Thomas Stillbauer

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