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Die Händlerin: „Ich hab nichts gedacht, ich habe gemacht“

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Die Händlerin: Ilse Schreiner.
Die Händlerin: Ilse Schreiner. © Michelle Spillner

Händlerin Ilse Schreiner hat einen starken Umsatzrückgang gemerkt. Die Stammkundschaft hat ihr aber die Treue gehalten. „Alles in allem geht es uns doch gut“, findet die 82-Jährige.

Mein Schwiegervater hat immer gesagt: Wir geigen an guten Tagen und wir geigen an schlechten Tagen – daran muss ich seit Corona sehr oft denken“, sagt Ilse Schreiber, das Frankfurter Original mit dem kleinen Imbissstand in der Kleinmarkthalle.

Was sie gedacht habe, als Corona kam? „Ich habe nichts gedacht, ich habe gemacht“, sagt sie. Weitergemacht! „Ob Sie es glauben oder nicht: Ich hatte während der Pandemie nicht einen Tag geschlossen“, ist sie stolz. Die Kleinmarkthalle durfte als Lebensmittelversorger durchgängig geöffnet sein. Den Beschickern stellte man es anheim zu öffnen. Manche schlossen, andere schränkten ihre Öffnungszeiten ein – bis jetzt. Die Verwaltung sei sehr verständnisvoll. Natürlich seien weniger Kunden gekommen, sei der Umsatz zurückgegangen. „Auch dass die Touristen fehlen, die Asiaten, das merkt man deutlich.“ Aber ihre Stammkunden hätten ihr die Treue gehalten und seien umgekehrt froh gewesen, auf ihre Wurst nicht verzichten zu müssen, auch wenn sie sie nicht immer in der Halle verputzen durften, sondern draußen oder eben zu Hause.

Ihren 82. Geburtstag hat Ilse Schreiber vor zwei Tagen gefeiert und in ihrem langen Leben schon ganz andere Krisen erlebt: „Ich bin in meiner Jugend nicht verschont geblieben. Ich bin ein Flüchtlingskind, meine Eltern kamen 1945 aus Schlesien.“ Krieg hat sie erlebt, erlebt wie Menschen bei Tieffliegerangriffen gestorben sind, und sie selbst litt schlimmen Hunger. „Wenn ich an meine Eltern denke, womit die damals auskommen mussten, da würde ich mich schämen, wenn ich jetzt, sagen würde: Ich kann das nicht.“

In eine Metzgerfamilie hat sie eingeheiratet und das sei ihr großes Glück gewesen, alles habe sie sich selbst beigebracht, parallel ohne Unterstützung oder Kindergartenplatz zwei Kinder großgezogen, später pflegte sie ihren kranken Schwiegervater und ihren kranken Mann gleichzeitig, „und ich stehe seit mehr als 60 Jahren hinter diesem Tresen“, schildert sie. Da relativiere sich so manches. Das alles habe sie geschafft, dann schaffe sie das jetzt auch. „Alles in allem geht es uns doch gut. Die Alten, die vorherigen Generationen, haben gearbeitet und etwas aufgebaut und wir profitieren davon“, das müsse man sich auch klarmachen. Vor diesem Hintergrund sagt sie: „Corona hat mich nicht so sehr erschüttert.“ Sie habe sich einfach Mühe gegeben und daran geglaubt, dass alles gut würde, wenn denn alle gemeinsam an einem Strang zögen. „Und ich habe nicht aufgegeben, weil ich Vorbilder hatte: meine Schwiegereltern und meine Eltern.“ So hat sie auch für jeden Kunden und jede Kundin noch ein aufmunterndes Wort.

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