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Die Klima-Zukunft zieht ins Frankfurter Hilgenfeld

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Von: Thomas Stillbauer

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Blick übers Hilgenfeld am Frankfurter Berg. Der Acker ist bald Geschichte, 54 Mehrfamilienhäuser entstehen.
Blick übers Hilgenfeld am Frankfurter Berg. Der Acker ist bald Geschichte, 54 Mehrfamilienhäuser entstehen. © Rolf Oeser

Im Frankfurter Norden soll ein Quartier für 2500 Menschen entstehen, das sich selbst mit Strom und Wärme versorgt – einmalig weit und breit, versichern Stadt, ABG und Mainova.

Kürzlich hatten manche Leute im Frankfurter Norden keinen Fernsehempfang. Ein Bagger im Hilgenfeld habe ein Kabel erwischt, hieß es. Am nächsten Tag lief die Glotze wieder. Ein Weilchen länger her, da sah man auch schon Bautätigkeit auf dem großen Acker am Frankfurt Berg, neben der Siedlung, die an die Gleise der S-Bahnlinie 6 grenzt. Aha, es geht los, dachten viele. Ging es aber noch gar nicht. Es waren nur Probebohrungen – ob da Geothermie möglich wäre im Hilgenfeld. Ergebnis: Ja, ist möglich. Und nicht nur das.

„Frankfurts erstes Klimaschutzquartier“ entsteht, wo Eschersheim, Frankfurter Berg und Bonames aneinanderstoßen. „Eines der klimafreundlichsten Wohnquartiere Deutschlands“, sagt der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD). „Ein ganzes Aktiv-Stadtquartier“, sagt Frank Junker, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft ABG. „Ein Alleinstellungsmerkmal, wie es in der Republik kein zweites Quartier gibt“, sagt Constantin H. Alsheimer, Vorstandschef der Energieversorgerin Mainova: „Damit sind wir ganz vorne dran.“

Die drei Herren stellen am Dienstag gemeinsam vor, was spätestens 2027 fertig werden soll: ein Wohngebiet, das heute schon die Klimaschutzziele 2040 erfülle, sagt Junker. Den städtebaulichen Vertrag hat Josef am Montag unterschrieben, der Satzungsbeschluss könne bis Ende des Jahres unter Dach und Fach sein, Baubeginn dann „eine Frage von wenigen Monaten“.

Was ist das Besondere am Hilgenfeld? Ökologie und Energieversorgung. Die 2500 Menschen, die dort einmal leben werden, teils in gemeinschaftlichen Wohnprojekten, sollen sich mit Strom komplett und mit Wärme zu 65 Prozent selbst versorgen können. Das gesamte Regenwasser soll vor Ort versickern und verwendet werden. Grün an den Fassaden und mehr als 5000 Photovoltaik-Module auf den Dächern der 54 Mehrfamilienhäuser bestimmen das Bild.

„Die Lösungen hier sind richtungsweisend für die Quartiere der Zukunft“, sagt Stadtrat Josef. So wird beispielsweise im Winter mit 161 Sonden Erdwärme aus dem Boden nach oben zum Heizen transportiert – und im Sommer durch die Solarpanels wieder in die Erde zurückgegeben.

KLIMASCHUTZQUARTIER HILGENFELD

Auf 17,7 Hektar Fläche planen die Stadt Frankfurt, die Wohnungsbaugesellschaft ABG und die Energieversorgerin Mainova das nachhaltige Stadtviertel Hilgenfeld komplett in Aktivhausbauweise. Die 54 Mehrfamilienhäuser mit 860 Wohnungen für etwa 2500 Menschen sollen ihre eigene Energie und Wärme erzeugen. 160 Erdwärmesonden liefern dann Geothermie aus 120 Metern Tiefe. Mehr als 5000 Solarmodule sammeln 2,5 Megawatt Sonnenenergie. Sie sollen die Haushalte vollständig mit Strom versorgen. 2000 Tonnen CO2 spare die Konstruktion jährlich ein.

40 Prozent geförderter Wohnraum sind geplant. Initiativen fordern eine viel höhere Quote. Vier Areale gehen an gemeinschaftliche Wohnprojekte.

Der Bebauungsplan soll im Frühjahr 2023 beschlossen werden.

Eine „revolutionäre Evolution“ erkennt gar ABG-Chef Junker in dem Projekt. Passivhaustechnik sei dem städtischen Wohnungsbau „schon in Fleisch und Blut übergegangen als Mindeststandard“, sagt er. „Aber das war uns nicht genug.“ Jetzt also das Aktivhaus, das sich selbst mit Energie versorge und damit einen Vorteil biete, der gar nicht hoch genug einzuschätzen sei: „Die Mieter bezahlen keine Heizung und keinen Strom – und das in einem ganzen Quartier.“ Das gebe es weit und breit so noch nicht.

Die Auswirkungen des Klimawandels und die dramatisch gestiegenen Preise für fossile Energien seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine zeigten, dass Klimaschutz nicht nur aus Umweltgründen, sondern auch wirtschaftlich geboten seien, so Junker.

400 Millionen Euro sind für das Gesamtprojekt veranschlagt. Und die Mieten? In den geförderten Wohnungen je nach Förderstufe 5,50 bis 10,50 Euro pro Quadratmeter, in den Einheiten für den freien Markt 14 Euro, sagt Junker. Letzteres sei nicht wenig, aber auf der anderen Seite entfalle ja der Großteil der Umlagen. Die Pläne setzen auf Elektromobilität für die Bewohnerinnen und Bewohner, auf Carsharing und auf wenig Tiefgarage: etwa 0,5 Stellplätze pro Wohnung. Gastronomie, Einkaufsmöglichkeiten und zwei Kindertagesstätten gehören zum Vorhaben Hilgenfeld.

Ein Konzept, das schon bald auch anderswo in Frankfurt greifen könnte? „Wir prüfen an jedem Standort, welche erneuerbaren Energiequellen sich anbieten“, sagt Bernd Utesch, Geschäftsführer des Energiedienstleisters ABGnova. „Hier im Hilgenfeld war es die Geothermie.“ Das hätten die Fachleute in einem komplexen Prüfverfahren ermittelt: „Wie reagiert welches Erdreich auf die Bohrung?“ Das Erdreich am Frankfurter Berg reagierte gut. Und wie gesagt, die Fernseher in der Umgebung laufen momentan auch wieder.

Frank Junker (ABG), Mike Josef (SPD), Constantin Alsheimer (Mainova, von links) und ein Solarpanel (hinten) erklären das Projekt.
Frank Junker (ABG), Mike Josef (SPD), Constantin Alsheimer (Mainova, von links) und ein Solarpanel (hinten) erklären das Projekt. © Rolf Oeser

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