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Die Grenzen der Geduld bei der Klimapolitik

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Von: Thomas Stillbauer

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Laut, aber friedlich: Klimastreik im vorigen Jahr.
Laut, aber friedlich: Klimastreik im vorigen Jahr. © Peter Jülich

Es ist tatsächlich viel passiert in den vergangenen vier Jahren – aber was eben nicht passiert ist: radikales Umdenken, um das Ruder herumzureißen.

Kaum zu glauben, aber wenn man sich das einmal klarmacht: Es stimmt, im August 2018 hat Greta Thunberg den Klimastreik gestartet. Nur vier Jahre ist es her, dass sich die Schülerin mit einem Schild vor den schwedischen Reichstag in Stockholm setzte: „Schulstreik für das Klima“.

2018? Vier Jahre? Ist nicht viel mehr Zeit vergangen, seit zunächst Woche für Woche, dann in größeren Abständen Kinder und Jugendliche auf die Straße gingen, um fürs Klima, für ihre Zukunft, für unser aller Welt zu kämpfen, begleitet von den Vernünftigen unter den Älteren? Es ist so viel passiert in dieser Zeit. Eine Pandemie und ein Krieg sind hinzugekommen, wie zum Hohn, um die Menschen abermals abzulenken von der größten weltbedrohenden Katastrophe. Gerade in einer Phase, die Hoffnung weckte, wir würden uns endlich aufraffen können, wirksam gegen den menschengemachten Klimawandel anzukämpfen.

Vier Jahre. Wenn sie schon den Erwachsenen ewig lang vorkommen – wie lang müssen sie jungen Menschen erscheinen, Schülerinnen und Schülern? Für sie sind vier Jahre Kampf rund ein Fünftel oder gar ein Viertel ihres bisherigen Lebens, eine enorm lange Spanne. Es ist tatsächlich so viel passiert in dieser Zeit – aber was eben nicht passiert ist: radikales Umdenken, um das Ruder herumzureißen.

Sehr gut, dass Deutschland, dass Frankfurt, dass Hessen sich Ziele setzen für den Klimaschutz, dass sie CO2-Neutralität anstreben nach festen Zeitplänen, dass in Frankfurt etwa Aktivhaus-Stadtteile konzipiert werden, die sich selbst mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen und sogar noch etwas davon weitergeben können.

Aber reicht das? Ganz im Ernst: Jetzt noch Wald roden für den Bau oder Ausbau von Autobahnen? Wirklich? In Hessen? In Frankfurt? Leute von den Bäumen schütteln, die verzweifelt für den Dannenröder Forst kämpfen? Wald vernichten, der allein in der Lage ist, uns vor der Klimakatastrophe zu retten, für noch mehr Kraftfahrzeugverkehr, der uns näher an den Abgrund fährt? Menschen verdammen, die sich von Brücken abseilen und an Fahrbahnen festkleben, Aktivisten auspfeifen, die sich im Fußballstadion an Torpfosten fesseln, weil sie zeigen wollen: So geht’s nicht weiter. Auf diese Leute mit dem Finger zeigen? Echt jetzt?

Schauen Sie die Zeitung an, fast täglich steckt sie voller Klimaschutz-Journalismus, fast täglich voller einleuchtender Gründe, den Forschenden zu glauben, die uns seit 50 Jahren sagen: Die Grenzen des Wachstums sind erreicht, weniger ist mehr, bitte viel weniger Naturverbrauch für viel mehr Leben. Jetzt.

In diese Zeitung schrieb einer irgendwann in jenen unendlich langen vier Jahren, die Fridays for Future hätten über die Stränge geschlagen. Im Frankfurter Umweltausschuss hätten sie sich danebenbenommen. Zu laut seien sie gewesen, zu unverschämt, und sie sollten doch bitteschön fair bleiben. Man lernt, die Dinge anders zu sehen in solchen Zeiten. Und vielleicht schämt man sich ein bisschen dafür, auch als Journalist, dass man nicht viel früher eingesehen hat: Die Fridays konnten gar nicht unverschämt genug sein angesichts dessen, was sich seither bewegt hat. Denn die Welt rast immer noch von einer Krise in die nächste und auf den ganz großen Knall zu.

Vielleicht konnte man vor vier Jahren empört sein über die Jugendlichen. Inzwischen kann man längst empört sein über die Mächtigen. Am Freitag ist Gelegenheit, das zu zeigen, laut, aber friedlich, beim Klimastreik, beispielsweise in Frankfurt.

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