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Theaterregisseurin Regina Busch vor dem Haus in der Stefanstraße 26, in dem Rosemarie Nitribitt wohnte.

Porträt der Woche

Die Frauen im Hintergrund

  • Judith Köneke
    vonJudith Köneke
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Theaterregisseurin Regina Busch wagt in ihrer Inszenierung einen neuen Blick auf Rosemarie Nitribitt und Prostitution. Das Stück wird im Rahmen von „Frankfurt liest ein Buch“ aufgeführt.

In ihrer neuen Inszenierung sollen die Frauen im Mittelpunkt stehen. Sexarbeiterinnen, deren Namen niemand kennt, daneben Frankfurts berühmteste Edelprostituierte Rosemarie Nitribitt, erläutert Regisseurin Regina Busch. Denn in „Nitribitt: Reloaded“, das Ende Oktober im Internationalen Theater Premiere hat, stehe der Mensch Rosemarie im Vordergrund – und nicht das Skandalöse oder ihr gewaltsamer Tod. „Uns hat ihr Weg interessiert“, sagt Busch. Ihr gleichnamiges Ensemble führt das Stück im Rahmen von „Frankfurt liest ein Buch“ auf. Die Gruppe habe sich sehr mit der Vorgeschichte der jungen Frau beschäftigt, und wo sie herkommt. Diese Aspekte seien bislang wenig thematisiert worden.

Gleichzeitig befasste sich das Ensemble, das sich aus professionellen und Amateur-Schauspielerinnen zusammensetzt, mit dem vielschichtigen Feld der Prostitution. „Dieses Thema hatten wir schon vor zwei Jahren für das Stück festgelegt“, erläutert Busch. Später habe man Nitribitt hinzugefügt. Und sie seien überrascht und erfreut gewesen, als sie erfuhren, dass das Buch von Erich Kuby im Zentrum des Lesefests steht. „Aber mit dem Anspruch, den Blick weg von der männlichen Sicht auf sie zu lenken.“

Auch bei der Sicht auf die Prostituierten interessieren sie die Frauen selbst, ihre unterschiedlichen Lebensweisen und Wege in diesen Beruf, erklärt Busch. Denn meist würden diese recht klischeehaft dargestellt. Den anonymen Frauen wollen sie ein Gesicht und eine Stimme geben. Und diese auch in Verbindung zur Stadt und zur Gesellschaft setzen.

Aufführungen

Nitribitt Reloaded: Die Premiere ist am Freitag, 30. Oktober, um 20 Uhr.

Weitere Aufführungen sind am Samstag, 31. Oktober, jeweils um 18 und 20.30 Uhr, und Sonntag, 1. November, um 18 Uhr im Internationalen Theater, Hanauer Landstraße 7. Tickets unter internationales-theater.de.

Das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ zu „Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind“ von Erich Kuby findet von 24. Oktober bis 1. November statt.

Programm: frankfurt-liest-ein-buch.de

Normalerweise spiele das Ensemble, das Busch 2006 gründete, existierende Stücke. In den letzten Jahren etwa „Das letzte Feuer“ von Dea Loher und „Don Juan kommt aus dem Krieg“ von Ödön von Horváth. So unterschiedlich die Stoffe auch sind, immer arbeiteten die Gruppenmitglieder gemeinsam heraus, was ihnen wichtig erscheine und setze es in Bezug zur heutigen Zeit. Die Theatermacherin legt zudem Wert darauf, dass die Schauspieler gemeinsam über das neue Stück beraten und in den Entscheidungsprozess mit einbezogen sind.

Das kann schon seine Zeit dauern. Drei Monate nehme man sich für die Auswahl, dann brauche es ein gutes Jahr, um es zu erarbeiten und in fünf Monaten werde es letztlich bühnenreif gemacht, beschreibt die gebürtige Bremerin. Darum werden zu Beginn aus jedem Stück Szenen gemeinsam gelesen und improvisiert, denn ein Stoff könne sich so ganz anders darstellen als beim Lesen allein. Das Gleiche gelte auch andersherum. „Das Ziel ist, dass sich die Gruppe damit identifizieren kann“, so Busch. Wichtig ist ihr, als Regisseurin keine Texte aufzuzwingen, sondern lediglich Vorschläge zu machen.

Angefangen hat Busch als Regieassistentin in den 90er Jahren bei der Bremer Shakespeare Company. Zuvor hatte sie ihr Literaturwissenschaftsstudium abgebrochen und für die Shakespeare Company das Theatercafe Falstaff eröffnet. Doch sie merkte, dass sie gerne mit Texten arbeitet und am liebsten Theater machen wollte. Statt weiter zu studieren, entschied sie sich für praktische Erfahrung. Es folgten diverse Anstellungen als Regieassistentin in Bremen und Konstanz und Stipendien für das Berliner Theatertreffen, Lincoln Center Theater in New York.

Im Jahr 2000 verschlug es Busch nach Frankfurt, der Liebe wegen. Und sie ist geblieben und hat geheiratet. In Zeiten von Einsparungen im Kulturbereich wollte sie sich ein zweites Standbein aufbauen und ließ sich zur Videojournalistin ausbilden. Und so arbeitet die 54-Jährige parallel noch als Regisseurin für klassische Konzertaufzeichnungen des HR-Symphonieorchesters.

Doch damit nicht genug, Busch ist außerdem künstlerische Leiterin der Daedalus Company, die sie 2010 mitgründete. Im Gallustheater, dem Stammhaus des freien Ensembles, wurde im September der erste Teil einer Trilogie aufgeführt. Dafür arbeitet sie mit einer jungen Regisseurin und zwei Performerinnen zusammen. In der Trilogie geht es um weibliche Strategien zur Selbstermächtigung. Die Company hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen in der Darstellenden Kunst und Musik zu fördern, denn die weibliche Perspektive ist in beiden Bereichen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert.

Und wie bekommt Busch das alles unter einen Hut? „Die Arbeit lässt sich gut verknüpfen und befruchtet sich gegenseitig.“ Und in manchen Augenblicken überkomme es sie sogar, ihr Literaturstudium doch noch abzuschließen.

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