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Die helfenden Hände

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Von: Steven Micksch

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Christoph Hirche ist Chefarzt der Abteilung Plastische, Hand- und Rekonstruktive Mikrochirurgie.
Christoph Hirche ist Chefarzt der Abteilung Plastische, Hand- und Rekonstruktive Mikrochirurgie. © Christoph Boeckheler

BGU-Chefarzt Christoph Hirche und sein Team behandeln Menschen, die sich an Silvester beim Hantieren mit Feuerwerk verletzen.

Strenggenommen gehört Christoph Hirche selbst zu einer der beiden Risikogruppen, die häufig mit Verbrennungs- oder Explosionsverletzungen in der Silvesternacht ins Krankenhaus müssen. Der 43 Jahre alte Chefarzt der Abteilung Plastische, Hand- und Rekonstruktive Mikrochirurgie an der BG Unfallklinik Frankfurt ist eben auch zweifacher Familienvater. Väter und jüngere Männer seien eher von Verletzungen durch Feuerwerk betroffen, sagt Hirche, der seit Februar 2021 Chefarzt in Frankfurt ist. Zwar will auch Hirche zum Jahresende etwas Feuerwerk abbrennen, doch der Arzt konzentriert sich eher auf das leuchtende Feuerwerk, wie Batterien, statt auf Knallkörper. Und der gebürtige Kieler ist durch seine medizinische Erfahrung natürlich gewarnt, was bei Unfällen mit Feuerwerk passieren kann.

„In den letzten zwei Pandemiejahren gab es deutlich weniger Verletzungen durch Feuerwerk als davor. Aber es gab sie trotzdem“, sagt der 43-Jährige. Trotz aller Verbote wurde sich dann häufig auf illegalen Wegen Feuerwerk besorgt – was meistens noch gefährlicher als heimisches Knallzeug ist.

Hirche sieht die Verbotsdiskussion beim Feuerwerk deshalb skeptisch. Dadurch können Fehlanreize für die Menschen gesetzt werden. „Ich glaube, dass man mit generellen Verboten illegale Wege für die Menschen in den Fokus rückt. Was mitunter schlimmere Folgen mit sich bringen kann.“ Der Chefarzt würde daher eine sorgfältige Aufklärungsarbeit verbunden mit einer Auswahl an erlaubten Feuerwerken präferieren. Also weniger Böller und lieber optisch effektvolle Feuerwerke.

Hirche war vor seinem Engagement in Frankfurt als Leitender Oberarzt an der BGU Ludwigshafen tätig. Sein Studium absolvierte er in Berlin und hatte anschließend noch zwei Stationen im Ausland. Der Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie hat noch die Handchirurgie ergänzend erlernt. Seinen Facharzt in jenem Bereich wählte der 43-Jährige unter anderem, weil man „sehr kreativ arbeiten kann und viele Möglichkeiten hat“. Sein Anwendungsgebiet erstrecke sich wahrlich von Kopf bis Fuß und Brust zu Hand. Die Arbeit an der Oberfläche des Körpers sei bedeutsam, weil nur durch eine intakte Hautoberfläche auch Strukturen in der Tiefe heilen können.

Die Zusatzbezeichnung Handchirurgie zeichne sich dadurch aus, dass man einen Bereich behandle, in dem sämtliche Fachdisziplinen zusammenkommen. Angefangen bei Gefäßen, über Nerven bis hin zu Knochen. Dabei sei die Hand äußerst komplex auf kleinstem Raum aufgebaut. Es gibt einen dünnen Hautmantel, filigrane Knochen und eine Vielzahl relevanter Gefäße. Dies alles bedürfe besonderer Techniken und großer Achtsamkeit.

Mit seiner Ausbildung ist Hirche prädestiniert für die Behandlung der zwei häufigsten Verletzungsbilder bei Unfällen mit Feuerwerkskörpern: Verbrennungen sowie Explosionsverletzungen durch Böller. Gerade letztere könnten besonders verheerend sein. So seien nach schweren Unfällen, bei denen die Böller in der Hand gehalten wurden, durchaus auch Amputationen von Fingern oder der ganzen Hand notwendig. Eine der wichtigsten Prämissen sei deshalb, die Knaller nicht länger als notwendig in der Hand zu halten.

Doch was tun, wenn es trotz allem zu einer schwereren Verletzung gekommen ist? Grundsätzlich könne man natürlich den Rettungsdienst informieren. „Was manchmal schwierig ist in der Silvesternacht, weil man nicht durchkommt.“ Dann könne man einen sterilen Verband zur Erstversorgung anlegen und dann in die nächste Notfallambulanz. Bei Verbrennungen solle man maximal auf kleinen Flächen lokal kühlen. Das helfe gegen Schmerzen und Schwellungen und verhindere eventuell ein Nachtiefen, also dass die Verbrennung im Gewebe weiter voranschreitet.

An der BGU ist die Ambulanz an Silvester selbstverständlich geöffnet. Aus Hirches Abteilung ist auch in der letzten Nacht des Jahres ein Arzt vor Ort. Im Hintergrund gebe es noch einen Oberarzt auf Abruf, der bei komplexeren Verletzungen hinzugerufen wird. Die Erfahrung habe gezeigt, dass die ersten Patienten (seltener sind es Patientinnen) nach Mitternacht in die Klinik kommen. Häufiger dann ab ein oder zwei Uhr nachts. „Ein Teil der Leute kommt auch morgens um neun, wenn sie aufwachen und ihren Rausch ausgeschlafen haben.“ Tatsächlich spiele Alkohol bei Verletzungen mit Feuerwerkskörpern eine signifikante Rolle.

Und womit rechnet Hirche nach zwei Jahren Abstinenz nun für dieses Silvester? „Das wird man an den Verkaufszahlen sehen.“ So könne eine Art „Nachholeffekt“ eine Rolle spielen und für besonders viel Zündelei sorgen. Durch mehr zertifizierte und weniger gefährliche Produkte statt ausländischer Knaller könnte es dann zu kleineren, aber mehr Verletzungen kommen. Ein komplett gegenteiliges Szenario wäre, dass durch die zurückliegenden Jahre das Interesse an den Feuerwerkskörpern abgenommen hat und deswegen weniger gekauft wird.

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