Morningshow05_261020
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Die stets offene Studiotür, Tanja, Tobi und das Studiofenster zur Regie (v.l.n.r.), hier freitags um kurz nach acht.

Porträt der Woche

HR3-Morningshow: Die Frühschicht mit Tanja Rösner und Tobias Kämmerer

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Tanja Rösner und Tobias Kämmerer moderieren die HR3-Morningshow ab 5 Uhr. Ihnen hilft das Ende der Sommerzeit sehr.

Spanngurte. Wie oft haben die zwei schon den Begriff Spanngurte aussprechen müssen? „Ich weniger“, sagt Tobi. „Ich ohne Ende“, sagt Tanja. Es ist kurz nach 8 am Morgen und die beiden, die wir hier salopp beim Vornamen nennen, weil praktisch alle sie salopp beim Vornamen nennen, sind für vieles zuständig – unter anderem dafür, dass wir mit dem Auto gut ans Ziel kommen. Und wenn da ein Spanngurt auf der Fahrbahn liegt, dann gibt Tanja Rösner das durch. In den Verkehrsmeldungen. In der Morningshow. Im Radio. Bei HR3.

„Ich will seit Jahren ein Video drehen“, sagt Tobias Kämmerer, „wie ich Tanja mit einem Spanngurt auf einem Lastwagen befestige, damit die endlich begreifen, wie man das richtig macht.“ Natürlich nur im Spaß. Es handelt sich bei Tanja und Tobi schließlich um das Traumpaar der hessischen Radioszene.

Ihre Wecker, und das ist der Grund, warum sie ausgerechnet heute in der Zeitung auftauchen, klingeln um 3.15 Uhr. Beziehungsweise: „Meiner klingelt um 3.14 Uhr“, sagt Tobi – „vierzehn!“, lacht sich Tanja kaputt –, „dann checke ich im Liegen auf dem Smartphone, was es Neues gibt“, schildert Tobi weiter, „und dann verabschiedet sich mein Geist erst mal wieder.“ Die Klamotten für den Tag sucht er blind aus – „immer das, was oben liegt“, lästert Tanja – „ohne Dusche geht gar nichts, und dann: Kaffee“.

Mit anderen Worten: Diese zwei Menschen stehen an Werktagen früher auf als Gartenrotschwanz und Singdrossel. Sie gehen um 5 Uhr auf Sendung. Da könnte es durchaus eine gewisse Bedeutung haben, wenn gerade die Zeit eine Stunde zurückgedreht wurde. Oder?

Wie schafft man das bloß, jeden Tag so früh aufzustehen?

„Und ob!“, sagt Tanja. „Das ist für mich eine ganz entscheidende Stunde, ob ich meinen Wecker auf 3.15 Uhr stelle oder quasi auf 4.15 Uhr (bei Tobi natürlich: quasi 4.14 Uhr). Ein Riesenunterschied.“ – „Bei mir machen schon zehn Minuten einen Riesenunterschied“, sagt Tobi.

Die Sendung läuft, gerade hat ein Mann aus Dautphetal eine Sprachnachricht geschickt und will wissen, wie das Wetter am Wochenende wird. Tanja und Tobi sitzen auf hohen Hockern vor ungefähr 700 Monitoren, na gut, lass es zehn sein, umgeben von kran-artigen Mikrofonstativen. Überm Studiofenster läuft Frühstücksfernsehen, hinterm Fenster sitzt ein Team von Mitarbeitern, die Studiotür ist offen, man ruft und scherzt hin und her. Eine dominante Uhr mit roter LED-Anzeige zählt Minuten und Sekunden.

Wie schafft man das bloß, jeden Tag so früh aufzustehen? „Ich mahle abends schon den Kaffee“, sagt Tanja, „ich bereite alles vor, damit ich morgens nur noch zwei Knöpfe drücken muss. Jede Minute zählt.“ Geschlafen wird dann mittags nach der Sendung und abends geht’s um neun, halb zehn ins Bett. „Mein Sohn bleibt inzwischen länger auf als ich“, sagt die Moderatorin. „Und von meinem Mann kriege ich normalerweise nicht sehr viel mit.“ Es sei denn, er macht Homeoffice. Wegen der Pandemie.

Und Tobi? „Ich schlafe nie. Ich lauere.“ Alle lachen. Manchmal bleibe er bis Mitternacht wach, sagt er. „Und manchmal ratz’ ich auf der Couch ein, bevor die Tatort-Melodie verklungen ist.“ Aber bei aller Morgenqual: „Es ist für uns ein unvergleichlicher Luxus, mittags daheim zu sein und unsere Kinder aufwachsen zu sehen.“ Tanja war stets Frühaufsteherin und kroch schon zu Zeiten ihrer Magisterarbeit um 6 Uhr morgens aus den Federn. Tobi grinst. „Ich finde mich in dieser Erzählung nicht wieder.“ Bei ihm war es erst die Geburt des Sohnes, die die Wende brachte. „Da hat meine Frau gesagt: Jetzt gehst du nachts auch mal raus. Seither ist mein Biorhythmus umgestellt.“

„Mega, der Austausch mit den Hörern“

Äh, und die Radiosendung? Wird hier mit der Presse geplaudert oder wird hier live gesendet? Beides. Es ist phänomenal. „Ihr könnt hier ganz normal reden, außer das passiert“, hat Tobi dem FR-Team eingangs gesagt und kurz das rote Licht eingeschaltet. Wenn das nämlich leuchtet, das Rotlicht, dann plaudern die zwei fröhlich mit den Hörern und miteinander, und wenn das Licht wieder ausgeht, kommt es vor, dass Tanja oder Tobi den Satz zu Ende sprechen, den sie vor dem roten Licht angefangen haben. „Früher konntest du mich“ – Rotlicht an –: „Ja, lieber Thomas aus Dautphetal, du kannst am Samstag noch mal grillen, das Wetter wird gut, und am Sonntag kommt es darauf an, wie dein Verhältnis zu den Nachbarn ist, ob du die Heckenschere noch mal auspackst“ – Rotlicht aus -, „vor 11 Uhr morgens wegschmeißen“.

Auch wenn es manchmal im Radio so klingt, als wären Tanja und Tobi schon zusammen zur Schule gegangen: Das stimmt nicht. „Wir kannten uns vom Sehen“, sagt Tanja, „ich war die, die bei YouFM Quatsch gemacht hat, er hier bei HR3.“ Vor vier Jahren gingen sie dann zusammen auf Sendung – ein Erfolgsmodell. „Manchmal schnackelt’s“, sinniert Tobi, „und bei uns war’s die Maximalschnackelung.“

„Felix?“, ruft Tanja aus dem Studio hinaus in die Regie, „kannst du mir für den 9-Uhr-Opener die Heike aus Neu-Anspach reingeben?“ Ein Hörerinnenanruf. Es kommt viel von außen, jede Menge Whats App. „Wir versuchen, so viel wie möglich zu beantworten“, sagt Tanja. „Mega, der Austausch mit den Hörern“, sagt Tobi.

Was die beiden da machen, ist Multitasking in Vollendung. Der Sendungsablauf minutiös auf einem Monitor, Moderationstexte der Redaktion auf dem nächsten. Da könnten Tanja und Tobi zur Not einfach ablesen – machen sie aber nicht, sondern formulieren, wie es ihnen gefällt. Zwischendurch ein Anruf bei der Nachrichtensprecherin mit der Frage, wie ihr letzter Halbsatz laute, damit der Übergang zurück zur Moderation locker gelingt. Auf einem weiteren Monitor: Recherchen, um einige der eintrudelnden Fragen zu beantworten, den Rest übernimmt das Team auf der anderen Seite der Glasscheibe. Manche Sendungsbestandteile sind schon am Vortag produziert und werden eingespielt. Auch das muss man ja im Kopf behalten. Es ist für Außenstehende verwirrend viel. Aber nebenher twittern oder mit neugierigen FR-Reportern plaudern, das ist trotzdem drin.

„Es ist halt ein großer Vorteil, dass wir zu zweit sind“, sagt Tanja. „Einer allein würde es in dieser Masse und Intensität nicht schaffen.“ Sie könnten sich in jeder Situation hundertprozentig aufeinander verlassen, sagen beide. „Ich weiß, Tanja lässt mich nie hängen“, sagt Tobi. „Gut, manchmal kommt da auch ein Spruch, aber sonst …“ Hat sie vorhin nicht gefragt, wie doof er eigentlich sei? Live? On Air? Nein, bestimmt nicht. Und wenn doch, dann war das ja nur Spaß. So was kann der Maximalschnackelung nichts anhaben.

Tobi spielt das Wetter auf dem E-Piano

Ein Hörer möchte von Tobi ein Foto mit langen Haaren sehen. HR3-Kenner wissen: Er trug früher mal Matte. „Gibt’s im Internet.“ Früher trug in der Morningshow auch mal jemand Wolle. Das war Manfred, das Schaf, sehr beliebt beim Publikum. Aber Manfred hat sein Arbeitsleben hinter sich, er darf jetzt morgens ausschlafen und lebt „zurückgezogen bei der Tanja in der Nähe, glücklich und rüstig“.

Tobi spielt das Wetter auf dem E-Piano. Das war eine Idee in einer Teamklausur. „Hey, du spielst Klavier?“, sagte einer, „spiel doch in der Morningshow!“ – „Jaja, soll ich etwa das Wetter spielen, oder was?“ Eine Idee war geboren.

Die Laune der beiden ist ansteckend, nicht nur freitags, wenn es Sekt in der Sendung gibt, nach 7 Uhr. Kommen sie nie in mieser Stimmung zur Arbeit? „Einer fängt den anderen immer auf“, sagt Tanja. „Es ist ein Traumjob in einem Traumumfeld. Ich freue mich morgens fast immer, dass ich arbeiten gehen kann.“

Einmal blieb Tobi im Aufzug stecken und die Sendung lief. Also rief er aus dem Lift an und die Welt durfte an dem Drama teilhaben. Unbezahlbare Momente für ein Radioformat, das Spaß machen soll, mit einem Duo, das nach außen wirkt. In einem Podcast lassen sie seit einiger Zeit hinter die Kulissen des Funkhauses hören, sie sind auch optisch präsent, moderieren Veranstaltungen, treten im Fernsehen auf, Tobi gastierte just am Wochenende in der Quizshow „Gefragt – Gejagt“. Und Tanja ist, Tusch: Hessische Weihnachtsbaumkönigin 2020! Im November vertritt sie uns royal in Berlin.

„Hallo, wir haben die 60 000 Follower auf Instagram geknackt“, ruft eine Kollegin ins Studio. Und die Sektgläser sind leer! Na, ist ja auch schon 8.59 Uhr und 24 Sekunden. Eine weitere Kollegin steckt den Kopf durch die Tür: „Moin.“ – „Moin“, sagt Tobi, „das ist die Julia Tzschätzsch, die macht den Vormittag.“ Die Sendung nach der Morningshow.

Die Frühschicht entspannt sich und bereitet noch ein paar Inhalte für den nächsten Tag vor. Dann werden die Wecker wieder um 3.15 Uhr klingeln (beziehungsweise um 3.14 Uhr). Die Spanngurte auf der Autobahn werden wie immer aktuell reinschnalzen. Aber das hat noch Zeit. Jetzt wird erst mal geschlafen.

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