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Die „globale Versammlung“ 2023/24 in Frankfurt am Main

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Von: Stephan Hebel

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„Global Assembly“: Zum Abschluss eines knapp einjährigen Prozesses werden für eine Woche zivilgesellschaftliche Akteur:innen aus aller Welt in Frankfurt zusammenkommen, um über die Grundlagen einer die vielfältigen Lebenswelten verbindenden gemeinsamen Humanität nachzudenken.

Hintergrund

Weltoffenheit hat in Frankfurt eine lange Tradition. Als wichtiger Handels- und Messeplatz zog die Stadt schon im Spätmittelalter Menschen aus aller Welt an. Heute hat über die Hälfte der Frankfurter Bevölkerung eine Migrationsgeschichte. Frankfurt ist ein Ort des intellektuellen Diskurses. Hier treffen sich alljährlich Kulturschaffende aus aller Welt zur Frankfurter Buchmesse, und hier legten im 1924 gegründeten „Institut für Sozialforschung“ Sozialwissenschaftler*innen und Philosoph*innen den Grundstein für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule.

1848 kamen in der Frankfurter Paulskirche Vertreter aus Deutschland und Europa zur ersten Nationalversammlung zusammen. Mit dem Anspruch, deutsche und europäische Kleinstaaterei zu überwinden und universelle Freiheitsrechte zu erklären, verabschiedeten sie 1849 die erste demokratische Verfassung des Landes, die zur Grundlage für spätere Verfassungen wurde.

Der 175. Jahrestag der Versammlung in der Paulskirche im Mai 2023, gefolgt vom Jubiläum der Paulskirchen-Verfassung im März 2024, bietet die Gelegenheit, universelle Werte wie demokratische Teilhabe, soziale Gerechtigkeit und Freizügigkeit im Lichte der Entwicklungen und Brüche der vergangenen 175 Jahre zu erinnern und weiterzudenken. Demokratie ist nie „fertig“, sondern muss stetig erneuert werden. Lag in der Bildung von Nationen damals ein gesellschaftlicher Fortschritt, muss es mit Blick auf die längst Wirklichkeit gewordenen globalen Verhältnisse heute um Überlegungen gehen, wie Menschen über nationalstaatliche Grenzen hinaus zusammenleben wollen.

Ziel

Mit der globalen Versammlung entsteht ein geschützter Diskursraum, der es zulässt, nach vorne zu schauen. Gerade die großen Herausforderungen der Gegenwart, der Klimawandel, die in der Welt wachsende soziale Ungleichheit, die eskalierenden Gewaltverhältnisse, die Krise des Multilateralismus, aber auch die enger werdenden Räume für demokratisch gesinnte Kräfte verweisen auf die Notwendigkeit gemeinschaftlicher Lösungen. Was ist zu tun, damit in der näher zusammengerückten Welt von heute die Menschenwürde an allen Orten und für alle gewährleistet ist? Was, um Artikel 28 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit Leben zu füllen, der jedem und jeder „eine soziale und internationale Ordnung (verspricht), in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können“?

Diesen Fragen wird sich die „Global Assembly“ stellen. Zum Abschluss des knapp einjährigen Prozesses werden für etwa eine Woche zivilgesellschaftliche Akteur:innen aus aller Welt in Frankfurt zusammenkommen, um gemeinsam über die Grundlagen einer die vielfältigen Lebenswelten verbindenden gemeinsamen Humanität nachzudenken.

Der Anspruch, eine „Weltverfassung“ zu schreiben, wäre vermessen. Das Ziel ist es, über einen intensiven Austausch Wegmarken für einen neuen Kosmopolitismus zu setzen, der sich der Idee einer global citizenship, einer „Bürger:innenschaft in der Welt“ zulässt. Diese Idee steht nicht im Widerspruch zu kommunalen Bürgerschaften. Gerade in Städten wie Frankfurt wird deutlich, dass Menschen heute mit mehreren Zugehörigkeiten zurechtkommen müssen. Sie sind Teil lokaler Gemeinwesen, Angehörige unterschiedlicher Kulturen und zugleich verbunden mit der übrigen Welt.

Dort, wo schon heute das Globale auf das Lokale trifft und unterschiedliche Lebenswelten neben- und miteinander existieren, gilt es Räume zu fördern, in denen die Idee einer gemeinsamen Humanität als Grundlage für globale demokratische Verhältnisse über konkrete Begegnungen entwickelt und vorangetrieben werden kann.

Kosmopolitische Ideen haben eine lange Tradition. Sie reichen zurück in die Antike, beeinflussten die Renaissance und später die Aufklärung. In seinem Traktat „Zum Ewigen Frieden“ ersann Immanuel Kant das Bild einer von internationalen Übereinkünften geeinten Welt, das die Herausbildung des Völkerrechts vorbereitete und schließlich auch Eingang in die Charta der Vereinten Nationen fand. Seit Kant hat sich die Welt verändert. Kosmopolitische Ideen werden heute nicht mehr bloß im kleinen Kreis einer „Gelehrtenrepublik“ verhandelt, sondern in unmittelbaren Begegnungen mit dem Fremden im Alltag. Im Zuge der Globalisierung ist das Zusammenleben von Menschen vielschichtiger geworden, der Fortgang der Geschichte wird nicht mehr von europäischen Sichtweisen dominiert.

So notwendig die feministische und postkoloniale Kritik an den inneren Beschränkungen der europäischen Aufklärung ist, so darf sie doch nicht in einen Relativismus münden, der die Idee universeller Werte gänzlich aufgibt. Um an der Idee universeller Werte festzuhalten, bedarf es einer Vision, wie sich lokales Zusammenleben demokratisch gestalten lässt, ohne dabei die Sorge um die ganze Welt, die Lebenswelten aller, aus dem Auge zu verlieren. 

Das Ziel ist nicht das Oktroyieren eines für alle geltenden Gesellschaftsmodells oder gar die Etablierung einer Weltregierung, sondern das Ermöglichen von Diversität auf der Grundlage gerechter Verhältnisse und eines gemeinsamen Begriffs von Humanität, überzeugt davon, dass die Zukunft nur eine geteilte sein kann.

Aktivitäten

A. Die „Global Assembly“

Die „Global Assembly“ steht für einen diskursiven Prozess, der von einer Vorversammlung Ende April 2023, dem „Vorparlament“, über Regionaltreffen in den Folgemonaten bis hin zur großen Versammlung im Frühjahr 2024 führt. Die Entscheidung darüber, ob der Prozess über dieses Datum hinaus fortgesetzt wird, obliegt der Versammlung selbst.

Vorversammlung

Zur Vorversammlung, die am 14. Mai 2023 beginnt, kommen etwa 30 bis 50 Personen aus aller Welt für zwei bis drei Tage in Frankfurt zusammen, um über die weitere Gestaltung des Prozesses zu beraten und zentrale Fragestellungen zu erarbeiten. Für die Benennung der Teilnehmer:innen der Vorversammlung sorgen die in einem Trägerkreis zusammenarbeitenden Kooperationspartner aus Deutschland (siehe unten). Eingeladen werden Personen, die sich mit den Folgen der gegenwärtigen Globalisierung (sei es im wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen, kulturellen, juristischen oder einem anderen Bereich) sowie Perspektiven einer Demokratisierung auseinandergesetzt haben und in ihren jeweiligen Herkunftsregionen gut vernetzt sind. Das können Repräsentant:innen zivilgesellschaftlicher Organisationen, Wissen­schaftler:innen, Kunst- und Kulturschaffende sein. Gemeinsam sollen sie Schritte zu möglichen weiteren, in den Regionen und Kontinenten stattfindenden Zusammenkünften besprechen, mit denen die Absichten des Prozesses bekannt gemacht und weitere Teilnehmer:innen für die nachfolgende „große Versammlung“ im März 2024 gefunden werden können.

Regionaltreffen

Die Regionaltreffen dienen der Verbreitung der Idee einer Global Assembly, der Debatte über zentrale Fragestellungen sowie strategischen Überlegungen und nicht zuletzt der Bestimmung von Personen, die zur Versammlung im Frühjahr 2024 nach Frankfurt einzuladen sind. Geplant sind Regionaltreffen in Lateinamerika, Afrika, Nahost, Asien, (Ost-)Europa. Die organisatorische Verantwortung für die Regionaltreffen wird an Partner vor Ort delegiert, die mit Mitteln aus dem Projekt gefördert werden und den Auswahlprozess der Teilnehmer*innen um partizipative Grundsätze erweitern.

Große Versammlung

Den Abschluss bildet die große Versammlung, zu der im Frühjahr 2024 etwa 100 bis 150 Personen aus aller Welt in Frankfurt zusammenkommen werden. Dabei wird die Versammlung vor allem Stimmen vereinen, die nicht dem üblichen Konferenz-Jetset angehören. Sie beansprucht keine Repräsentativität, sondern legitimiert sich aus dem Engagement und der Bereitschaft der Teilnehmenden. Die Frage der Repräsentativität stellt sich nur hinsichtlich von Diversitätskriterien wie Geschlecht, sozialer Zugehörigkeit, ethnischer und kultureller Herkunft, Alter. Verhandelt wird nicht eine kleinteilige Agenda realpolitischer Fragen, sondern es geht um die Grundlagen eines vom visionären Potential der Teilnehmer:innen getragenen transnationalen Ethos.

Die Teilnehmer:innen der Versammlung sollen Gelegenheit erhalten, sich während ihrer Anwesenheit in Frankfurt intensiv mit der Stadtgesellschaft auszutauschen: Neben Diskussionsveranstaltungen und anderen gemeinsamen Aktivitäten soll die Unterbringung der Gäste gemeinsam mit Frankfurter Initiativen, Vereinen, Kirchengemeinden und anderen organisiert werden. Für einen möglichst intensiven Austausch ist die Zusammenarbeit mit kulturellen Einrichtungen wie dem Schauspiel, der Alten Oper, dem Mousonturm oder den Museen angestrebt.

Geplant ist, die Versammlung von einer Gruppe von Chronist:innen begleiten zu lassen, die sich aus Schriftsteller:innen aus dem Süden zusammensetzt und dafür sorgt, dass über den Prozess weltweit berichtet wird.

B. Symposium und begleitende wissenschaftliche Veranstaltungen

Das Symposium im Herbst 2022 richtet sich zunächst an die hiesige Öffentlichkeit sowie an die an der Vorbereitung des weiteren Prozesses mitwirkenden Personen und Organisationen. Es steht unter dem Thema „Kosmopolitismus von unten“ und dient der thematischen Selbstverständigung sowie der Formulierung von Ideen und Fragen, die für den weiteren Prozess von Bedeutung sein können.

Themen und Fragestellungen, die auf dem Symposium nicht hinreichend behandelt werden können, wird der „Utopische Raum“ in monatlichen Abendveranstaltungen von Oktober/November 2022 bis März 2023 gesondert aufrufen.

In diesem Zusammenhang kann auch auf einen zweitägigen Workshop hingewiesen werden, der im April 2023 stattfinden soll: Er beschäftigt sich mit dem Verhältnis zwischen Demokratie und Eigentum und wird gemeinsam von „mehr als Wählen e.V.“, dem Offenen Haus der Kulturen und dem „Utopischen Raum“ organisiert.

C. Kulturelle Aktivitäten

Den Prozess der „Global Assembly“ begleiten kulturelle Aktivitäten, darunter Konzerte, Ausstellungen, Vorträge.

Der universelle Kompass

Den Anfang bildet eine Produktion unter dem Titel „Der universelle Kompass“, die gemeinsam mit dem Ensemble Modern und dem Schriftsteller Ilija Trojanow geplant wird und schon Anfang Oktober 2022 als eigene Abendveranstaltung zum Symposium zur Aufführung kommt. Texte aus aller Welt, welche die Würde des Menschen zum Thema haben und bis in die Zeit um 3000 v. Chr. zurückreichen, werden als poetische Zeugnisse performativ zum Ausdruck gebracht und im Zusammenspiel mit Musik des „Ensemble Modern“ sowie dem in Frankfurt ansässigen internationalen Ensemble „Bridges“ künstlerisch verarbeitet.

Chronist*innen

Zusammen mit Ilija Trojanow laden wir eine Gruppe von Schriftsteller*innen aus allen Teilen der Welt ein, welche die globale Versammlung begleitet und darüber berichtet. Es wird angestrebt, mit relevanten Zeitungen und Medien vorab feste Kolumnen zu verabreden. 

D. Organisation und Verwaltung

Initiativkreis

Verantwortlich für die Realisierung des Vorhabens ist der „Initiativkreis Global Assembly“, den der Utopische Raum im Globalen Frankfurt, eine Kooperation der Stiftung medico international mit dem Institut für Sozialforschung (IfS) und der Frankfurter Rundschau, unter Hinzuziehung weiterer Personen gebildet hat. Derzeit gehören dem Initiativkreis die folgenden Personen an: Sidonia Blättler, IfS, Ramona Lenz und Thomas Gebauer, Stiftung medico, Stephan Hebel für die FR, Barbara Unmüßig, langjährige Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, Cornelia Füllkrug-Weitzel, langjährige Präsidentin von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, Rainer Weitzel, langjähriger Organisator von Kirchentagen, sowie der Schriftsteller Ilija Trojanow.

Trägerkreis

Daneben hat der Initiativkreis einen Trägerkreis gebildet, dem eine Reihe von global vernetzten Stiftungen, NGO und sozialen Bewegungen angehören. In der Anlaufphase wurden nur Einrichtungen mit Sitz in Deutschland angesprochen; in einer späteren Phase wird sich der Kreis über Deutschland hinaus erweitern.

Die Aufgabe des Trägerkreises ist die maßgebliche Mitwirkung bei der Auswahl und Vorbereitung der Teilnehmer*innen der „Global Assembly“. Zudem wird der Trägerkreis auch bei der Organisation der Regionaltreffen aktiv. Derzeit gehören ihm an: Brot für die Welt, Heinrich-Böll-Stiftung, Rosa Luxemburg Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung (angefragt), INKOTA, FIAN, attac, Institut für Menschenrechte, European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), Reporter ohne Grenzen, das Institute of Development and Postcolonial Studies an der Universität Kassel, das Institut für internationale Politik an der Universität Wien, das Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main. Unterstützend wirken mit: Misereor, der DGB, medica mondiale.

Unterstützer*innenkreis

Zusätzlich lädt der Initiativkreis soziale Bewegungen, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen und Privatpersonen zur Unterstützung des Gesamtprojektes ein. Die Unterstützung kann finanzieller, ideeller oder organisatorischer Art sein. Die Unterstütze*innen werden namentlich genannt, haben aber keinen Einfluss auf das Gesamtgeschehen.

F. Kooperationspartner

Die Global Assembly ist eingebunden in das vom „Netzwerk Paulskirche“ koordinierte Programm, mit dem die Frankfurter Stadtöffentlichkeit die Paulskirchen-Jubiläen begehen wird. Das Netzwerk ist ein loser Zusammenschluss von inzwischen etwa 30 zumeist zivilgesellschaftlichen Frankfurter Initiativen, die sich mit der Stadt Frankfurt abstimmen.

Die „Global Assembly“ und die vorbereitenden Aktivitäten werden unter anderem finanziert von der Stadt Frankfurt, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Bundeszentrale für politische Bildung.

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