1. Startseite
  2. Frankfurt

Die Frankfurter Schauspielerin Kathrin Enders ist Gebärdensprachdolmetscherin

Erstellt:

Kommentare

Kathrin Enders sieht noch viel Verbesserungsmöglichkeiten im Leben von Gehörlosen.
Kathrin Enders sieht noch viel Verbesserungsmöglichkeiten im Leben von Gehörlosen. © Nina Grützmacher

Noch immer stehen gehörlose Menschen vor zu vielen Barrieren, sagt Enders. Bei ganz alltäglichen Dingen wie der Eröffnung eines Kontos, beim Kauf eines Autos oder in der Ausbildung.

Frau Enders, bevor Sie die Ausbildung zur Gebärdensprachdolmetscherin absolviert haben, hatten Sie keinerlei Kontakt mit der Gebärdensprache oder der Community?

Ja, das ist schon faszinierend, wenn ich das von meinem jetzigen Wissens- und Erfahrungsstand aus betrachte. Ich war wirklich ein komplett unbeschriebenes Blatt. Und da sieht man auch wieder, wie die tauben Menschen unter dem Radar laufen bei uns in der Gesellschaft. Wenn du keinerlei Kontakt hast, dann weißt du zwar, es gibt diese Menschen, aber du hast ja keinerlei Vorstellung und machst dir auch keine Gedanken. Das ist erschreckend. Ich habe zum Beispiel auch früher gedacht, Gebärdensprache ist international.

Das gängige Klischee …

Ja, genau. Deswegen finde ich das auch nicht so schlimm, wenn das Leute fragen, weil es sich eben um eine Subkultur handelt. Bei mir war es auch kein Desinteresse, Ignoranz oder Diskriminierung oder so etwas. Die Gebärdensprache war einfach nicht Teil meines Lebens. Sie war bei mir nicht präsent genug dafür.

Jetzt, wo sie für Sie präsenter ist, was ist Ihrer Meinung nach für hörende Menschen wichtig darüber zu wissen?

Einmal ist es ganz wichtig, dass es eine anerkannte, komplexe und gleichwertige Sprache ist. Das ist natürlich schwer vorstellbar, weil sie so anders ist. Und auch, wie viele Barrieren es für gehörlose Menschen noch gibt, obwohl es mittlerweile schon mehr Dolmetscher gibt. Im Rhein-Main-Gebiet sind wir zum Beispiel im Verhältnis zu den gehörlosen Menschen zu wenige. Und was sehr viele Leute glauben – das dachte ich übrigens früher auch –, die können ja sehen, also können sie lesen. Aber das ist nicht automatisch der Fall. Dieses Bewusstsein zu schaffen, dass Deutsch für die tauben Menschen eine Fremdsprache ist und die Gebärdensprache die Muttersprache.

In welchen Bereichen sind Sie denn als Gebärdensprachdolmetscherin tätig?

Also hier im Rhein-Main-Gebiet sind es sehr viele Aufträge im Bereich Ausbildung und Schule. Und gerade komme ich zum Beispiel von einer Betriebsversammlung in einer Firma. Es gibt auch Termine wie Mitarbeitergespräche, Teamsitzungen, Behördengänge und Arztbesuche. Da ist wirklich alles dabei und manchmal zum Glück auch ein Stück am Theater dolmetschen. Das ist dann natürlich besonders schön.

Sortieren Sie dann auch Anfragen aus?

Ich persönlich mache das nicht. Ich gehe wirklich danach, ob ich Zeit habe, und dann nehme ich den Auftrag an, egal, was es ist. Es ist natürlich so, dass so Sachen wie Schule oder Ausbildung oder regelmäßige Teamsitzungen weiter im Voraus geplant werden. Solche Termine hast du dann schon sehr lange und wenn dann kurzfristig eine Arztanfrage oder sonst irgendwas reinkommt, dann kann es natürlich sein, dass du keine Zeit hast.

Zur Person

Kathrin Enders ist ursprünglich Schauspielerin und kam erstmals durch die Rolle der „stummen Kattrin“ in Bertolt Brechts Mutter Courage zur Gebärdensprache. Kurz danach belegte sie ihren ersten Gebärdensprachkurs und absolvierte drei Jahre später die Prüfung zur Gebärdensprachdolmetscherin. Seitdem arbeitet sie zusätzlich als Übersetzerin im Rhein-Main-Gebiet.

Wo stehen Sie als Dolmetscherin? Sind Sie eine Art Vermittlerin zwischen zwei Welten?

Tatsächlich ist es abhängig von der Situation. Ich bin keine Expertin für die Gebärdensprache als Muttersprache oder die Kultur der tauben Menschen oder ihre Erfahrungen. Durch mich wird aber oft das erste Bewusstsein geschürt, wenn ich da als Dolmetscherin stehe. Dadurch bekommen viele hörende Menschen erst mit, dass es Leute gibt, die nichts hören können. Das Bewusstsein kann also ganz klar auch über uns als Dolmetscher geweckt werden. Man bereitet also den Weg und hoffentlich können den dann taube Menschen beschreiten und weiterbauen.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf hinsichtlich der Situation der Gebärdensprachdolmetscher:innen?

Da gibt es einige Punkte. Einerseits muss der Beruf populärer gemacht werden, das würde nämlich schon helfen, den Dolmetschermangel zu begleichen. Und manchmal gibt es auch noch Kämpfe darum, wer den Einsatz bezahlt. Es gibt ganz viele Bereiche für Gehörlose, die nicht bezahlt werden. Ganz normale Dinge, wie zur Bank gehen und ein Konto eröffnen oder ein Auto kaufen gehen, sogenannte „Privatvergnügen“, aber trotzdem gesellschaftlich wichtig. Und selbst bei Ausbildungen muss man manchmal erst mit dem Kostenträger kämpfen und erklären, warum der Student jetzt Dolmetscher braucht.

Es gibt also noch einige Hürden?

Ja, da werden den tauben Menschen einfach noch zusätzliche Barrieren in den Weg gelegt. Aber auch die Sichtbarkeit ist ein Thema. Wenn jetzt, wie in anderen Ländern, bei gewissen Sendungen im Fernsehen oder bei Veranstaltungen viel selbstverständlicher ein Dolmetscher dabei wäre, dann wäre das auch für die Hörenden eine größere Selbstverständlichkeit. Und auch für die Gehörlosen wäre es leichter, sich aussuchen zu können, an welchen gesellschaftlichen Veranstaltungen und Themen sie teilhaben können.

Sie waren zunächst Schauspielerin und sind es immer noch. Lässt sich Kunst und Literatur der beiden Sprachen Ihrer Meinung nach vergleichen?

Ich glaube, es ist einfach anders. Es gibt ja zum Beispiel auch Gebärdensprachkunst und Gebärdensprachpoesie. Es gibt Gehörlose, die fantastischste Poesie erschaffen. Natürlich reimt sich da nicht ein Wort auf das andere und es gibt nicht diese Strukturen und Verse. Du kannst die Dinge absolut in die Gebärdensprache übertragen, aber eben anders. Bei Wortspielen gibt es aber Herausforderungen. Genauso wie es Redewendungen im Deutschen gibt, die es im Englischen nicht gibt, ist es auch hier. Aber Kunst und Theater in Gebärdensprache zu übertragen, das geht natürlich.

Würden Sie sich dabei mehr Kooperationen zwischen hörenden und gehörlosen Künstler:innen wünschen?

Ja, auf jeden Fall! Darüber gibt es eine große Diskussion. Die tauben Menschen in Deutschland sind ja jetzt in der Emanzipationsphase und kämpfen für ihre Selbstständigkeit und das ist ganz wichtig. Oftmals werden da Rufe laut, die sagen: Ja es ist ja schön, dass übersetzt wird, aber perfekt wäre es, wenn wir einfach dabei wären. Das ist auf jeden Fall der Idealzustand, wenn wir gemeinsam Kunst erschaffen können. Vielleicht wird dann irgendwann auch mal andersherum übersetzt.

Interview: Anna Laura Müller

Auch interessant

Kommentare