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Firma unter Betrugsverdacht: Tappten Geflüchtete in eine Kautionsfalle?

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Von: Gregor Haschnik

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Die Firma, die unter Betrugsverdacht steht, residierte neben seriösen Unternehmen in einem Gebäude an der Mainzer Landstraße.
Die Firma, die unter Betrugsverdacht steht, residierte neben seriösen Unternehmen in einem Gebäude an der Mainzer Landstraße. © Monika Müller

Zahlreiche Geflüchtete zahlen mehrere Tausend Euro, bekommen aber keine Wohnung. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Frankfurt – „Ich bin seit sieben Jahren in Deutschland und suche seit sieben Jahren eine Wohnung“, sagt Abdullah Dawit (Name geändert). Er habe alles versucht, sich beim Frankfurter Wohnungsamt angemeldet, auf Immobilienportalen gesucht und über Makler, viele „Bewerbungen“ geschrieben, erzählt der mehrfache Familienvater, der aus Afrika nach Deutschland geflüchtet ist. Nie hat es geklappt.

Obwohl Dawit arbeitet, kann er sich die meisten angebotenen Wohnungen nicht leisten, bei günstigeren kam er nicht zum Zug. Für eine geflüchtete Familie mit vier Kindern ist die Suche besonders schwierig, auch weil manche Vermieter:innen sie grundsätzlich ablehnen. Seit Jahren leben sie nun in einer großen Gemeinschaftsunterkunft. Dawit klagt nicht, aber sie wollen natürlich unbedingt raus, etwas Eigenes, Größeres finden.

Frankfurt: DIS Immobilien Relocation GmbH tritt als Vermittler für Geflüchtete auf

Ende 2021 erfuhr er von einem Bekannten, der für eine Firma namens DIS Immobilien Relocation GmbH als Vermittler auftrat, dass in der Weilburger Straße im Gallusviertel Wohnungen frei seien. Dawit besichtigte dort eine Art Musterwohnung, die ziemlich leer war, und schöpfte Hoffnung. „Sie war schön und bezahlbar, um die zehn Euro Kaltmiete pro Quadratmeter.“

Während des Termins, an dem ein weiterer vermeintlicher Firmenmitarbeiter teilnahm, wurde ihm die Wohnung in Aussicht gestellt – und darauf hingewiesen, dass es natürlich viele Interessenten gebe. Also erledigte er schnell die von ihm verlangten Formalitäten, etwa den Nachweis seiner Identität durch den Pass. Eine Forderung machte Dawit etwas stutzig: „Ich sollte vorab Kaution zahlen – mehr als 3000 Euro.“ Doch der Mietvertrag schien in Ordnung, die Leute von der Firma wirkten seriös. Er unterschrieb. „Ich hatte Angst, dass die Wohnung sonst weg ist.“ Zunächst „konnten wir unser Glück kaum fassen. Vor allem die Kinder freuten sich sehr“. Rund 1000 Euro konnte er selbst für die Kaution aufbringen, um den Rest bat er einen ehrenamtlichen Helfer.

Frankfurt: Sehnsucht nach Wohnung bringt Geflüchteten zur Überweisung

Dieser war skeptisch, wie er berichtet, warnte davor, die Summe zu überweisen, warf seine Bedenken aber über Bord, auch weil Dawit und dessen Familie sich so sehr nach einer Wohnung sehnten. Der Geflüchtete sollte dann noch eine Anzahlung für eine Küche leisten. Nach einigem Hin und Her nahm die Firma die Forderung zurück, da Dawit nichts mehr übrig hatte.

Seit ein paar Wochen müssen Dawit und der Ehrenamtliche davon ausgehen, dass die Wohnung nie zu haben war und sie ihr Geld nie wiedersehen: Die Familie sollte im Februar einziehen. Wenige Wochen zuvor wurde Dawit mitgeteilt, dass das nicht gehe. Eine städtische Behörde habe dies untersagt, wegen Schimmelbefalls. Er könne einen Aufhebungsvertrag unterschreiben und sein Geld zurückkriegen, in acht bis zwölf Wochen. Eine viel zu lange und verdächtige Frist. Sie verkürzten diese auf zwei Wochen, unterschrieben die Aufhebung – und bekamen ihre Kaution nicht wieder. Das Unternehmen ist inzwischen abgetaucht, niemand ist erreichbar.

Frankfurt: Mehrere Dutzend Geflüchtete tappen in Kautionsfalle von DIS Immobilien Relocation GmbH

Dawit ist bei weitem nicht der einzige Geflüchtete, dem dies passiert ist. Dem Vernehmen nach sind es mehrere Dutzend, auch Nachbarn der Familie. Bei der Frankfurter Polizei hat eine ganze Reihe Betroffener Anzeige erstattet. Der Vermittler, der eine zumindest auf den ersten Blick seriös wirkende Visitenkarte der Firma präsentierte, gibt an, ebenfalls Opfer geworden zu sein. Er habe niemanden betrügen wollen und sei selbst hereingefallen, soll er angegeben haben.

Die Stadt Frankfurt hat die Vermietung der Wohnung nicht untersagt. Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau schreibt Mark Gellert, Sprecher des zuständigen Dezernats für Planen, Wohnen und Sport, in der Abteilung Wohnraumerhaltung seien hinsichtlich der Immobilien „keine Verfahren anhängig“. Auch in der Vergangenheit sei dies nicht der Fall gewesen. Bei einem erheblichen Schimmelpilzbefall werde in der Regel der Eigentümer aufgefordert, das Problem sowie dessen Ursache zu beseitigen, um wieder gesunde Wohnverhältnisse herzustellen.

Staatsanwaltschaft Frankfurt führt mehrere Verfahren gegen DIS Immobilien Relocation GmbH

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt teilt auf Anfrage mit, es gebe in Zusammenhang mit der Firma „mehrere Verfahren wegen des Verdachts des Betrugs“. Um die noch am Anfang stehenden Ermittlungen nicht zu gefährden, könnten keine weiteren Auskünfte erteilt werden, sagt Oberstaatsanwältin Nadja Niesen.

Wie die Verantwortlichen an die Wohnung gekommen sind, ist noch unklar. Der eigentliche Eigentümer der Immobilie hat offenbar nichts damit zu tun. Möglicherweise wurden die Räume für kurze Zeit angemietet, etwa als Ferienwohnung.

Von der Firma war keine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu bekommen, weder auf Anfragen per E-Mail noch auf Anrufe, die mittlerweile ins Leere gehen. Auch die Webseite ist inzwischen offline und steht zum Verkauf. Der Server steht in den USA; den Dienst des Betreibers sollen mehr als 17000 Seiten nutzen.

Betrug mit Wohnungen in Frankfurt? Name von DIS Immobilien Relocation GmbH wohl bewusst gewählt

Der Name der Firma wurde vermutlich bewusst gewählt. Es gibt eine ganze Reihe von seriösen Unternehmen, die ebenfalls ein DIS im Namen tragen, aber nichts mit der DIS Immobilien Relocation GmbH zu tun haben.

Die Eintragung ins Handelsregister beim Amtsgericht wurde formal korrekt vorgenommen. Die Notarin, die eine dafür notwendige Beglaubigung ausgestellt hat, verweist auf Anfrage auf ihre Verschwiegenheitspflicht. Über sie ist es zumindest bislang auch nicht möglich, Kontakt zum angeblichen oder tatsächlichen Geschäftsführer herzustellen, einem jungen Mann mit skandinavischem Nachnamen.

Sehr ungewöhnlich in der heutigen Zeit: Im Netz sind so gut wie keine Informationen über den Mann zu finden, außer dass er angeblich noch eine ebenfalls im November 2021 gegründete Firma führt, eine Reiseagentur und Unternehmensberatung.

Fall um mutmaßlich betrogene Flüchtlinge wirkt Schlaglicht auf Wohnungsmarkt in Frankfurt

Existiert der Mann? Zumindest hat er oder jemand anderes mit dem Geschäftsführer-Namen unterschrieben. Als Unternehmenszweck wurden unter anderem Unternehmensberatung sowie Dienstleistungen bei der Wohnungssuche angegeben, etwa für „Mitarbeiter, die in ein anderes Gebiet umziehen oder entsendet werden“.

Am letzten Firmensitz sagte eine Mitarbeiterin des Bürodienstleisters in der vergangenen Woche, sie habe von den Vorwürfen gegen das Unternehmen gehört. Es sei jedoch nicht mehr da, ebenso wenig wie die Beschäftigten. Sie könne nicht weiterhelfen, der Dienstleister wolle ebenfalls wissen, wo sich die Verantwortlichen befänden oder zu erreichen seien, fügt sie hinzu.

Der Fall wirft auch ein Schlaglicht auf den Wohnungsmarkt in Frankfurt und Umgebung. Es gibt viel zu wenige bezahlbare Wohnungen; Interessenten mit geringem Einkommen, mehr als zwei Kindern oder Fluchterfahrung haben kaum Chancen und sind Anbieter:innen mehr oder weniger ausgeliefert, wenn sie doch zum Zuge kommen wollen. Teilweise sind die Übergänge zwischen dreisten Forderungen und Betrug fließend.

Unterstützer von Geflüchteten spricht von perfiden Strategie

Der ehrenamtliche Unterstützer von Dawit – engagiert, intelligent, strukturiert – ärgert sich darüber, seiner Skepsis nicht gefolgt zu sein. Er spricht von einer perfiden Strategie, die auf die Schwächsten auf dem Wohnungsmarkt abziele.

Dawit macht der mutmaßliche Betrug besonders schwer zu schaffen: Es sei schon schlimm gewesen, seinen Kindern sagen zu müssen, dass es mit der Wohnung nichts werde und sie in der Unterkunft bleiben müssten. Hinzu komme, dass sein Unterstützer und er vierstellige Beträge verloren hätten. Vor allem Dawits Familie bringt das in Schwierigkeiten: „Das Geld fehlt uns jetzt. Aus einem Traum ist ein Alptraum geworden.“ (Gregor Haschnik)

Zurzeit gibt es In Frankfurt kaum Wohnungen für Flüchtlinge.

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