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Ein Speierling am Berger Hang in Frankfurt.
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Ein Speierling am Berger Hang in Frankfurt.

Naturschutz

Die Erben des „Dicken“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Baumfreundliche Menschen kämpfen mit Herzblut um das Überleben der Speierlinge in Frankfurt, doch die Art hat es schwer.

Viele Menschen in Frankfurt und Umgebung lieben den Speierling. Besonders, wenn der Baum ganz dick gewachsen ist. Vor dreieinhalb Jahren kamen durch eine Spendenaktion in der Frankfurter Rundschau ruckzuck 1500 Euro zusammen, um den allerdicksten Frankfurter Speierling am Lohrberg zu retten.

Der an die 200 Jahre alte und 114 Zentimeter Durchmesser dicke Baum hatte viel durchgemacht. 1985 noch stark und schön, war er um die Jahrtausendwende nicht wiederzuerkennen, erinnert sich die die Biologin und Landschaftsökologin Monika Peukert. „Man hatte ihm etliche seiner dicken Äste gekappt – diese Wunden konnte er nicht mehr heilen, und vermutlich konnte deshalb der Riesenporling den Baum angreifen.“ Ein Pilz. Feuchtigkeit und Fäulnis setzten dem Baum zu.

Speierling

Seltener Sieger: Der Speierling, Baum des Jahres 1993, ist eine eher seltene Baumart, lange Zeit weniger gewürdigt als andere Obstbäume. Dabei trägt er nach 20 Jahren einen Zentner, ausgewachsen sogar bis zu 1000 Kilo Früchte, die für Preise bis zu 1,20 Euro pro Kilo verkauft werden. „Der Speierling ist etwas Besonderes“, bescheinigte der bekannteste Freund und Förderer der Art, der Forstwissenschaftler Wedig Kausch-Blecken von Schmeling: „Im Herbst fallen die Bäume auch am ehesten den Spaziergängern auf, denn leuchtend gelbrote Früchte sind an anderen Waldbäumen unbekannt. Man denkt bei den kleinen Früchten vielleicht zunächst an Birnen oder Äpfel, doch die gefiederten Blätter passen nicht zu diesen Arten.“

Kämpfertyp: In Frankfurt hat Monika Peukert 2019 mit ihrem Büro für angewandte Landschaftsökologie die Altspeierlinge kontrolliert. Dabei stieß sie auf 53 Bäume, vier davon tot. „Einer ist auseinandergerochen, lebt aber noch“, beschreibt sie, „einer liegt schon über zehn Jahre, der Stamm abgesägt, treibt aber noch aus.“ Bäume mit Kämpferherz. 22 davon seien akut pflegebedürftig, 22 weitere bräuchten dringend eine Umgebungspflege. „Insgesamt geht es diesen Bäumen nicht gut“, urteilt die Fachfrau. Manche seien in schlechtem Gesundheitszustand, verstümmelt, manche von Pilzen befallen. Die meisten würden nicht mehr gepflegt, aus einem einfachen Grund: „Weil sie nicht mehr genutzt werden.“ Nur wenige dieser alten Speierlinge hätten das Glück, in städtischer Obhut regelmäßig kontrolliert und gepflegt zu werden.

„Der Dicke“ drohte seinerzeit umzukippen – auf die Hütte einer alten Dame, die sich die Sanierung nicht leisten konnte. Inzwischen, nach tatkräftiger Hilfe dank der Spenden, geht es dem Baum besser, berichtet Monika Peukert, die die Rettung ankurbelte. „Der Dicke steht gut da.“ Aber: Der Pilz tue wohl im Verborgenen weiter sein zerstörerisches Werk. Irgendwann erreiche er die Hauptwurzeln. Der Stamm könnte in Bodennähe abrechen.

Und dann? „Der Baum hat vorgesorgt“, sagt Monika Peukert, „am Stammfuß wächst ein junger Schössling heran, mittlerweile armdick, den wir als ,Retter‘ ansehen, falls der Dicke mal ab- oder auseinanderbricht.“

Noch besser wäre es freilich, der Speierling hätte überall in der Stadt seine „Retter“, seinen Nachwuchs, der die Art vor dem Verschwinden bewahrt. Der Seckbacher Dicke war nicht der einzige, der diesen Titel völlig zu Recht trug. Schon vor mehr als 20 Jahren segnete ein anderer mächtiger Speierling das Zeitliche auf der Höhe zwischen dem Frankfurter Berg und der Nidda, im Feld an der Bonameser Straße. Als er fiel, gab es Bestrebungen, einen Nachfolger heranzuzüchten und dereinst zu krönen. Doch die rauen Wetterverhältnisse in der Gegend ließen ihn nicht ins Amt wachsen. Irgendwann musste das Grünflächenamt ihn aufgeben und wieder wegnehmen. Ersatz war angedacht, kam aber nie, was Ingolf Grabow sehr bedauert, Vogel- und Baumschützer beim Nabu und beim BUND.

Es ist der scharfe Wind, der den Bäumen dort oben auf der Höhe zwischen Eschersheim, Frankfurter Berg und Bonames zu schaffen macht. Man kann es deutlich an der Allee entlang der Bonameser Straße sehen. Die einst stolze Phalanx von 114 noch jungen Bäumen (die 114 muss wohl eine magische Speierlingszahl sein) zeigt sich inzwischen arg geschrumpft. Ingolf Grabow kam beim Zählen vor einiger Zeit auf nicht einmal mehr 70 Bäume. Ein herber Verlust, besonders vor dem Hintergrund, dass es in Frankfurt nur noch ein paar Hundert Speierlinge gibt, höchstens, und davon kaum 50 Altbäume. Dabei gehören sie aus uralter Tradition hierher. Sie stehen heute sinnbildlich für die Liebe des Menschen zur Natur. Ihre Früchte sind nicht nur wichtig für den Apfelwein. Wer sie lang genug reifen lässt, kann sie sogar essen – sie werden dann tatsächlich süß.

Grabow und Peukert haben nun noch einmal an die Stadt appelliert, die Lücken in den Baumreihen wieder mit jungen Speierlingen zu füllen. Und bei der Gelegenheit auch zu überprüfen, ob der Wiesenstreifen, den die Stadt eigens bei den Grundstücksbesitzer:innen zusammenkaufte, noch so breit ist wie zu Beginn – er sei offenbar auf wundersame Weise zugunsten der angrenzenden Ackerflächen wieder geschrumpft.

Da 2021 der Grüngürtel 30 Jahre alt wird, wäre das doch eine schöne Gelegenheit, dem Speierling zum Aufschwung zu verhelfen, finden Peukert und Grabow. Dem Vernehmen nach ist auch die Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) von der Idee begeistert. „Es geht um etwa 40 Bäume, die nachgepflanzt werden müssten“, sagt Bernd Roser, Abteilungsleiter im Grünflächenamt. Und kommt auch gleich auf das Problem zu sprechen. „Der Wind weht dort so stark“, sagt er. „Das ist zwar gut für die Frischluftzufuhr in der Stadt, aber unseren Bäumen macht das große Schwierigkeiten.“ Mehrmals seien Nachpflanzungen schon daran gescheitert. „Wir haben deshalb beschlossen abzuwarten, bis die vorhandenen Bäume stark genug sind, um den anderen Schutz zu geben.“

Mit sehr jungen Bäumchen die Lücken schließen

Abgesehen davon sei es zurzeit schwer, Speierlinge in guter Qualität zu bekommen. „Die Nachfrage nach Bäumen ist am Markt überall stark.“ Dennoch sei das Ziel, in diesem Herbst mit sehr jungen Bäumchen die Lücken zu schließen. Kleinere Exemplare als bisher, weil sie bessere Chancen hätten anzuwachsen: „Der Wind hat dann weniger Angriffsfläche.“

Es wäre freundlich vom Klima, dann auch ordentlich beim Wässern zu helfen, mit anständigen Regenmengen. Das ist schließlich das Hauptproblem der Bäume in diesen Zeiten: die sommerliche Trockenheit. Aber dafür kann das Klima nichts. Da müssen wir Menschen uns schon an die eigene Nase fassen.

Sollte der amtierende „Dicke“ mal nicht mehr sein, hat Monika Peukert schon die potenziellen Kandidaten für seine Nachfolge ausgemacht: einen in Schwanheim, kaum zugänglich, von Brombeeren eingewachsen, 100 Zentimeter Durchmesser; einen in Sossenheim, in der Parkanlage am Sulzbach, 103 Zentimeter; und einen am Berger Hang, 96 Zentimeter. „In mehrfacher Hinsicht ein Baum der Superlative“, sagt die Expertin: Er habe die größten Früchte, die am weitesten ausladende Krone (mehr als 20 Meter), und er sei einer der schönsten, wenn nicht der schönste Speierling von Frankfurt. „Das war er zumindest bis 2018.“ Aber wie das Leben so spielt: Auch ihm setzt seit Jahren ein Pilz arg zu. Es ist ein Jammer.

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